Sparks: "Balls" CD
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2000,
Strange Ways
"Die Essenz, SPARKS-Fan zu sein, besteht darin, dass man sich sicher sein kann Recht zu haben, während alle Anderen im Unrecht sind..."
So in etwa soll man wohl das Zitat übersetzen, welches zuoberst auf der grandiosen Homepage der Mael-Brüder prangt. Und je mehr man sich mit den Klängen der beiden ziemlich durchgeknallten Senioren beschäftigt, desto deutlicher wird einem die Wahrheit, die dahinter steckt. Es gibt nicht viele Bands, die über ein eigenes Image, einen eigenen Stil verfügen. Schränkt man diesen Kreis noch weiter ein, indem man auch nach der Fähigkeit sucht, eingängige Popsongs zu schreiben, die selbst nach Jahrzehnten noch irgendwie eigen, aber dennoch zeitgemäß klingen, bleiben wenige Gruppen übrig. Setzt man nun sogar zusätzlich voraus, dass eine gute Combo in der Lage sein muss, großartige Texte zu schreiben, stößt man insgesamt auf diesem Planeten wohl auf kaum mehr als 10 Bands - eine davon sind zweifelsohne die SPARKS.
1971 im sonnigen Kalifornien zunächst als HALFNELSON gegründet, "floh" die Formation schon bald nach England, da sich die Amerikaner hartnäckig weigerten, ihren skurillen Humor zu verstehen - die beiden ersten SPARKS-Alben lagen wie Blei in den Regalen. 1974 landete das damals noch durch diverse Mitmusiker verstärkte Bruderpaar Ron und Russell Mael mit "This Town Ain't Big Enough For Both Of Us" (abgemischt von keinem Geringeren als Toni Visconti) in Großbritannien einen der absoluten Klassiker des Glam-Rock; sicherlich auch noch aus heutiger Sicht einer ihrer besten Songs. 1977 wurde "When I'm With You" zu einem der meistverkauften Titel des Jahres in Frankreich; 1979 produzierte Giorgio Moroder (ebenfalls heute selbst eine Ikone) ihr "No.1 in Heaven"-Album, das mit dem Titelsong, "La Dolce Vita" und "Beat The Clock" insgesamt drei massive Disco-Klassiker abwarf.
In den 80ern dann irrten Ron und Russell Mael - ihre Mitmusiker hatten sie mittlerweile durch Synthesizer ersetzt - stilistisch eher halbherzig zwischen New Wave, Surf-Rock und Banal-Pop umher; und wären ihre Texte nicht stets irgendwie originell gewesen, hätte man viele ihrer Scheiben zu jener Zeit getrost verfeuern können. Kommerziell fanden die SPARKS in Europa schon lange nicht mehr statt; bezeichnenderweise konnten sie nun in den USA ein paar kleinere Hits landen. 1988 nahm man in Deutschland nochmals kurz Notiz von ihnen, als sie gemeinsam mit den ebenfalls recht eigenwilligen LES RITA MITSOUKO "Singing In The Shower" intonierten.
Danach wurde es endgültig still um sie... bis, ja bis mal wieder wie aus dem Nichts und über Nacht Ende 1994 ein Titel in den Radio-Stationen zu rotierten begann: "When Do I Get To Sing 'My Way'" hieß er, verkaufte allein hierzulande satte 450.000 Einheiten und wurde zum meistgespielten Track der Deutschen Rundfunklandschaft 1995; und das, obwohl sich hinter der Fassade des einschmeichelnden Popsongs einer der genialsten, aber vor allem resignierendsten Texte befindet, die je geschrieben wurden. Wie autobiographisch und ehrlich diese Lyrics für eine Formation daherkommen, die nach 5 Jahren der "Ups" etwa 15 Jahre lang fast ausschließlich die kommerziellen "Downs" der Musikszene durchleben musste, ist noch immer bemerkenswert; der grandiose Erfolg dieser Single erscheint daher umso paradoxer.
Und die SPARKS wären nicht die SPARKS, wenn sie nicht nach einem unerwartet großen Wurf ebenso unvermittelt wieder jahrelang in der Versenkung verschwinden würden - ihre fünf wirklichen Hits sind sorgsam über die gesamte Karriere und viele Staaten des Erdballs verteilt. Genau deswegen sind die Brüder im Gegensatz zu vielen ihrer Epigonen (man denke nur an ERASURE oder die PET SHOP BOYS) wohl nie zu absoluten Superstars mutiert, sondern waren und sind noch immer irgendwie "Underground"; zum Tournee-Auftakt nach Bielefeld im vergangenen Dezember verirrten sich gerade einmal 120 zahlende Gäste.
"Balls", Ihr insgesamt 18. Longplayer, war der Anlass, sich auch jenseits der magischen 50 noch einmal auf die Bühnen dieser Welt zu stellen - in Deutschland mit eher mäßigem, in Japan dagegen mit überwältigendem Erfolg.
Die SPARKS hatten zunächst große Probleme mit dieser Scheibe: Nach einer gefloppten Vorab-Single lag das Album ein Jahr lang auf Eis, da niemand es veröffentlichen wollte. Als es 2000 dann doch erschien, konnte es sich nicht in den Charts platzieren; die Zeit des Synthie-Pop scheint kommerziell wohl endgültig vorbei. Aber genau diesen Synthie-Pop bietet "Balls" - manchmal hart am Rande zum Kitsch, oft bemüht "rockig", jedoch wie immer wunderbar tuntig und humorvoll. Was bei Synthie-Pop-Platten selten der Fall ist: "Balls" wächst mit jedem Hören - die zunächst belanglos anmutenden Liedchen offenbaren mehr und mehr ihre Tiefe, zeugen von Verspieltheit und Freude am Detail. Manchmal verirren sich gar Breakbeat-Anleihen und ziemlich schräge Sounds ("It's Educational") in den Maelschen Klangkosmos, doch bleibt die Handschrift der Brüder stets unverkennbar; "The Calm Before The Storm" klingt wie geradewegs aus den Achtzigern herübergebeamt.
Bei den SPARKS werden Männer sexuell belästigt ("More Than A Sex Machine"), Mythengestalten in die Neuzeit transportiert ("Scheherazade"), Melodien in Hongkong gekauft ("It's A Knockoff") und mehrdeutige Loblieder auf russische Billig-Airlines geträllert ("Aeroflot"); nie beleidigend, sondern stets augenzwinkernd. "All You Need Are Balls" ist die ironische Fortsetzung der BEATLES-These, dass alles, was man brauche, Liebe sei. Und die Textzeilen, die auf der Homepage abgedruckt sind, dann aber doch irgendwie gar nicht gesungen werden, lassen selbst die schmalzige Weihnachtssingle "The Angels" aus einer ganz anderen Perspektive erscheinen. Mit "Irreplacable" findet sich zum Ende des Albums noch das Stück, das den Kauf definitiv zur Pflicht macht - eine grundehrliche, beeindruckend intensive Ballade über den Verlust des Lebenspartners.
Die SPARKS werden immer klingen wie die SPARKS. Na gut, an Moroders Disco-Beats oder Viscontis Glam-Effekten hört man schon einige verschiedene Schaffensphasen heraus; aber der Schnurrbart, das schelmische Grinsen und die Kompositionen des Songschreibers und älteren Bruders Ron haben sich in 30 Jahren kaum verändert; ebenso die eigenartige Bühnenshow, der schrille Falsett-Gesang des Teenie-Schwarms Russell und vor allem der verquere Humor.
"Balls" fügt sich sauber in die Maelsche Werkreihe ein, wird aber retrospektiv zu den weniger verkaufsträchtigen Platten gezählt werden müssen. Vielleicht gelingt den SPARKS ja 2010 mal wieder ein Hit; zu wünschen wäre es dem wohl skurillsten Bruderpaar, das je die Musikszene aufgemischt hat in jedem Fall; die SPARKS sind eben eine Formation, die es irgendwie stets geschafft hat, sie selbst zu sein.
Robertos Wertung:
7 von 10 Sternen
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