Peter Gabriel: "Scratch My Back" Ltd. DoCD

Cover: Peter Gabriel: Scratch My Back Ltd. DoCD © 2010, Peter Gabriel Ltd./Virgin Music Ltd.

Es geschieht nicht sonderlich oft, dass Peter Gabriel eine neue CD herausbringt. Wenn es jedoch soweit ist, ist es zweifelsohne Zeit, inne zu halten. "Up", Gabriels fantastisches Album aus dem Jahre 2002, war das bis dato letzte Lebenszeichen des ehemaligen Frontmannes von Genesis - von einem Beitrag für den Soundtrack zum Pixar-Animations-Meisterwerk "Wall-E" mal abgesehen.

Pünktlich zu seinem 60. Geburtstag veröffentlicht der gute Mann nun einen neuen Langspieler, auf dem er ausschließlich Fremdkompositionen vertont. Dies ist zunächst schon deswegen bemerkenswert, weil man von Peter Gabriel bis dato noch keine einzige Cover-Version zu hören bekam. Hinzu kommt in diesem Falle die Herangehensweise: Keine Gitarren und kein Schlagzeug sollten es sein - und so präsentieren sich alle Aufnahmen auf "Scratch My Back" im fragilen Gewand aus Klavier-, Streicher- und Chorklängen; alles andere als leicht konsumierbar also. Demnach ist vorprogrammiert, dass die jüngste Scheibe des Herrn Gabriel ihm nicht den Weg zurück in die Playlists der Mainstream-Radios ebnen wird, die sich schon seit langem beharrlich weigern, seine neuen Werke zu spielen, sondern lieber für alle Zeit auf "Solsbury Hill" oder "Sledgehammer" setzen.

Einem Künstler jedoch, der in seinem eigenen abgeschlossenen Kosmos lebt und arbeitet, kann und wird dies ein weiteres Mal egal sein. "Scratch My Back" ist daher nicht zufällig Kunst um der Kunst willen; Kunst ohne jeglichen Hintergedanken an eine kommerzielle Verwertbarkeit - und irgendwie auch ein Projekt ohne Vergangenheit, denn es hat ob seiner sparsamen Instrumentierung und getragenen Umsetzung kaum noch etwas mit Peter Gabriels Aufnahmen aus dem 20. Jahrhundert gemein. In Zusammenarbeit mit John Metcalfe (Durutti Column) adaptiert der Altmeister Songs aus verschiedensten Phasen der Popmusik: Die Liste der Original-Interpreten reicht von renommierten Acts (Talking Heads, Paul Simon, Neil Young) und Glamrock-Ikonen (Lou Reed, David Bowie) über die Progressiven der Neuzeit (Radiohead, Arcade Fire) bis hin zu vergleichsweise unbekannten, lohnenden Geheimtipps (Elbow, Bon Iver).

Auf den ersten Hör fällt es schwer, einzelne Interpretationen hervorzuheben, da "Scratch My Back" als schlüssig gezeichnetes Gesamtbild daher kommt. Nach mehreren Durchläufen offenbaren sich jedoch mehr und mehr die durchaus unterschiedlichen Stimmungen der zwölf Stücke: Eine klaustrophobische, extrem verzweifelte Version von "Heroes" (David Bowie) macht den Anfang und erzeugt gleich zum Einstieg eine gehörige Portion Schwermut. Sehr zurückgenommen und melancholisch setzt Peter Gabriel "I Think It's Going To Rain Today" (Randy Newman), "Philadelphia" (Neil Young) und "The Boy In The Bubble" (Paul Simon) um, die im Vergleich zu den Originalen kaum wiederzuerkennen sind.

Mit dramatischen Dynamikwechseln und einem meisterhaft vielschichtigen Arrangement präsentiert der Brite das moll-geschwängerte "My Body Is A Cage" (Arcade Fire); in die turbulente Melodiefolge von "Mirrorball" (Elbow) vermag sich sein kehliger Gesangsstil perfekt einzufügen. "Après Moi" (Regina Spektor) lebt von einer immer dichter werdenden Spannung, ehe das stehende und bis auf's Gerippe reduzierte "Street Spirit" (Radiohead) der CD einen überaus schwermütigen Ausklang beschert.

Doch auf "Scratch My Back" wird nicht nur Melancholie geboten: Ob seiner melodischen Eingängigkeit klingt "Listening Winds" (Talking Heads) zaghaft beschwingt. Einfach unsagbar schön sind jedoch das behutsam mit Streichern unterlegte und zauberhaft sanft gesungene "The Power Of My Heart" (Lou Reed) sowie die unheimlich intensive Umsetzung der fantastischen Komposition "The Book Of Love" (The Magnetic Fields), die Gabriel im Duett mit Töchterchen Melanie intoniert. Diese beiden Songs rechtfertigen schon alleine den Kauf dieses Albums, dem man zweifelsohne die eine oder andere Mußestunde schenken muss, ehe es seinen vollen Glanz offenbart und ein weiteres Mal die absolute Ausnahmestellung Peter Gabriels unterstreicht.

Man darf gespannt sein, ob sich alle Künstler, deren Songs auf "Scratch My Back" gecovert wurden, tatsächlich mit jeweils einem Gegenschlag, d.h. einer Adaption aus dem Oeuvre Gabriels revanchieren - zumindest ist dies der aus dem Booklet zu entnehmende Plan des Jungseniors.

Die limitierte Auflage im Pappschuber bringt nicht nur das stilvolle Artwork noch besser zur Geltung als die normale Jewelcase-Variante, sondern wartet überdies mit einer 4-Track-Bonus-CD auf. Neben alternativ orchestrierten und gemischten Versionen von "The Book Of Love", "My Body Is A Cage" und "Heroes" gibt es hier mit "Waterloo Sunset" (The Kinks) noch einen exclusiven Bonus-Track auf die Ohren. Abgerundet wird dieses Paket vom Download-Code zu einer 24Bit-Version des kompletten Albums, die HiFi-Fetischisten zweifelsohne in Verzückung versetzen wird.

Robertos Wertung:

* * * * * * * * * -

9 von 10 Sternen

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Peter Gabriel: "Scratch My Back" Ltd. DoCD

1 Kommentar

Christian sagte am 08.05.2010 um 10:56 Uhr:

Peter Gabriel: "Scratch My Back" Ltd. DoCD

Hallo Roberto,
zunächst vielen Dank und ein großes Kompliment für diese informative Rezession und den Hinweis auf eines der schönsten Alben der letzten Jahre!
"Scratch My Back" ist natürlich ein Album, dass aufgrund seiner orchestralen Darbietung nicht gerade danach schreit, aus der Masse an Veröffentlichungen herauszustechen… nimmt man Standard-Maßstäbe als Ansatz. "Scratch My Back" stammt allerdings von Peter Gabriel, was die Sache schon anders dastehen lässt.
Tatsächlich ist es ihm gelungen, ein Album mit Coverversionen aufzunehmen, das den Eindruck vermittelt, alle Songs wären seine eigenen Babys. Die orchestrale Darbietung versprüht ein geradezu zeitentrücktes Flair, dass es einem warm ums Herz wird. Seit langem höre ich mal wieder ein Album, das mich von Anfang bis Ende fesselt und mich – bildlich gesprochen – in den Arm nimmt und den Nacken krault. Ganz großes Kino.
Meine Favoriten sind „Heroes“ und „The Book of Love“.
Mit musikalischen Grüßen
Christian

10 von 10 Sternen

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