!distain: "Anthology 1992-2010" DoCD

Cover: !distain: Anthology 1992-2010 DoCD © 2010, Deep Symmetry (Prussia Records)/Rough Trade

Es ist nicht einfach, mit Synthie-Pop ein Gesicht in der Masse zu sein. "Nett", sagt man gerne, wenn man etwas Neues aus diesem Genre auf die Ohren bekommt - doch ist der Grat zwischen "nett" und "zu brav" ein recht schmaler. Nicht jeder Hörer wünscht sich allerdings Ecken und Kanten: Nach wie vor gibt es auch für Synthie-Pop eine eingeschworene Fangemeinde, die mit Sicherheit frohlocken wird, da es nach mittlerweile 18 Jahren bzw. fünf größtenteils nicht mehr erhältlichen Fulltime-Alben und einer Remix-Scheibe nun eine Kollektion der besten Songs von !distain gibt.

Moment, schrieben die sich nicht mal anders? Gut aufgepasst: Von 1992 bis 2003, als Alexander Braun noch auf die Musik von Sebastian von Wyschetzki und Oliver Faig sang, folgte das Ausrufezeichen auf die Buchstaben. Seit jedoch Manfred Thomaser die beiden Instrumentalisten ersetzt hat, wurde es an den Anfang des Bandnamens verfrachtet. Nichtsdestotrotz konnte und kann man sich bei !distain darauf verlassen, was man serviert bekommt - da macht selbstverfreilich auch die "Anthology" keine Ausnahme.

So werden in chronologischer Folge mit "Dance In Heaven", "Strange Affection" und dem seit langen Jahren als Club-Hit etablierten "Confession" zunächst drei der besten Aufnahmen des charmant-naiven Debut-Albums "Cement Garden" (1995) präsentiert. Deutlich erwachsener präsentierten sich distain! anderthalb Jahre später auf "li:quid", das leider ein Geheimtipp blieb - insbesondere "Conversation Overkill" und "Remote Control" sind die für meine Begriffe bis heute wohl stärksten Songs des ursprünglichen Trios.

Sogar der vormals bereits für Depeche Mode aktive Gareth Jones, der die 1998er-Single "Tears Of Joy" remixen durfte, konnte distain! nicht zum wirklich großen Erfolg verhelfen. (Dennoch an dieser Stelle ein Hoch auf Carl Erling und seine Label-Arbeit, denn aus reiner Nächstenliebe wird sich Mister Jones damals gewiss nicht ans Mischpult gesetzt haben.) Das zugehörige Album "Homesick Alien" war klanglich deutlich offener und moderner ausgefallen - aus kommerzieller Sicht eher ein Eigentor denn ein Fortschritt. Zwar sind auch "Promises" und "Goddess Of Spring" wirklich gute Songs, doch kommen sie aufgrund der ambitionierten, jedoch etwas zerfaserten Produktion nicht hundertprozentig zum Punkt.

Ganz anders verhält sich das insbesondere bei "Sex'n'Cross", dem Glanzlicht des insgesamt starken vierten Albums "25 Frames A Second" (2004), dem ersten nach der personellen Umbesetzung; dieser Song hätte definitiv ein Club-Hit werden müssen. Auch die weitere Single "America" grummelt kräftig im Bassbereich, ist kompositorisch jedoch nicht so stark ausgefallen. "Raise The Level" (2007), der bis heute letzte offizielle !distain-Longplayer, konnte mich größtenteils nicht mehr überzeugen - einzige und übergroße Ausnahme war die Auskopplung "Mandragore", die ein weiteres Highlight der nun erhältlichen "Anthology" abgibt.

Abgerundet wird die Werkschau von drei neuen Aufnahmen, besser gesagt Co-Produktionen. Die in Zusammenarbeit mit Sonictune entstandene Ballade "Hole In The Moon" weiß durch die Kombination von Alexander Brauns Gesang mit charmantem weiblichen Background-Geträller zu gefallen. "Dunkle Zeit" ist ein designierter Tanzflächenfüller und fällt vordergründig schon aufgrund seines untypischerweise komplett deutschsprachigen Textes auf - doch auch die Musik entstammt einem anderen Genre, denn Kollaborateur Patrick Knoch alias Elektrostaub ist im Future-Pop zu Hause. Den Abschluss bildet eine (ebenfalls gemeinsam mit Elektrostaub entstandene) satte Neufassung von "Confession", die mir persönlich leider einen Tick zu routiniert und glatt wirkt; ich bin gespannt, ob die Szene-DJs dies anders sehen.

Nach insgesamt 18 Songs auf Silberscheibe 1 ist noch lange nicht Schluss, denn der im wertigen Klapp-Digipak mit ausführlichem Booklet aufgemachten Erstauflage von !distains "Anthology" ist zusätzlich eine Bonus-CD beigefügt. Darauf enthalten sind neben den vier Video-Clips zu "Mandragore", "Coversation Overkill", "Tears Of Joy" und "Whispering Love" sage und schreibe 14 weitere Audio-Tracks, die bislang unveröffentlicht waren. Dabei handelt es sich größtenteils um überarbeitete Demo-Versionen von Songs, die es am Ende auf kein Album geschafft haben. Positiv hervozuheben sind hier "Eines Tages", das eher untypisch verschrobene "Phantom Lover" sowie die Balladen "Hurt" und "Together". Zusätzlich gibt's noch eine Neufassung von "Coversation Overkill" (eingespielt gemeinsam mit Intuition) und einen gut hörbaren Song von Manfred Thomasers Nebenprojekt Arsene Tibé.

Für Synthie-Pop-Liebhaber ist !distains "Anthology 1992-2010" zweifelsohne ein reich gefülltes Schatzkistchen. Zwar liegt es in der Natur der Sache, dass bei insgesamt 32 Tracks nicht jeder Song ein Volltreffer sein kann, doch gibt diese Zusammenstellung einen umfassenden Einblick in das mehr als 15jährige Schaffen einer deutschen Band, die leider vielleicht doch stets einen Tick "zu brav" war, um den wirklichen Durchbruch zu schaffen.

Robertos Wertung:

* * * * * * * - - -

7 von 10 Sternen

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!distain: "Anthology 1992-2010" DoCD

2 Kommentare

derFALK sagte am 07.05.2010 um 13:29 Uhr:

!distain: "Anthology 1992-2010" DoCD

Tja... !Distain! ... Anno "Kurznachewende" war der Zementgarten eine Offenbarung in den Ohren des damals noch unverbrauchteren Syntheticsound Freundes.

Doch bereits Liquid offenbart das Problem so vieler "Projekte". Für den ersten Schuß ist das Füllhorn an Ideen gut gestopft - wenn die Sterne günstig stehen gibts dafür ordentlich Applaus. Der weitere Output wird jedoch aus teilweise nachvollziehbaren Gründen unter den Fingernägeln gesucht. Leider sind dadurch die folgenden Ergüsse im Meer der mehr oder minder bemühten Soundsoße zu suchen. Leider sucht dort nur noch der Fan, sonst niemand. Oft Zurecht !

Meine Sternchen beziehen sich nicht auf das konkrete Album, sondern eher auf das Gesamtveröffentlichungswerk von Distain. Rechenmethode : 10=Output gesamt, 3=Output erwähnenswert für die Nachwelt. D.h. die 4 Sternchen müßten dann jeweils noch mit 8 bis 10 von 10 regulären Sternchen einzeln bewertet werden.
Verstanden ?
Nö ?
Trotzdem schön das es sie gab. :)

4 von 10 Sternen

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derFALK sagte am 07.05.2010 um 13:31 Uhr:

!distain: "Anthology 1992-2010" DoCD

Zitat von derFALK:
... 3=Output erwähnenswert für die Nachwelt. ...

Rechenfehler ... bitte 3 durch 4 ersetzen.

Jetzt verstanden ?

Nö?

:)

4 von 10 Sternen

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