Michael Rother: "Flammende Herzen" CD

Cover: Michael Rother: Flammende Herzen CD © 1977, Sky Records / Re-Releases: 1994 & 2000, Random Records

Dieser Mann ist ein Stück Musikgeschichte.

MICHAEL ROTHER begann seine Karriere 1971 in keiner geringeren Formation als KRAFTWERK. Nachdem diese im Vorjahr ihr Debut-Album veröffentlicht hatten und Ralf Hütter kurzzeitig ausgestiegen war, machte Florian Schneider-Esleben gemeinsam mit Klaus Dinger und eben MICHAEL ROTHER weiter. Einziges Ton- und Bilddokument dieser Trio-Konstellation ist eine im legendären "Beat-Club" mitgeschnittene, gut zehnminütige Instrumental-Improvisation namens "Rückstoßgondoliere", die inzwischen auf diversen "semi-legalen" (wie Dinger es nennt) japanischen DVD-Bootlegs kursiert.

Als die Aufnahmesessions zum zweiten Studioalbum für keinen der drei Beteiligten zufriedenstellend ausfielen, quittierten ROTHER und Dinger kurzerhand ihren Dienst im KRAFTWERK und formierten sich als Duo zur nicht minder einflussreichen Formation NEU!. Schneider-Esleben tat sich erneut mit Hütter zusammen: KRAFTWERK sollte nach zwei weiteren Experimental-LPs mit "Autobahn" und einem deutlich elektronischeren Klangbild Ende 1974 der große kommerzielle Durchbruch gelingen.

NEU! hingegen sponnen den Faden der gitarrigen, frühen KRAFTWERK weiter und erschufen mit ihrer Album-Trilogie "NEU!" (1972), "NEU! 2" (1973) und "NEU! 75" (1975) drei definitive Klassiker des Krautrock-Genres. Noch heute werden die linearen, die volle Bandbreite der Dynamik auslotenden Strukturen der NEU!-Musik oft sehr direkt von anglo-amerikanischen Rockbands kopiert: RADIOHEADs mit Kritikerlob überhäuftes Werk "Kid A" hätte es ohne den Einfluss von ROTHER und Dinger wohl ebenso wenig gegeben wie das aktuelle ARCHIVE-Album "You All Look The Same To Me" - und nach wie vor schaffen es nur wenige Formationen, die schier grenzenlose Energie von Songs wie "Für immer", "Hero" oder "Lila Engel" in die Gegenwart zu transportieren. Nach jahrzehntelangen Streitigkeiten zwischen ROTHER und Dinger und nur dank des Einsatzes von HERBERT GRÖNEMEYER wurden die drei NEU!-Longplayer im Frühjahr 2001 endlich als CD wiederveröffentlicht - für Liebhaber glücklicherweise in wahrhaft großartig remasterter Klangqualität und mit umsichtig an das CD-Format angepasstem Cover-Artwork.

Nach dem Split von NEU!, dem gleichermaßen musikalische wie persönliche Differenzen zugrunde lagen, formierte sich Klaus Dinger gemeinsam mit seinem kürzlich verstorbenen Bruder Thomas zu LA DÜSSELDORF; MICHAEL ROTHER schloss sich mit den beiden CLUSTER-Musikern Dieter Möbius und Hans-Joachim Roedelius unter dem Etikett HARMONIA zusammen. HARMONIA lieferten mit ihrem Debut "Musik von Harmonia" (1975) in Titeln wie "Sehr kosmisch" die direkte Vorlage für das Ambient-Genre, das BRIAN ENO einige Jahre später "erfinden" und prägen sollte - noch heute pocht ROTHER bei jeder Gelegenheit auf diese zweifelsohne korrekte Geschichtsschreibung.

Im Sommer 1976 dann wagte MICHAEL ROTHER einen Neuanfang: Gemeinsam mit dem CAN-Schlagzeuger Jaki Liebezeit und dem heute legendären Produzenten Conny Plank spielte er die Songs für sein Solo-Debut "Flammende Herzen" ein. Plank hatte nicht nur für die Aufnahme der ersten vier KRAFTWERK-LPs und der drei NEU!-Platten verantwortlich gezeichnet - er sollte vor seinem viel zu frühen Tod noch die Kompositionen weiterer international renommierter Acts wie ULTRAVOX ("Vienna"), EURYTHMICS ("Sweet Dreams") oder D.A.F. ("Der Mussolini") in seinem Studio klanglich veredeln.

Jaki Liebezeit wiederum war der perfekte Widerpart zu Klaus Dinger: Ebenfalls genauer als jedes Metronom arbeitend, spielte er sich zu keiner Sekunde ins Rampenlicht. Stattdessen verlieh er mit vornehmer Zurückhaltung den Songs eine rhythmische Grundstruktur und ließ auf diese Weise ROTHERs Gitarrenspiel den nötigen Freiraum. Das auf ewig unerreichte Titelstück "Flammende Herzen" ist das beste Beispiel für diese fast schon unheimliche Wechselwirkung: Liebezeit verändert die Schläge seines Patterns quasi überhaupt nicht, auch die Breaks und Beckenschläge wiederholen sich in steter Folge. Stattdessen aber steigert er nach und nach die Dynamik seines Schlagzeugspiels genau in dem Maße, das ROTHER ihm mit seiner Gitarrenarbeit vorgibt.

Doch "Flammende Herzen" wäre ohne sein Intro nur die Hälfte wert: Bevor der Rhythmus überhaupt einsetzt, zieht ROTHER den Hörer mit seinem Gitarrenspiel in seinen Bann, das sich langsam intensiviert und von Conny Plank kunstvoll in mehreren Schichten übereinandergelegt wurde. Hier ist in der Tat keine Elektronik im Spiel, sondern wirklich nur Gitarre. "Flammende Herzen" ist wohl unbestritten das Meisterwerk des MICHAEL ROTHER.

Der zweite Track der A-Seite, das über neunminütige "Zyklodrom", ist nach einem ähnlichen Strickmuster aufgebaut, beginnt aber erst nach knapp der Hälfte der Spielzeit, wirklich interessant zu werden; hier kann das vorgestellte Thema erstmals seine volle Kraft entfalten. Nach sieben Minuten geht's quasi noch einmal von vorne los - darüber können auch die leichten elektronischen Verfremdungen, die in diesem "Part II" hörbar werden, nicht wirklich hinwegtäuschen.

Seite 2 wird von "Karussell" eröffnet, einem sehr melodiösen, von einer verspielten Synthesizer-Melodie getragenen Stück, das rhythmisch eine nahtlose Fortsetzung der A-Seite darstellt - mit Sicherheit das poppigste Stück des Albums und ein guter Beweis für MICHAEL ROTHERs Fähigkeit, mit einfachen kompositorischen Linien unverstellte, fast kindlich-naive Atmosphären zu erzeugen.

Mit "Feuerland" folgt (neben dem Titelstück) der zweite wirkliche Höhepunkt des Albums: Mit weitaus weniger Hang zum Schönklang überzeugt ROTHER auf der ganzen Linie. Liebezeits hier quasi völlig variationsloses Schlagzeugspiel - mit Ausnahme eines einzigen (!) Beckenschlags bei Minute 6 - verstärkt die dunkle, repetitive Stimmung, die auf analogen elektronischen Flächen aufgebaut ist, welche hier gleichberechtigt neben dem Gitarrenspiel stehen. In "Feuerland" scheint MICHAEL ROTHER sehr deutlich seine Vergangenheit, insbesondere die Einflüsse aus seiner Zeit bei NEU! und KRAFTWERK, verarbeitet zu haben.

Der Schlusstrack "Zeni" letztlich reißt niemanden wirklich vom Hocker; zu wenig einprägsam erscheint mir die Melodie, zu wenig mitreißend auch das Schlagzeugspiel - dieser Track wirkt eher wie ein nicht ganz fertiggestellter Outtake.

Mit den Demo-Bändern des Albums bewarb sich ROTHER bei diversen Plattenfirmen, doch alle großen Konzerne winkten ab. Sicherlich, das Album war ein Wagnis: MICHAEL ROTHER klang solo deutlich sanfter als zuvor und war somit trotz seines Bekanntheitsgrades kein Garant für einen Erfolg. Würde die "progressive Szene" seine harmonischen Liedchen überhaupt hören wollen?

Lediglich das kleine Hamburger Label Sky Records glaubte an die melodische Stärke des Albums und brachte "Flammende Herzen" Anfang 1977 als eine seiner ersten Veröffentlichungen überhaupt heraus - mit überwältigendem Erfolg. ROTHER verkaufte weit mehr als 100.000 Exemplare seines Debuts und sollte damit Sky Records für lange Jahre das Überleben sichern.

Auf seinen beiden Nachfolge-LPs "Sterntaler" (1978) und "Katzenmusik" (1979) variierte ROTHER das erfolgreiche Konzept von "Flammende Herzen" nur in Nuancen. Danach wechselte er zum Konzern-Giganten Polydor und brachte 1981 mit "Fernwärme" sein erstes selbstproduziertes Werk heraus: Hier klang er schon deutlich elektronischer als auf seinen drei vorherigen LPs, lediglich das Schlagzeugspiel von Jaki Liebezeit war geblieben. 1983 dann konnte MICHAEL ROTHER auch auf dessen Mithilfe verzichten: Der Fairlight-Computer gab ihm die Möglichkeit, sein Album "Lust" komplett im Alleingang einzuspielen. Als Ende der 80er Jahre nach den beiden weiteren Alben "Süßherz und Tiefenschärfe" (1985) und "Traumreisen" (1987) sein Stern kommerziell deutlich gesunken war, wurde der Vertrag mit Polydor aufgelöst.

Anfang der 90er Jahre gründete ROTHER sein eigenes Label Random Records und brachte nach und nach eine Singles-Collection namens "Radio" sowie all seine Solo-Platten auf CD heraus; angereichert mit Bonus-Tracks, die er in den Jahren zuvor aufgenommen, aber nie veröffentlicht hatte. Auf der Neuauflage von "Flammende Herzen" sind zwar "nur" zwei Remix-Versionen des Titelstücks zu finden, doch macht vor allem der gefühlvolle "Chill Remix" den Kauf der Silberscheibe schon lohnenswert. Ende 1996 erschien MICHAEL ROTHERs bis heute letztes Studio-Album "Esperanza". Noch heute lebt er - von der Weltöffentlichkeit mittlerweile fast völlig vergessen - in einem abgelegenen Dörfchen namens Forst im Weserbergland.

Mittlerweile sind mehr als 25 Jahre seit "Flammende Herzen" vergangen, doch hat insbesondere das Titelstück nichts von seiner zeitlosen Qualität und melodischen Faszination eingebüßt - und das wird sich wahrscheinlich auch in den nächsten 25 Jahren nicht ändern. Denn, um den Werbetext von Sky Records Ende der 70er Jahre zu zitieren: "Flammende Herzen" ist und bleibt "einfach schöne Musik".

Robertos Wertung:

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7,5 von 10 Sternen

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