Nico: "The Frozen Borderline (1968-1970)" 2-CD-Box

Cover: Nico: The Frozen Borderline (1968-1970) 2-CD-Box © 2007, Rhino (UK) Entertainment/Warner Music

Ich habe noch keinen April erlebt, in dem in Norddeutschland fast zwei Wochen lang am Stück die Sonne schien und das Quecksilber Tag für Tag die 25-Grad-Marke überschritt. Und ausgerechnet anno 2007, in diesem heißesten April seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, werden zwei der finstersten Alben der Musikgeschichte wiederveröffentlicht: "The Marble Index" (1968) und "Desertshore" (1970) von Nico.

Nicos einzigartige Geschichte kann nicht oft genug erzählt werden: Im tristen Nachkriegsdeutschland geboren, begann die bildhübsche Blondine Christa Päffgen in jungen Jahren eine Karriere als Fotomodel in Berlin und Paris. Es folgten der Schritt in die Filmbranche, der internationale Durchbruch mit ihrer Rolle in Fellinis "La Dolce Vita" und eine Affäre mit dem berühmten französischen Schauspieler Alain Delon, der der gemeinsame Sohn Ari entstammte. Nico siedelte nach Amerika über und fand in der "Factory" von Pop-Art-Guru Andy Warhol Unterschlupf. Warhols Einfluss ist es zu verdanken, dass Nico Sängerin bei The Velvet Underground wurde und auf mehreren Songs (z.B. "All Tomorrow's Parties") des legendären "Bananen-Albums" "The Velvet Underground & Nico" zu hören ist. Wilde Performances waren ebenso an der Tagesordnung wie freie Liebe und exzessiver Drogenkonsum.

1967 erschien mit "Chelsea Girl" Nicos Debut-LP als Solokünstlerin. Jackson Browne, mit seinem in einer Bierwerbung verwursteten Song "Oh, won't you stay just a little bit longer?" noch heute bekannt, war zu jener Zeit Nicos Lebensgefährte und zeichnete sowohl für die Produktion als auch (neben Lou Reed und Bob Dylan) für den Großteil der Kompositionen verantwortlich. Doch Nico war mit "Chelsea Girl" nie wirklich zufrieden; sie hätte lieber ihre eigenen Songs gesungen. 1968 entdeckte sie das Harmonium für sich - der Legende nach soll Leonard Cohen, ein weiterer Liebhaber, sie auf dieses merkwürdige, pedalbetriebene Instrument aufmerksam gemacht haben.

Eine Affäre mit The Doors-Frontmann Jim Morrison öffnete Nico, die ihre Haare inzwischen pechschwarz gefärbt hatte, schließlich die Tür zu Elektra Records, deren Chef Jac Holzman verrückt genug war, der Deutschen die Möglichkeit zur Veröffentlichung einer weiteren Langspielplatte zu geben. Sie wollte unbedingt ihren The Velvet Underground-Kompagnon John Cale als Produzenten, aber dieses Wagnis erschien selbst Holzman zu groß: Cale durfte Nicos Kompositionen zwar arrangieren und instrumentieren, doch die Oberaufsicht über die Produktion führte der bei Elektra für solide Arbeit bekannte Frazier Mohawk.

So entstand in nur vier heroingeschwängerten Tagen in einem kleinen Studio in Los Angeles mit "The Marble Index" ein Album, das noch heute getrost als eines der schwermütigsten der gesamten Musikgeschichte bezeichnet werden darf. Nico spielte das Harmonium und sang, John Cale fungierte als "Ein-Mann-Orchester" und steuerte alle übrigen Instrumental-Parts bei. Von den ursprünglich zwölf aufgenommenen Titeln wurden lediglich acht für das fertige Album verwendet - weil Produzent Mohawk Nicos Lamentos einfach nicht länger ertragen konnte: "Fifteen minutes a side seemed about right. Myself and engineer John Haeny spent maybe a day or two mixing it. We couldn't listen to it all the way through. It kind of made us want to slit our wrists. "The Marble Index" isn't a record you listen to. It's a hole you fall into."

Besonders die beiden Schlusstracks "Frozen Warnings" und "Evening Of Light" beeindrucken auch fast 40 Jahre (!) nach ihrer Entstehung noch mit ihrer gnadenlos resignativen Grundstimmung. Das gesamte Album "The Marble Index" wartet mit keiner einzigen wirklichen Harmonie oder schönen Melodie auf - stets glaubt man stattdessen, einer endlosen Trauer-Prozession beizuwohnen. Alle Songs transportieren gleichermaßen eine merkwürdige Distanziertheit; es ist nahezu unmöglich, wirklich in Nicos Klangkosmos hineinzutauchen. John Cale selbst brachte dieses Gefühl 1977 in einem Interview auf den Punkt: ""The Marble Index" is an artefact, not a commodity. You can't sell suicide."

Immer noch schwer, doch im Vergleich zu "The Marble Index" schon eine gehörige Portion leichter konsumierbar ausgefallen ist "Desertshore", das Nico 1970 für Reprise Records aufnahm. Im Jahr zuvor war sie von New York nach Rom und schließlich nach Paris gezogen, wo sie mit ihrem Lebensgefährten, dem Regisseur Philippe Garrel, in einem Apartment hauste, dessen Wände komplett schwarz gestrichen waren und in dem sich kein einziges Möbelstück befand. "Desertshore" wurde komplett von John Cale produziert, der wiederum alle Instrumente spielte - natürlich mit Ausnahme von Nicos Harmonium. Einige Songs des Albums wurden zudem für den Soundtrack zu Garrels Film "La Cicatrice Interieure" verwendet. Neben den charakteristischen "Janitor Of Lunacy" und "All That Is My Own" ist auf "Desertshore" insbesondere das intime, zu Tränen rührende und von John Cale meisterhaft als Pianoballade umgesetzte "Afraid" hervorzuheben - zweifelsohne einer der schönsten Songs, die Nico jemals schrieb.

Ein medienwirksamer Drogentod in den frühen 70er Jahren hätte Nico möglicherweise wie Janis Joplin oder Jimi Hendrix zur Legende werden lassen. Stattdessen starb sie, als sie längst vergessen war, am 18.07.1988 auf Ibiza unspektakulär an einer Gehirnblutung, die sie sich bei einem Fahrradunfall zugezogen hatte. Kommerziell waren Nicos Solo-Platten nie sonderlich erfolgreich - und während der letzten 15 Jahre ihres Lebens musste die große Dame der tiefschwarzen Melancholie durch drittklassige Clubs tingeln und ihre Songs einem größtenteils desinteressierten Publikum darbieten, um ihr Überleben zu finanzieren. Nicos schwermütige, mittelalterlich angehauchte Klagelieder, die sie in einzigartiger Manier mit tiefer Stimme und hartem teutonischem Akzent vertonte, haben bis zum heutigen Tag jedoch nichts von ihrer Faszination verloren.

Das britische Label Rhino Entertainment hat Nicos klassischen Alben "The Marble Index" und "Desertshore" nun im Rahmen eines liebevoll aufgemachten und ordentlich remasterten Doppel-CD-Sets namens "The Frozen Borderline (1968-1970)" eine würdige Wiederveröffentlichung beschert. Ein 16seitiges Booklet befasst sich ausführlich mit den Entstehungsgeschichten der LPs. Beide CDs sind obendrauf mit zahlreichen Bonustracks bestückt: Neben Demos und Alternativ-Versionen der Album-Tracks finden sich hier auch die vier Stücke des Original-Masters von "The Marble Index", die auf der LP letztlich keine Berücksichtigung fanden. Insbesondere das beeindruckend monolithische "Roses In The Snow" sei an dieser Stelle erwähnt und lohnt allein schon den Erwerb der Doppel-CD.

"The Frozen Borderline (1968-1970)" ist eine unverzichtbare Geschichtsstunde und gewährt Einblick in das Schaffen einer bemerkenswerten, absolut einzigartigen Künstlerin. Keine andere Sängerin hat jemals derart desillusionierende, tiefschwarze Klagegesänge aufgenommen. Von Nicos grundehrlicher, resignativer Melancholie könnte sich so mancher selbsternannte Todeskünstler des 21. Jahrhunderts nur zu gern mal eine dicke Scheibe abschneiden.

Robertos Wertung:

* * * * * * * * * -

9 von 10 Sternen

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Anderer Leute Wertungen:

Nico: "The Frozen Borderline (1968-1970)" 2-CD-Box

3 Kommentare

Lexi sagte am 16.07.2007 um 02:59 Uhr:

Nico: "The Frozen Borderline (1968-1970)" 2-CD-Box

Der Programmierer wirft den ersten Stein im nigelnagelneuen Forum:

Diese Rezension, Roberto, ist so ziemlich die informativste CD-Besprechung die ich je gelesen habe. Und das ist mein voller Ernst!

Lexi

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Roberto sagte am 16.07.2007 um 19:33 Uhr:

Nico: "The Frozen Borderline (1968-1970)" 2-CD-Box

Ha, dann will der Rezensent doch ebenfalls mal versuchen, das Forum zu beleben.

Vielen Dank für die Blumen, lieber Lexi! Und vielen Dank auch für das Label Rhino Entertainment, das nicht nur die beiden Nico-Alben in hervorragender Klangqualität wiederveröffentlicht, sondern auch noch ein derart ausführliches Booklet beigelegt hat, dass es mir ein Vergnügen war, die zahlreichen Fakten zu einer informativen Rezension zusammenzuklauben. So, liebe Plattenfirmen, gehört sich das!

9 von 10 Sternen

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Jetta sagte am 31.07.2007 um 10:50 Uhr:

Nico: "The Frozen Borderline (1968-1970)" 2-CD-Box

Hey ich bin ja total hin und weg......wie qualifiziert und umfangreich über Musik geschrieben wird.... so langsam glaube ich,......das wird hier meine Lieblingsseite!!
Tageszeitung hab ich schon abbestellt!

grinss

WEITER SOOO bitte!!

10 von 10 Sternen

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