Kraftwerk: "Die Mensch Maschine" CD

Cover: Kraftwerk: Die Mensch Maschine CD © 78/09, Klingklang Produkt / EMI (Original 1978, Remastered 2009)

Es ist ja nichts unbedingt Neues, dass auf dieser Seite eine Kraftwerk-Scheibe rezensiert wird. Da könnte mancher Kritiker schon den Vorwurf erheben, dass es doch gerade jetzt - in der alljährlichen Veröffentlichungsflut des Herbstes - genügend andere Künstler gäbe, deren CDs in diesem Forum gewürdigt werden könnten. Okay. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit, denn Kraftwerk sind zweifelsohne die Formation, die mich mehr als jede andere auf dieser Welt beeinflusst und letztlich dazu gebracht hat, selbst musikalisch aktiv zu werden. Da darf man eine Gelegenheit wie diese nicht einfach so verstreichen lassen: Nach Jahren des Wartens und Darbens haben es die alternden Knöpfchendreher um Ralf Hütter endlich geschafft, ihre acht Alben von "Autobahn" (1974) bis "Tour De France Soundtracks" (2003) in digital remasterter Form neu auf den Markt zu bringen.

Nachdem Kraftwerk auf ihren Langspielern "Autobahn" (1974) und "Radio-Aktivität" (1975) größtenteils noch Klangexperimente zu Lasten kompakter Songs in den Vordergrund gestellt hatten, gewann der strukturierte Synthie-Pop mit "Trans Europa Express" (1977) erstmals auch auf Albumlänge die Oberhand. In "Schaufensterpuppen" deuteten die "elektrischen Vier" bereits inhaltlich an, womit sie sich ein Jahr später ausführlich beschäftigen sollten: mit dem Zusammenspiel von Mensch und Maschine im engeren bzw. mit der Mechanisierung und Instrumentalisierung des Menschen im weiteren Sinne.

Das Klangbild ist dabei deutlich aufgeräumter ausgefallen als auf den vorherigen Werken, die Songs kommen wesentlich straighter und beat-orientierter daher: Im Opener "Die Roboter" und im Quasi-Instrumental "Spacelab" (der Text besteht nur aus diesem einzigen Wort) kann man das meisterhaft schlanke Schlagzeugspiel von Karl Bartos und Wolfgang Flür schon nahezu "funky" nennen. In "Die Roboter", das zugleich zur ersten Single auserkoren wurde, überzeichnen Kraftwerk das Bild der "Mensch-Maschine" mit einer überaus simplen Melodie und einem stimmig pointierten Text:

"Wir laden uns're Batterie - jetzt sind wir voller Energie.
Wir sind auf alles programmiert - und was du willst, wird ausgeführt.
Wir sind die Roboter."

Die Idee, sich bei der visuellen Umsetzung des Songs von vier Roboterpuppen vertreten zu lassen, war Ende der 70er Jahre nahezu revolutionär und sorgt bei Konzerten noch heute für Begeisterungsstürme. Mit russischen Textpassagen, die übersetzt "Ich bin dein Diener - ich bin dein Roboter" bedeuten, ihren auffälligen roten Hemden und ihren stringent nach Osten gerichteten Blicken auf dem Original-Cover des Albums lieferten Kraftwerk auch optisch einigen Diskussionsstoff. In den Credits wird sogar noch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Artwork der LP von El Lissitzky, dem russischen Begründer des Konstruktivismus, inspiriert wurde.

Einer der bis heute schönsten und stilprägendsten Kraftwerk-Songs ist das mehr als neunminütige "Neonlicht", dessen schwelgerische Melodieführung sich auch nach hundertfachem Hören einfach nicht abnutzen will. Die zweite Auskopplung "Das Model" entwickelte sich zum heute wahrscheinlich bekanntesten Titel der Band. Wie weit die Düsseldorfer damit ihrer Zeit voraus waren, wird daran deutlich, dass sich ein großer Chart-Erfolg erst drei Jahre später einstellte, als die Single ein zweites Mal veröffentlicht wurde. Über kompaktem Synthie-Pop besingt Ralf Hütter mit für Kraftwerk-Verhältnisse ausschweifenden Worten ein Glamour-Girl, das sich "für das Konsumprodukt zur Schau stellt" und somit im Stile einer "Mensch-Maschine" zu funktionieren hat.

Nicht zufällig greift das Quartett thematisch auch Fritz Langs Stummfilm-Klassiker "Metropolis" auf, in dem schon in den 20er Jahren in beeindruckender Art dargestellt wurde, wie Arbeiter in den Produktionsprozess integriert und zu Maschinen instrumentalisiert wurden. Mit dem Titelstück schließlich sollten die Düsseldorfer ein weiteres Mal die Anfang der 80er Jahre in den USA aufkeimende HipHop-Kultur massiv beeinflussen: Das einprägsame Melodie-Arpeggio dürfte in den vergangenen drei Dekaden Hunderte Male abgesampelt worden sein. So endet nach etwas mehr als 36 Minuten ein Album, das heute zurecht als definitiver Klassiker der elektronischen Musik gilt und das konzeptionell als eines der stimmigsten von Kraftwerk gewertet werden darf - zweifelsohne befanden sich Ralf Hütter, Florian Schneider, Karl Bartos und Wolfgang Flür in den Jahren 1975 bis 1981 auf dem Zenit ihrer Kreativität.

Die seit November 2009 erhältlichen Digital-Remasters waren gerade bei Kraftwerk gleich aus zwei Gründen überfällig: Erstens gab es ihre Longplayer zwar schon seit Urzeiten auf Silberscheibe zu kaufen, doch waren die Erstauflagen klanglich überaus dünn und kraftlos für das Medium CD aufbereitet. Zweitens lebt natürlich gerade der elektronische Sound, mit dem die Düsseldorfer verdientermaßen zu Weltruhm gelangten, von Dynamik und glasklaren Frequenzen. Genau das bietet die Neuauflage von "Die Mensch-Maschine", deren Kauf ich an dieser Stelle wirklich wärmstens empfehlen kann. Dabei gibt es alle acht Alben sowohl einzeln im Handel als auch gesammelt im Rahmen einer überaus lohnenden, grandios im Vinyl-Großformat aufgemachten Box namens "12345678 - Der Katalog".

Robertos Wertung:

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9 von 10 Sternen

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