IAmX: "Kingdom Of Welcome Addiction" CD
©
2009,
61 Seconds Records/Universal
Diese Rezension war überfällig: Bereits seit ich vor gut zwei Jahren die IAMX-CD "The Alternative" zugespielt bekam, steht diese Band bei mir extrem hoch im Kurs. Doch erst jetzt, im Juni 2009, liegt das inzwischen dritte Album des Projekts um den charismatischen Frontmann Chris Corner vor, das auf den ausschweifenden Namen "Kingdom Of Welcome Addiction" hört. Der inzwischen in Berlin beheimatete Brite Corner war einer der kreativen Köpfe der hauptsächlich in den 90er Jahren aktiven Sneaker Pimps, deren Debut "Becoming X" (1996) mit seiner eigenwilligen Mischung aus Trip-Hop, Gitarren-Pop, Elektronik-Sprengseln und charmantem Frauengesang zu überzeugen wusste. Zwar haben sich die Sneaker Pimps offiziell nie aufgelöst, doch gibt es Herrn Corner seit 2004 nur noch als IAMX zu belauschen: Für "Kingdom Of Welcome Addiction" hat der gute Mann mit Ausnahme einiger weiblicher Background-Vocals, Streicher- und Orchesterparts sämtliche Songs in kompletter Eigenregie komponiert, produziert und eingespielt.
Das allein ist schon eine bemerkenswerte Leistung - umso höher ist sie zu bewerten, wenn als Ergebnis dabei gleich mehrere überaus starke Songs herauskommen. Die sich in schwindelnde Höhen steigernde Ballade "I Am Terrified" und die treibende (auf http://www.iamx.eu kostenlos als Download erhältliche) Single "Think Of England" sind nur zwei der zahlreichen Glanzlichter auf diesem Silberling und grenzen den musikalischen Kosmos von IAMX anno 2009 sehr gut ein: vertrackte Beats, leicht angezerrte Gitarrensätze, Keyboard- und/oder Orchester-Flächen und über allem die wirklich fantastische Stimme Chris Corners, der ein ums andere Mal die volle Bandbreite der Dynamik zwischen Flüstern und Schreien auslotet. Überdeutlich wird in seinen Performances, wann der anno 1974 geborene Corner seine musikalische Sozialisation erfahren hat: Stets schwingen in seinem Timbre der Weltschmerz und das Pathos der 80er Jahre mit. Nicht selten erinnern sein Auftreten und die brüchige Exaltiertheit seiner Vocals innerhalb der melodramatisch aufgeplusterten Arrangements an den Glamour eines Marc Almond - und das ist wahrlich eines der größten Komplimente, die ich einem Sänger machen könnte. Der IAMX-Song "You Can Be Happy" ist dabei fast schon zu einer Fortsetzung von Almonds Eifersuchts-Epos "A Lover Spurned" geraten.
Auch wie Corner die Musik zu "The Great Shipwreck Of Life" mitreißt und gleich im Anschluss das Finale "Running" zu einem ruhigen, wohlig-warmen Ausklang geraten lässt, ist wahrlich aller Ehren wert. Vergleiche zu Brian Molko (Placebo) und Brandon Flowers (The Killers) erscheinen vordergründig offensichtlich, zielen jedoch ins Leere, da Chris Corners sinnlich-narzisstische Attitüde viel eher dem Glam-Rock und Bombast-Pop der späten 70er und frühen 80er Jahre verhaftet ist als dem aktuellen Alternative-Genre - man höre als deutlichstes Beispiel für diese These "An I For An I". Warum allerdings mit "Nature Of Inviting" und "My Secret Friend" die einzigen beiden Schwachpunkte gleich zu Beginn des Albums platziert wurden, wird das Geheimnis von IAMX bleiben. Glücklicherweise wiegen auch die filmische, an die Kompositionen Angelo Badalamentis gemahnende Ballade "The Stupid, The Proud" und natürlich das großartige Titelstück, mit dem Corner auf seinem dritten Solo-Longplayer das erste große Ausrufezeichen setzt, diesen Makel locker wieder auf.
Insgesamt ist "Kingdom Of Welcome Addiction" von IAMX ein bemerkenswertes Album, das hoffentlich nicht (wie anno 2006 sein Vorgänger "The Alternative") nur ein Geheimtipp bleibt. Wer an Marc Almonds Klassiker "The Stars We Are" Gefallen fand, kann und sollte hier bedenkenlos zuschlagen: Seit langer Zeit ist mir keine CD begegnet, die in derart überzeugender Weise den Hedonismus, die Kunst und den Kitsch der Glam-Rock- und New-Wave-Ära zu einem extrem stilvollen Gesamtwerk aus grandiosem Gesang und großen Gesten vereint hat. Stark!
Robertos Wertung:
9 von 10 Sternen
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