Marc Almond: "Open All Night" CD
©
1999,
XIII Bis Records
Es gibt CDs, die monatelang ungehört im Regal verstauben, ehe man die Zeit findet, sich ihnen zu widmen. Denn besonders, wenn es sich um Alben von Künstlern handelt, deren Werke man stets sehr geschätzt hat, will man schließlich nicht nur mal reinhören, sondern dem Tonträger bei seiner "Premiere" eine angemessene Aufmerksamkeit schenken. MARC ALMONDs "Open All Night" ist so ein Fall, mittlerweile schon fast ein Jahr lang auf dem Markt.
Spätestens seit seinem Überraschungserfolg "The Stars We Are" aus dem Jahr 1988 ist der einstige Frontmann von SOFT CELL ein Garant für wundervoll pathetische Pop-Perlen, stets stilsicher auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch wandelnd. Nach "Enchanted" (1990) und seinem bombastischen Meisterwerk "Tenement Symphony" (1991) (allesamt derzeit unverständlicherweise nicht einmal mehr als CD erhältlich, sondern von der Plattenfirma schlichtweg "deleted") wurde es ruhiger um ihn. Auf dem etwas unentschlossenen 1996er-Album "Fantastic Star" beschwor er in in einigen Stücken noch einmal die guten alten Zeiten herauf, verlor sich jedoch künstlerisch wie kommerziell weitestgehend im Mittelmaß.
Nach einigen Querelen mit Plattenfirmen und erneuten Gerüchten um eine SOFT CELL-Reunion erblickte nun im Spätsommer 1999 "Open All Night" das Licht der Öffentlichkeit, allerdings blieb auch hier der große Erfolg (bisher) aus. Und hört man genauer in die CD hinein, wundert dies nicht: MARC ALMOND hat durchgängig auf Up-Tempo-Nummern und opulente Orchester-Arrangements verzichtet, stattdessen dominieren schleppende Beats und einzeln trauernde Streicher die zumeist getragenen, an manchen Stellen sehr zurückgenommen Kompositionen. Jaja, man wird älter, ruhiger, nachdenklicher...
Das vordergründige Manko, keinen potenziellen Radio-Titel zu beinhalten, gleicht "Open All Night" glücklicherweise durch seine durchgängig ruhige, relaxte Atmosphäre aus. Nach häufigerem Genuss entwickeln sich "Night And Dark" und "Tragedy" (leider als Single vollkommen gefloppt) sogar zu kleinen Ohrwürmern, MARCs Duette mit SIOUXSIE SIOUX von den BANSHEES ("Threat Of Love") und KELLY ALI von den SNEAKER PIMPS ("Almost Diamonds") sind wunderschöne Love-Songs und bilden weitere Highlights. Inhaltlich hat sich nichts geändert: Liebesglück und Liebesschmerz wie immer in allen Facetten, noch immer herrlich pathetisch aufbereitet. Warum jedoch ausgerechnet "My Love", das mit Abstand schwächste Stück der CD, als zweite Single ausgekoppelt wurde, mag ein Geheimnis bleiben.
Ist man in der glücklichen Situation, "Open All Night" in der "Limited Tour Edition" sein eigen zu nennen, besitzt man zusätzlich die "Tragedy"-EP mit zwei Videoclips für den PC, zwei Remixen und drei gänzlich unveröffentlichten Titeln, von denen allerdings nur "Beautiful Losers" wirklich zu überzeugen vermag.
Alles in allem ist MARC ALMOND mit "Open All Night" (welch bezeichnender Titel) ein stimmiges Album gelungen, das ihn so ruhig und introvertiert wie selten zuvor präsentiert - eben tatsächlich eine "Late Night"-Platte für die melancholischen Stunden im Leben...
Robertos Wertung:
7,5 von 10 Sternen
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