Marc Almond: "Stranger Things" CD

Cover: Marc Almond: Stranger Things CD © 2001, XIII BIS / Indigo

Meine Damen und Herren, sind Sie bereit für eine Reise in die Welt des gigantischen Pathos und der verletzten Gefühle? Dann steigen Sie ein in die Zeitkapsel - "Stranger Things" beamt Sie zurück ans Ziel ihrer Träume, denn Marc Almond ist und bleibt der Mann der großen Geste! Schon auf dem Cover seines neuen Albums schimmert er uns entgegen wie ein strahlend weißes Pferdchen in der ausverkauften Gala-Vorstellung des Zirkus Roncalli. Und er hat einiges mitgebracht aus der glamourösen Welt des Showbiz: Sein kleines Privat-Orchester stets im Handtäschchen, öffnet er jenes auf "Stranger Things" wieder häufig und bereitwillig in guter alter "Tenement Symphony"-Tradition. Ja, der Bombast ist zurückgekehrt in seine Musik, wenn auch nicht mehr so euphorisch wie früher, sondern eher getragen und melancholisch.

Kein Wunder - ein "Tainted Life" liegt hinter ihm und an keinem großen Entertainer gehen die Ups und Downs seiner Karriere spurlos vorüber; schon gar nicht an Marc Almond, dem Empfindelchen, das viel herumgekommen ist in der großen, weiten Glitzerwelt.

Alles, nur nicht zeitgemäß, ist seine neue Platte. Ganz selten verlieren sich vielleicht ein paar moderne Sprengsel aus Dub und LoFi ins Klangbild, doch regieren hauptsächlich Farfisa-Orgel, Rhodes-Piano, Stylophone, Arp-Odyssey und natürlich das oben erwähnte Privat-Orchester. Der Isländer Johann Johannson sorgt in seiner Rolle als Produzent dafür, dass hier alles absolut nostalgisch (Oder ist es zeitlos?) klingt, aber dafür (wie immer bei Almond) sehr stilvoll: "Dancer" hätte Shirley Bassey für einen frühen James Bond-Film zur Ehre gereicht, Marcs Vorliebe für seinen großen Heroen Scott Walker lugt unmissverständlich aus "Lights" hervor, "Come Out" ist Glam-Rock in klarster 70er-Jahre-Tradition. Hach, wie schön!

Man badet in den sanften, schwermütigen Klängen und vor allem im überbordenen Pathos, in so viel Liebesschmerz und Einsamkeit. Die Stärken sind bei Almond traditionell die Balladen: "Born To Cry", "Tantalise Me" oder "When It's Your Time" präsentieren ihn als gereiften Chansonnier, dessen Stimme trotz aller Orchestrierung drumherum stets Herr der Lage, stets sehr weit vorn, stets sehr intim und direkt ist. Wie jedes tragische Epos hat auch "Stranger Things" ein (leider viel zu kurzes) "End In Tears". Seufz!

Aber keine Angst: Die deutsche Ausgabe der CD enthält noch einen Bonustrack, nämlich das wirklich sehr gute, mit Anna R. von Deutschlands Vozeige-Schwuchteln Rosenstolz im Duett und auf Latein geträllerte "Amo Vitam" - und die beiden klingen verdammt gut zusammen.

Marc Almond ist ein wirklicher Künstler. Einer, dem gängige Trends absolut fern zu sein scheinen, sein können und auf "Stranger Things" auch sind. Und genau deshalb würde ich mich sehr wundern, wenn er in Deutschland mehr als 10.000 Einheiten von seinem neuen Album absetzen könnte - Eigenständigkeit ist im Land der Dichter und Denker leider noch nie sonderlich gefragt gewesen. Kommerziell wird Almond mit "Stranger Things" grandios scheitern - künstlerisch aber ist ihm auf seine alten Tage noch einmal ein wirklich großer Wurf gelungen...

Robertos Wertung:

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8,5 von 10 Sternen

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