Michael Rother: "Remember - The Great Adventure" CD

Cover: Michael Rother: Remember - The Great Adventure CD © 2004, Random Records / GangGo Music / WEA

Er hat es also doch noch geschafft: Schon im Mai 2001, als Lexi, Dirk und meine Person den illustren Elektronik-Pionier Michael Rother in seinem abgelegenen Heimatort Forst im Weserbergland anlässlich des Re-Releases der drei legendären NEU!-LPs interviewten, kündigte er sein neues Album an, das "im Herbst" erscheinen sollte. Im Herbst welches Jahres sagte er zwar nicht - nun ist es allerdings doch Frühjahr geworden, und zwar sogar Frühjahr 2004. Das bedeutet netto stattliche acht Jahre Wartezeit seit "Esperanza", dem bis dato letzten Solo-Oeuvre Rothers.

Erste Meriten erwarb Michael Rother 1971 als Kurzzeitmitglied von Kraftwerk, auf deren Platten er jedoch nie zu hören war. Von 1972 bis 1975 schrieb er gemeinsam mit Klaus Dinger unter dem Etikett NEU! Musikgeschichte und "erfand" zusammen mit Dieter Möbius und Hans-Joachim Roedelius als Harmonia so ganz nebenbei noch das Ambient-Genre. Seit 1977 ist Rother solo aktiv und konnte insbesondere mit seinem Debut "Flammende Herzen" auch kommerziell die verdiente Ernte seines Schaffens einfahren. Ja, auch wenn ihn heutzutage und insbesondere in seinem Heimatland kaum jemand unter 40 noch kennt: Michael Rother gilt völlig zu Recht als einer der einflussreichsten deutschen Klangkünstler aller Zeiten. Zahlreiche renommierte Musiker - allen voran David Bowie, Brian Eno, John Frusciante von den Red Hot Chili Peppers, Thom Yorke von Radiohead oder die britischen Kult-Elektroniker Autechre - schwärmen in den höchsten Tönen von ihrem liebsten "Krautrocker".

Immerhin einen großen Bewunderer hat Rother auch hierzulande: Dem unermüdlichen Einsatz von Megastar Herbert Grönemeyer war es zu verdanken, dass die jahrzehntelang nicht mehr erhältlichen drei NEU!-Platten 2001 in brillant remasterter Klangqualität als CD wiederveröffentlicht wurden.

Und nicht nur das: Grönemeyer, zu jener Zeit nach dem Tod seines Bruders und seiner Frau in der wohl größten Sinnkrise seines Lebens, stattete (wie einst schon Brian Eno) Michael Rother einen Besuch im Weserbergland ab. Bei dieser Gelegenheit intonierte er ein paar scheinbar größtenteils improvisierte Texte auf einige Basis-Tracks von Rother. Und wüsste man nicht, wer da vor dem Mikro stand - man würde Herbert wahrscheinlich nicht erkennen: Grönemeyer singt nicht nur in englischer Sprache, sondern endlich auch mal frei von der Leber und eben nicht so bewusst ernst und gepresst, wie man es ansonsten von ihm gewohnt ist.

Besonders in "Morning After (Loneliness)" bildet sein Organ so den perfekten Widerpart zur lieblichen Stimme von Gastsängerin Sophie Williams. Die wundervollen, Rother-typischen Harmonien und sanften Melodien machen diesen Track zu einem entspannten, fließenden Meisterwerk. Im Kopfhörer wird deutlich, wie viel Michael Rother von Deutschlands verstorbener Produzenten-Legende Conny Plank (Eurythmics, D.A.F., Ultravox) gelernt hat: Wie weiland Plank Rothers Gitarrenspuren in "Flammende Herzen" kunstvoll über- und nebeneinander schichtete, webt Rother heuer behutsam die Stimmen von Grönemeyer und Williams in seine sanften Klangteppiche ein. Großartig!

Womit wir allerdings auch beim eigentlichen Problem von "Remember - The Great Adventure", dem mittlerweile neunten Solo-Werk des Michael Rother (und dem ersten mit Gesang) wären: Diese CD ist so konsequent ruhig und entspannt, dass sie garantiert niemandem auffallen wird. Jede Radiostation wird sich hüten, die sanften Stücke Rothers anzufassen. Der kommerzielle Misserfolg ist also trotz des großen Namens Herbert Grönemeyer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorprogrammiert.

Welch ein Jammer! Schließlich transportiert "Remember - The Great Adventure" eine wohlig-warme, chillige Atmosphäre, die weltweit ihresgleichen sucht - und das bitteschön fernab ausgelatscher New Age-Klischees. Auf kompakte Songstrukturen wird hier ebenso verzichtet wie auf die Befriedigung jedweder gängiger Trends. Selbst die modernen Beats der zahlreichen Gastmusiker Andi Toma (Mouse On Mars), Jake Mandell, Thomas Beckmann oder Asmus Tietchens fallen in keinster Weise aus dem Rahmen, sondern sind effektiv und völlig unspektakulär in Rothers ureigenen, runden Klangkosmos integriert.

Überdeutlich merkt man jeder Note des Albums im Gegenzug ihre Echtheit und die scheinbar grenzenlose innere Ruhe ihres Schöpfers Michael Rother an. Dieser Mann muss nach mehr als drei Dekaden im Musikbusiness niemandem mehr auch nur das Geringste beweisen; vollkommen relaxed konnte er sich daher acht Jahre lang Zeit lassen und mit dem Ergebnis im Gegenzug auf eindrucksvolle Art und Weise seine Einzigartigkeit unter Beweis stellen.

Was Rother auf seinem Stimmungstagebuch "Esperanza" 1996 bereits angedeutet hatte, hat er für "Remember - The Great Adventure" in famoser Manier ausformuliert und perfektioniert. Nie zuvor war er seinem Ziel, "mit drei Noten das Herz zu berühren", so nahe wie im Schlusstrack "Elevation No. 9". Und selten hat jemand einer Gesangsstimme eine so gefühlvolle und behutsame musikalische Liebeserklärung zur Seite gestellt wie Rother der von Sophie Williams in "He Said". Dabei sind die Melodiefolgen und Harmonien wie immer bei Michael Rother völlig schnörkellos und im besten Sinne des Wortes einfach; aber sie treffen wirklich mitten ins Herz.

Das lange Warten hat sich mehr als gelohnt: "Remember - The Great Adventure" ist das ausgereifte Alterswerk eines großen Künstlers und schon jetzt ein völlig berechtigter Anwärter auf den Titel "Album des Jahres".

Eine wundervolle CD - so schlicht und ergreifend schön kann Musik sein!

Robertos Wertung:

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9,5 von 10 Sternen

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