Kraftwerk: "Trans Europa Express" CD

Cover: Kraftwerk: Trans Europa Express CD © 1977, EMI

Mal wieder eine Rezension zu einem echten Klassiker auf unseren Seiten: Als diese Schallplatte 1977 veröffentlicht wurde, war der Chronist gerade einmal zwei Jahre jung. Unmöglich ist es mir also, mich in die Zeit hineinzuversetzen, in der "Trans Europa Express" erschien - doch dass sie irgendwie eigen war und ist, erkannte ich auch eine ganze Dekade später, als ich mir die CD kaufte, noch auf den ersten Blick. Vier Herrschaften mit sauber gekämmtem Kurzhaar in eleganten Anzügen blicken dem Betrachter mit gewinnendem Lächeln vom Cover entgegen: Nein, Rock'n'Roll kann das nun wirklich nicht sein.

Stattdessen ist "Trans Europa Express" von Kraftwerk wahrscheinlich das erste komplett synthetische Popalbum aller Zeiten - im wahrsten Sinne des Wortes. 1974 hatte das Quartett auf "Autobahn" noch eine richtige Flöte in sein Klangbild integriert, das 1975er-Werk "Radio-Aktivität" kann eher als Avantgarde, als Experimental-Platte bezeichnet werden. Mit "Trans Europa Express" jedoch zeigten Kraftwerk, wie sehr sie in punkto Spannungsaufbau und Struktur gereift waren. Und nicht nur das: Auch textlich gaben sich Hütter, Schneider und Co. plötzlich stilvoll, elegant und kosmopolitan.

Lange bevor das vereinte Europa politisch handfeste Konturen annehmen sollte, verschrieben sich Kraftwerk der Idee eines "industriellen Musikinstruments, das quer durch Europa fährt" (Hütter). Die Technik also verbindet die Menschen grenzübergreifend. Nach "Autobahn" thematisierte die Formation mit dem "Trans Europa Express" ein weiteres Mal ein Fortbewegungsmittel; und stilisierte dabei in unnachahmlicher Weise dessen Rhythmik. Das Titelstück zerfällt darob in drei Teile: Nach der stringenten, sehr song-orientierten Eröffnung, die auch als Single erschien, verlässt man in "Metall auf Metall" die Städte und donnert in einer Art Prä-Industrial-Track monoton über gleichförmige Schienenstränge. Nach dieser Hochgeschwindigkeitspassage erreicht die akustische Zugfahrt in "Abzug" wieder langsam besiedelte Gebiete, um schließlich mit dem Einlauf im Zielbahnhof zu enden. Selten waren Kraftwerk ihrem Ziel, "musique concrete" zu produzieren, näher als hier - ein unbestrittenes Meisterwerk der elektronischen Klangkunst.

Dass sie mit ihren präzisen, repetitiven Beats ein paar Jahre später sogar das aufkeimende HipHop-Genre immens beeinflussen sollten, hätten sich die Düsseldorfer damals selbst wohl nicht träumen lassen: Der New Yorker Afrika Bambaataa bastelte aus Rhythmus und Melodie von "Trans Europa Express" 1982 seinen Hit "Planet Rock" zusammen.

Etwas verklärter und mit einem selbst 1977 schon nostalgisch zu nennenden Charme setzt sich auch der wunderbare Opener "Europa endlos" mit der Thematik des vereinten Kontinents auseinander. Zu herrlich melodiösem Synthie-Pop spricht Hütter Zeilen wie "Flüsse, Berge, Wälder - Wirklichkeit und Postkartenbilder" ins Mikrophon. Von "Autobahn" (1974) über diesen Song (1977), "Tour De France" (1983 / 2003) bis hin zu "Expo 2000": Die Koexistenz von Mensch, Natur und Technik war und ist ein zentrales Thema, mit dem sich Kraftwerk immer wieder auseinander setzen sollten.

Das Album schließt mit dem Instrumental "Franz Schubert" / "Endlos", welches kompositorisch das Thema von "Europa endlos" wieder aufgreift und somit den Zyklus der kontinentalen Rundreise elegant beschließt - im Innencover visuell durch fünf im Kreis geführte Notenlinien versinnbildlicht.

Die beiden übrigen Songs wollen thematisch nicht mehr unbedingt in den Album-Kontext passen, sondern beschäftigen sich in erstaunlich autobiographischer Wortwahl schon sehr deutlich mit den Grundzügen des Konzepts der "Mensch-Maschine", dem die Band ein Jahr später ihren nächsten Longplayer widmen sollte.

Insbesondere in "Schaufensterpuppen", dessen Idee auf einem Konzertbericht basiert, in dem die auf der Bühne fast regungslosen Kraftwerker als "Schaufensterpuppen" bezeichnet wurden, spürt man das tiefe Verlangen der unbeweglichen Gestalten, ihre Starre ablegen und das Glas brechen zu können, hinter dem sie stehen. Selten fand jemand treffendere Worte für den in der Monotonie des technischen Zeitalters gefangenen Menschen als hier Ralf Hütter. Bei aller Emotionalität bleibt jedoch die Contenance stets gewahrt, es wird lediglich ein wenig energischer geflüstert. "Schaufensterpuppen" ist für mich bis heute definitiv eines des fünf besten Kraftwerk-Stücke.

"Spiegelsaal" schließlich kommt leider etwas zu langgezogen daher und erinnert musikalisch eher an eine Tropfsteinhöhle denn an den besungenen Ort. Nichtsdestotrotz überzeugt auch hier der Text über den Unterschied von Selbstbild auf der einen (These), Fremdbild auf der anderen Seite (Antithese) und dem daraus resultierenden Selbstfindungsprozess (Synthese) mit der famosen Zeile "Der Künstler lebt im Spiegel mit dem Echo seiner selbst".

"Trans Europa Express" ist insgesamt das harmonischste, melodischste Album Kraftwerks; und mit knapp 43 Minuten Spielzeit eines der längsten. Nicht nur musikalisch waren die Deutschen mit ihrem glasklaren Synthie-Pop ihrer Zeit um mindestens fünf Jahre voraus - die Idee, den Gedanken des vereinten Europas zu thematisieren, darf aus heutiger Sicht ebenfalls getrost als visionär bezeichnet werden. Ein sehr ausgewogenes, in sich stimmiges Werk, dessen melodische Eleganz auch noch ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen bei jedem Hören auf's Neue zu faszinieren vermag. Selten klang elektronische Musik nobler und zugleich wärmer als auf "Trans Europa Express".

Robertos Wertung:

* * * * * * * * * -

9 von 10 Sternen

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