Und genau zu jener Zeit, als sich der Punk in England voll entfaltete (1977),
brachte eine Band namens Ultravox!, die drei Jahre zuvor von einem gewissen
Dennis Leigh unter dem Pseudonym John Foxx gegründet worden war, bei Island
Records ihr erstes, von Brian Eno produziertes Album heraus. Irgendwo zwischen
Glam-Rock, Punk und der Ursuppe der New Wave entstanden in den folgenden 18
Monaten zwei weitere LPs, bei denen mit Steve Lillywhite und Conny Plank ähnlich
illustre Namen hinter den Reglern saßen. Dennoch blieb der große Erfolg aus;
John Foxx verließ seine Band und begann, Solo-Pfade
zu beschreiten.
Wer an dieser Stelle nun das Ende von Ultravox! vermutet, wird glücklicherweise
enttäuscht: Die übrigen Musiker holten sich mit Midge Ure einen neuen Sänger an
Bord, strichen das "!" am Ende des Namens und schlossen sich - wiederum
gemeinsam mit der deutschen Produzenten-Legende Conny Plank - ins Studio ein.
Das Ergebnis kam Anfang 1980 heraus, hieß "Vienna" und bedeutete den Durchbruch.
Mit "Hymn", "Reap The Wild Wind", "The Voice", "We Came To Dance" und dem
unglaublichen "Visions In Blue" gelangen der Formation zahlreiche europaweite
Single-Hits, die LPs "Rage In Eden" (1981), "Quartet" (1982) und "Monument - The
Soundtrack" (1982, live) avancierten ebenfalls zu Top-Sellern.
Im April 1984 dann erschien - fast zwei Jahre nach dem vorherigen Studiowerk
"Quartet" - das Album "Lament". Zu jener Zeit war der Synthie-Pop die
signifikante Musik der Charts; mit OMD, Human League, Depeche Mode, Duran Duran,
Spandau Ballet, ABC oder den Eurythmics (um nur einige zu nennen) konkurrierten
zahlreiche artverwandte Acts um die Gunst der Hörerschaft. Doch "Lament" braucht
gewiss keine Konkurrenz zu scheuen, denn diese Platte ist zweifelsohne der
absolute Höhepunkt des Schaffens und das musikalischste Album von Ultravox.
Angetrieben von den großartigen Songwriter-Qualitäten ihres Frontmanns Midge Ure
laufen Billy Currie (Synthesizer, Viola), Chris Cross (Synthesizer, Bass) und
Warren Cann (Schlagzeug) zu absoluter Hochform auf. Von den drei Auskopplungen
"One Small Day", "Lament" und "Dancing With Tears In My Eyes" ist insbesondere
der letztgenannte Titel zu einem unsterblichen Radio-Hit und einem der
definitiven Aushängeschilder für die Popmusik der 80er Jahre erwachsen.
Das elegante "Man Of Two Worlds" steht den Singles in nichts nach und wirft mich
mit seinen turbulenten Steigerungen, seinen famosen Melodien und seinem
stilvollen Spannungsbogen bei jedem weiteren Durchlauf auf's Neue regelrecht um.
In "Heart Of The Country" weckt das Viola-Solo Erinnerungen an "Vienna", den
ersten großen Hit der Band aus dem Jahr 1980. Auch die beiden Schlusstracks
"When The Time Comes" und "A Friend I Call Desire" sind noble Popsongs, deren
Melodien sich sofort angenehm in die Gehörgänge schleichen. Einziger kleiner
Schwachpunkt ist der Opener "White China", der doch etwas zu beliebig vor sich
hinplätschert.
Auf die 1999 in der "Gold"-Serie erschienene CD-Wiederveröffentlichung hat der
EMI-Konzern dankenswerterweise noch insgesamt 7 Bonus-Tracks, namentlich
Instrumental-Fassungen von "Man Of Two Worlds" und "Heart Of The Country",
Maxi-Versionen von "One Small Day", "Lament" und "White China" sowie die
Single-B-Seiten "Easterly" und "Building" (Großartig!) gepackt. Glücklicherweise
blieb auch das Original-Artwork von Peter Saville Associates fast vollständig
erhalten. Leider jedoch ist auch diese Edition momentan in Deutschland nicht
erhältlich; die 299 Kronen, die ich dafür im Sommer 2004 in der tschechischen
Hauptstadt Prag berappen durfte, habe ich allerdings zu keiner Sekunde bereut.
Mit "U-Vox" veröffentlichten Ultravox 1985 ein letztes, allerdings deutlich
schwächeres Album in der klassischen Besetzung Ure, Cross, Currie und Cann, ehe
Midge Ure die Band verließ und sich seiner Solo-Karriere widmete. Mit "If I
Was" gelang ihm Ende 1985 auch ohne seine Mitstreiter gleich ein großer Wurf.
Mehrere Versuche der verbliebenen Musiker, Ultravox am Leben zu erhalten bzw.
Mitte der 90er Jahren zu reaktivieren, scheiterten künstlerisch wie kommerziell
ziemlich kläglich. Niemand kann die Zeit zurückdrehen - schon gar nicht, wenn
(wie hier mit Midge Ure) die treibende Kraft in punkto Songwriting und Gesang
fehlt.
Dennoch: Exakt so wie "Lament" klingen für mich die 80er Jahre. Kein anderes
Album dieser Epoche ist so stilvoll und melodiös, keine andere Platte verbindet
die distanzierte Kühle der analogen Synthesizer im schimmernden Neonlicht so
perfekt mit den lebendigen, spielfreudigen Kompositionen der Popmusik. Und
daran, dass Midge Ure einer der besten Sänger der New Wave-Ära ist, besteht
ohnehin kein Zweifel. Natürlich ist hier rein gar nichts mehr vom rudimentären
Charme der frühen Ultravox! zu hören; die beeindruckend elegante Stringenz in
Klang und Struktur wiegt diesen vermeintlichen Verlust aber mehr als auf.
Kurz gesagt: "Lament" wird ein Leben lang eine meiner Lieblingsplatten bleiben.
Dieses Album bringt mit seiner zeitlosen Eleganz all das auf den Punkt, was ich
an den 80er Jahren liebe.
Wie alle anderen Ultravox-Longplayer der Jahre 1980 bis 1985 ist auch "Lament" unlängst als "Remastered Definitive Edition" wiederveröffentlicht worden, d.h. als Doppel-CD. Während der erste Silberling das Original-Album enthält, gibt's auf Disc 2 sämtliche Single-B-Seiten, Maxi-Versionen und auch noch diverse Live-Tracks.
Wer also "Vienna", "Rage In Eden", "Quartet", "Monument", "Lament" und "U-Vox" bisher noch nicht im Regal stehen hat, kann und sollte hier bedenkenlos zuschlagen!