KiEw: "Diskette" EPCD
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2004,
Out Of Line/SPV
KiEws großer Szene-Hit "Feierabend" erlangte 1998 durch den gleichen Sampler namens "e" wie Kontrasts "Tod ... find' ich gut!" erstmals eine breitere Hörerschaft. Und obwohl man danach fast ein Jahr auf die Veröffentlichung der "Feierabend EP" warten musste, enttäuschte mich dieser Tonträger auf der ganzen Linie und wirkte, als ob er sehr schnell hätte fertig werden müssen. Grund genug für mich, KiEws 2001er-Album "Divergent" keinerlei Beachtung mehr zu schenken - ein Fehler, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte. Schließlich war "Divergent" schon sehr viel ausgereifter und gegenüber der "Feierabend"-EP insbesondere kompositorisch eine Steigerung um mehr als 100 Prozent.
Erst ein gemeinsames Konzert im Herbst 2003 im nördlichen Erzgebirge konnte mich jedoch von den (Live-)Qualitäten der Norddeutschen überzeugen: Ihre Titel muss man einfach laut hören; ansonsten verpuffen sie. KiEws Musik ist vom musikalischen Standpunkt her mehr als minimal zu nennen - doch nur auf diese Weise der permanenten Wiederholungen und der unheimlich druckvollen Rhythmik entfalten die harschen Sounds ihre volle Wirkung und verleihen vielen Tracks einen fast schon trance-artigen Charakter.
Da macht auch das neue KiEw-Release keine Ausnahme, die inzwischen dritte Veröffentlichung der Formation mit dem vermeintlich ukrainischen Namen um den (selbsternannten) "Meister des Wahnsinns" Andreas "Thedi" Thedens: "Diskette" ist mit seinen knapp 60 Minuten Spielzeit eigentlich schon ein Album und kann durchaus als solches gehört werden (wenn man dies denn durchhält). Da sich auf der CD jedoch gleich vier Versionen des Quasi-Titelstücks "DCDisk" sowie Remixe der bereits vom "Divergent"-Album bekannten "Graograman" und "Staub" und somit nur noch fünf komplett neue Songs befinden, wird die "Diskette" verbraucherfreundlich zum MidPrice verkauft. So ist's recht!
Nicht umsonst steht "DCDisk" ganz am Anfang: Aufgrund der einprägsamen, augenzwinkernden Sprachsamples, zu denen ich mich am Ende dieser Rezension noch äußern werde, sowie der straighten, auf Tanzbarkeit getrimmten Percussion ist dieser Track definitiv der prädestinierte Nachfolger zum Disco-Kracher "Feierabend". Ähnlich satt und kompromisslos rauscht's auch in "Zentrifuge".
Das folgende "Sojifu" reicht mit seinem langsameren Stakkato-Beat fast schon an LFOs Klassiker "Tied Up" heran und wird gewiss ebenfalls auf sämtlichen Tanzböden der Electro-Szene funktionieren. Abzüge in der B-Note muss ich allerdings für "Anstalt" und "Silence" aussprechen, bei denen mir irgendwie doch etwas zu wenig passiert. Diese beiden Tracks sind jedoch die einzigen Ausfälle einer EP, bei der auch die Fremdbearbeitungen allesamt zu gefallen wissen:
Soman haben "DCDisk" noch härter, trockener und tanzbarer editiert als das Original, während KiEws Lieblings-Dekonstrukteur Tweakerray (der auch schon auf den ersten beiden CDs zu hören war) mit einigen Nine Inch Nails-Sounds und verlangsamter Rhythmik in ebenso gelungenem Maße eine schleppende, bedrohliche Atmosphäre aufbaut.
Als weitere Remixer haben sehr illustre Gäste Hand angelegt: Der The Fair Sex-Ableger Rotersand bearbeitete "DCDisk" routiniert, allerdings auch wenig spektakulär. "Graograman" wurde von Ober-Bruderschaft-ler Rexx Arkana mit ordentlich Wumms versehen sowie sogar von Altmeister Claus Larsen alias Leatherstrip durch den Wolf gedreht. Allein die Tatsache, dass KiEw es geschafft haben, diesen EBM-Dinosaurier wiederzubeleben, verdient schon höchste Bewunderung. Doch auch sein Remix ist wahrlich gelungen ausgefallen: Würden Leatherstrip noch einmal solch druckvolles eigenes Material vorlegen, stünden ihnen die Türen der düsteren Tanztempel gewiss offen. Gerade in der jetzigen Blütezeit des WeiberElectro wirkt die Kombination aus Larsens Old-School-Bassfiguren und KiEws getriggerter rhythmischer Präzision schon wieder ultrahart und "shocking".
"Diskette" entwickelt seine volle Blüte schließlich und endgültig im von KiEw selbst angefertigten, sage und schreibe 14minütigen "Mondstaub-Mix" von "Staub". Diese Aufnahme ist der pure Exzess! Welche andere Band, die auch nur eine einzige CD verkaufen will, würde sich heute noch trauen, ein solches Geprügel zu veröffentlichen? Und obwohl der musikalische Gehalt hier hart gegen null geht, funktioniert der Track aufgrund seiner Dynamik, die einfach keinen Widerspruch duldet. Maximaler Respekt vor soviel Konsequenz - endlich mal wieder eine Szene-Band, die einen eigenen Weg geht!
Umso erstaunlicher erscheint die Klangfülle der gesamten CD noch, wenn man im Cover nachschaut, wer für das Mastering verantwortlich war: Selbst ein Kolja Trelle, der schon so manches Inscape-Album im Klangbrei versinken ließ, konnte den Druck von KiEw nicht zerstören. Diese Sounds kriegt man also in der Tat nicht kaputt! Oder, wie es im Titeltrack "DCDisk" heißt: "Wenn Sie diese Diskette auf einem HiFi- oder anderen Audio-Gerät abspielen, kann erheblicher Schaden an den Lautsprechern entstehen." Jawohl! KiEws "Diskette" ist ein Electro-/Industrial-Brett geworden, wie man es schon lange nicht mehr gehört hat.
Robertos Wertung:
8 von 10 Sternen
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