Gary Numan: "The Pleasure Principle" CD

Cover: Gary Numan: The Pleasure Principle CD © 1979, Beggars Banquet (remastered 1998)

Als Depeche Mode 1981 ihre Debut-Platte "Speak And Spell" vorlegten, waren die vier späteren Mega-Heroen aus Basildon keinesfalls die ersten britischen Musiker, die auf das damals neuartige Pferd "Synthie-Pop" setzten: Im selben Jahr brachten Human League ihren Klassiker "Dare!" (mit dem Überhit "Don't You Want Me") heraus. Schon 1980 hatten Ultravox mit ihrem neuen Sänger Midge Ure und der von Conny Plank produzierten LP "Vienna" ihr Comeback gefeiert - ebenso wie OMD mit "Orchestral Manoeuvres In The Dark" und "Organisation" ihre ersten zwei Alben veröffentlicht hatten.

Die Anfänge des Genres wurden auf der Insel jedoch bereits 1979 gemacht, als der Punk geradewegs seinen Zenit überschritten hatte. Während John Foxx ("Metamatic") und die frühen Human League ("Reproduction") zu jener Zeit allerdings noch fernab der Charts im Underground agierten, wurde ein Mann zum ersten Mega-Star des Synthie-Pop: Gary Numan.

Gleich zwei komplette LPs spielte Numan in den sechs kurzen Monaten Januar bis Juni 1979 ein. Als im April noch unter dem Etikett Tubeway Army der Longplayer "Replicas" mit den Singles "Down In The Park" und dem Nr.1-Hit "Are "Friends" Electric?" erschien, stand Numan bereits wieder im Studio und nahm "The Pleasure Principle" auf - das erste Album unter seinem Namen als Solo-Künstler. Im September 1979 veröffentlicht, schossen die LP und die Single "Cars" zeitgleich an die Spitze der britischen Hitlisten.

Im Unterschied zu den beiden Tubeway Army-Platten verzichtete Gary Numan auf "The Pleasure Principle" auf die Gitarre und spielte seine Melodien stattdessen auf dem Poly-Moog-Synthesizer, dem Klavier und der Viola. (Auf letzterer geigt in zwei Titeln gar Ultravox-Mitglied Billy Currie.) Einzig die rhythmische Basis aus Bass und Schlagzeug war noch Gary Numans (Punk-)Rock-Wurzeln verhaftet. Der große Erfolg von "Are "Friends" Electric?", der sich exakt zur Zeit der Aufnahmen zu "The Pleasure Principle" einstellte, bestärkte ihn in seinem Mut zu dem Vorhaben, verstärkt auf Elektronik zu setzen.

Auf dem Album-Cover sieht man den androgynen, geschminkten und mit einem extrem konservativen Anzug bekleideten Gary Numan misstrauisch auf eine kleine, rot leuchtende Pyramide blicken. Auch inhaltlich ist "The Pleasure Principle" von einem geschlechtslosen, scheuen und düsteren Futurismus geprägt: Roboter wollen zu Menschen werden ("Metal"), in einer unwirtlichen Wüste kämpft die letzte Maschine der Welt um ihr Leben ("M.E."). Die persönlicheren Songs handeln von der fast schon paranoiden Angst des Außenseiters Numan vor der Umwelt ("Films") oder seinen Mitmenschen ("Complex"). Auch "Cars" beschreibt die Vorzüge eines komplett isolierten Lebens:

Here in my car I feel safest of all,
I can lock all my doors,
It's the only way to live - in cars.

Here in my car I can only receive,
Will you visit me, please?
If I open my door - in cars.

Gerade die düsteren, bedrohlichen Sounds des Poly-Moog-Synthesizers haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Dieser fast schon dokumantarisch zu nennende Wert der Klangfülle von "The Pleasure Principle" überspielt noch immer locker die Tatsachen, dass einige der zehn Kompositionen doch eher mittelmäßig ausgefallen sind und dass Numans Vokalleistungen vom klassischen Standpunkt her zumindest fragwürdig genannt werden müssen. Gesangliche Flexibilität in Form von Variationen in Tonlage oder Ausdruck sucht man hier ebenfalls vergebens. All dies jedoch macht "The Pleasure Principle" zu einem auch aus heutiger Sicht noch extrem einzigartigen, eigenwilligen Werk und zu einem verdienten Klassiker der elektronischen Popmusik. Wie skurril muss diese LP erst 1979 gewirkt haben, als es kaum vergleichbare Veröffentlichungen gab?

Burton C. Bell, Frontmann der amerikanischen Hardrocker Fear Factory, erinnert sich an den Tag, an dem er im zarten Alter von 11 Jahren erstmals "Cars" zu Ohren bekam: "Ich hörte einen Sound, den ich noch nie zuvor gehört hatte. Es war ein tiefer, schwingender Klang, der sich langsam aufzubauen schien. Dann kam ein Beat hinzu, der für moderne Rock-Musik jener Zeit komplett ungewöhnlich war. Alles in diesem Song schien unwirklich. Auch die Stimme, die zuletzt hinzukam: Ich hatte noch niemals im Radio jemanden so singen hören. Die Sounds kreisten um mich herum; auf- und abströmende Wellenklänge, perfekt aufeinander abgestimmt." Juan Atkins, einer der Pioniere der Detroit-Techno-Musik der späten 80er Jahre, schwärmt: "Gary Numan hat mich noch viel stärker beeinflusst als Kraftwerk - Numan ist die dunkle Seite der Elektronik." Hip-Hop-Legende Afrika Bambaataa schließlich frohlockt: "Der Song "Cars" klang für mich 1980 wie die Musik der Zukunft."

Niemals wieder sollte Gary Numan so erfolgreich sein wie 1979. Jahr für Jahr sank sein Stern tiefer, ehe er Anfang der 90er Jahre komplett zu verlöschen drohte. Mit der Gründung seines eigenen Labels "Numa Records" und der Veröffentlichung der Comeback-Alben "Sacrifice" (1995) und "Exile" (1997) ging es jedoch zumindest künstlerisch wieder aufwärts. Im selben Jahr zollten namhafte Bands wie Smashing Pumpkins oder Fear Factory dem Altmeister auf dem Album "Random" ihren Tribut. Numan selbst setzte seine Reise in die Dunkelheit mit den CDs "Pure" (2000) und "Hybrid" (2002) konsequent fort - und hat sie scheinbar noch längst nicht abgeschlossen.

Zum Abschluss dieser Rezension noch ein großes Lob an das britische Label Beggars Banquet: In den Jahren 1998 und 1999 sind dort sämtliche Klassiker von Gary Numan (bzw. Tubeway Army) in klanglich remasterter Form zum humanen Mid-Price wiederveröffentlicht worden. Alle CDs der Edition hat man mit zahlreichen Bonus-Tracks (den B-Seiten der Singles und Maxis oder teilweise gänzlich unveröffentlichten Demo-Aufnahmen) angereichert sowie mit 16seitigen, reich bebilderten Booklets geschmückt. Darin finden sich nicht nur sämtliche Abbildungen (also auch die Innenhüllen) der Original-LPs, sondern zusätzlich alle Texte sowie ausführliche Erläuterungen zu jedem einzelnen Song aus Gary Numans Biographie "Praying To The Aliens". So gehört sich das!

Robertos Wertung:

* * * * * * * * - -

8 von 10 Sternen

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Anderer Leute Wertungen:

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3 Kommentare

ingo sagte am 05.06.2005 um 19:54 Uhr:

Gary Numan: The Pleasure Principle CD

numan's mega album...wow...es klingt heute nocht so geil neu wie damals.....

10 von 10 Sternen

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Roberto sagte am 07.06.2005 um 20:22 Uhr:

Gary Numan: The Pleasure Principle CD

Jo, der Sound ist noch immer faszinierend und einzigartig. Kompositorisch und gesanglich gibt's hier leider aber doch ein paar Längen - das wird insbesondere dann deutlich, wenn man das Album am Stück hört ...

Roberto

8 von 10 Sternen

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Reto Bucher sagte am 18.03.2010 um 17:16 Uhr:

Gary Numan: "The Pleasure Principle" CD

Anfangs, man mag lachen, war mir Pleasure Principle zu organisch. Ich hatte kein Schlagzeug und keinen Bass erwartet. Dann frass sich Engineers und vor allem M.E. in mein Gedächtnis, diese seltsame Stimme und vor allem die Gesangslinie.. now there's only me.. liessen mich nicht mehr los. Es klang so anders als alles, was ich bisher und seither gehört habe. Die kalter Krieg- und Sci-Fi-Bezüge machen dieses Album zu einem kohärenten Ausdruck seiner Zeit und letztlich zeitlos. Manchmal gibt es da Musik, von der träumt, dass es sie geben sollte. Und wenn man sie gefunden hat, öffnet sich eine Zeittür. Für einen Reisenden in Sachen Retrofuturismus wie mich war es, als hätte ich eine Schatztruhe ohne Schloss dran gefunden. Heureka! Neben Numan muss allerdings John Foxx unbedingt miterwähnt werden. Sein Album Metamatic ist doch auch einzigartig. Und Numan wurde laut eigener Aussage vor allem von Foxx's Ultravox beeinflusst.

10 von 10 Sternen

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