Alizée: "Mes Courants Electriques" CD
©
2003,
Requiem Publishing/Universal Music
Eigentlich hätte Mademoiselle Alizée schon zu ihrem ersten Album auf diesen Seiten Erwähnung finden müssen. Dass so mancher "Robotnik"-Schreiberling eine Vorliebe für blutjunges Gemüse hat, dürfte dem geneigten Leser nach Rezensionen von Blümchen- und t.A.T.u.-CDs kaum verborgen geblieben sein.
Was Russland und Deutschland können, kann Frankreich natürlich schon lange: Keine Geringeren als die große Mylène Farmer, selbst eine der schönsten Frauen der 80er Jahre, und ihr Gatte Laurent Boutonnat gaben vor zweieinhalb Jahren den Startschuss zur fulminanten Karriere der süßen Alizée, deren geschickt auf autobiographisch getrimmtes "Moi ... Lolita" einer der Sommerhits 2001 werden sollte. Und das zu Recht: Im Gegensatz zu vielen Sternchen am Pop-Himmel war und ist es bei Alizée nicht nur optisch, sondern auch gesanglich schon ziemlich weit her. Dass Farmer / Boutonnat zudem ein grandioses Songwriter-Gespann sind, weiß man selbst in Deutschland spätestens seit "Desenchantee", das sich in der Soft-Techno-Variante von Kate Ryan pünktlich zu seinem 12. Geburtstag wieder an den Spitzenpositionen aller Charts Europas wiederfand.
Der Erfolg des mit einigen interessanten Balladen gespickten Debut-Albums "Gourmandises" und der zweiten Single "L'Alizé" sollte sich hingegen primär wieder auf die Hitparaden innerhalb der eigenen Landesgrenzen beschränken. Würde Alizée auf ewig eine Eintagsfliege bleiben? Nach über zwei Jahren der quälenden Ungewissheit ist die Antwort nun klar: Nein.
Der Grund dafür heißt "J'En Ai Marre" und bietet alles, was ein Hit haben muss - eine Melodie, die sofort ins Ohr geht, zuckerige Streicher in der Tradition klassischer 60er-Jahre-Chansons, ein süßes Stimmchen und natürlich ein sehr ansehnliches Video. Hach ja. Damit's diesmal auch mit den Nachbarn klappt, gibt's sogar noch eine in der Weltsprache gesungene Version namens "I'm Fed Up!" obendrauf. Da kann nun wirklich nichts mehr schiefgehen, denn mit charmantem französischem Akzent trällert sich Alizée durch einen so genial einfachen wie einfach genialen Text:
"I'm fed up with your complaints / well, baby, I'm not a saint
I'm fed up with the rain, the plane / that makes me throw up again
I'm fed up with all cynics / bathing caps and all critics
I'm fed up with being fed up / poor me!"
Egal also, welche Version man hört: Diese Nummer versprüht eine derartige Leichtigkeit und gute Laune, wie ich sie jahrzehntelang nur von Abba kannte - einzig "Malchik Gay" von t.A.T.u. zeigte in diesem Jahr schon ähnliche Qualitäten. "J'En Ai Marre" / "I'm Fed Up!" ist schlichtweg ein Geniestreich und rangiert auf der Richterskala für den perfekten Popsong ganz, ganz weit oben.
Fast zeitgleich (und nicht erst wieder um Monate verspätet) ist nun Alizées zweite Fulltime-CD "Mes Courants Electriques" erschienen. Holla, satte 15 Songs sind drauf - denkt man zumindest anfangs. In Wahrheit sind's dann doch nur elf, von denen vier sowohl auf Französisch als auch auf Englisch dargeboten werden. Und komischerweise hängen nicht die englischen Versionen auf den Positionen 12 bis 15 hinten am französischen Album dran, sondern sind munter über die ganze CD verteilt: "I'm Fed Up!" zum Beispiel darf die CD sogar eröffnen. Was das nun wieder soll...?!
Egal, also elf Songs. Zu einem habe ich mich oben ja schon ausführlich ausgelassen. Es bleiben zehn Titel übrig, die (fast schon logischerweise) das Niveau der Vorab-Single nicht halten können. Dennoch sind - wie auch schon auf dem Debut "Gourmandises" - vier wirklich starke Nummern dabei: "J'Ai Pas Vingt Ans!" / "I'm Not Twenty!" drängt sich als zweite Single fast schon etwas zu deutlich auf, die getragenen "Amélie M'a Dit" / "Amélie" und das finale "Coeur Déjà Pris" zeigen Farmers und Boutonnats famoses Talent, stimmungsvolle Ballden quasi nach Belieben aus dem Ärmel zu schütteln. Und auch das schwungvolle "A Contre-Courant" besteht die Nagelprobe der besonderen Art, muss es als Track 2 schließlich direkt hinter "I'm Fed Up!" seine Qualitäten zeigen.
Der Rest des Albums plätschert nett vor sich hin; sauber produziert und gemischt ist's allemal, der mit genau der richtigen Prise Lolita-Erotik angehauchte Gesang kann sich wahrlich hören lassen, die Songs gehen allesamt gut ins Ohr. Es gibt auf "Mes Courants Electriques" somit keinen wirklichen Ausfall - und allein das ist schon eine anhörliche Leistung. Natürlich geht's hier nicht um Anspruch, sondern um gute Unterhaltung; und die bietet diese CD auf alle Fälle: "Youpidou", um es mit Alizées (bzw. Mylène Farmers) Worten zu sagen.
"Mes Courants Electriques" ist ein in sich schlüssiges, stilvolles und charmantes Album geworden, mit dem sich Mademoiselle Alizée ganz sicher ein weiteres Jährchen auf dem Pop-Olymp wird halten können. Mindestens zwei weitere schicke Videos sind also garantiert - vielen Dank, Mylène und Laurent!
Robertos Wertung:
6,5 von 10 Sternen
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