Bronski Beat: "The Age Of Consent" CD
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84/96,
ReRelease 1996: London Records/Warner Music
Nicht selten werden in Rückblicken auf die 80er Jahre die Stile New Wave, New Romantic und Synthie-Pop als komplett unpolitische Trends präsentiert. Wenn überhaupt, wird als Gegenbeispiel vielleicht noch "Do They Know It's Christmas?" erwähnt - die Charity-Single, die Midge Ure, Sänger und treibende Kraft von Ultravox, für das Band Aid-Projekt komponierte. In der Tat legten die meisten Ikonen jener Zeit (z.B. Visage, Duran Duran, Spandau Ballet und nicht zuletzt Depeche Mode) deutlich mehr Wert auf ihre Fönfrisuren als auf die Inhalte ihrer Texte. Mit Bronski Beat erschien 1984 allerdings eine Band auf der Bildfläche, die gleich mit ihrer ersten Single "Smalltown Boy" und dem zugehörigen Videoclip ein überdeutliches Ausrufezeichen für die gesellschaftliche Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben setzte.
Der Song hätte kaum autobiographischer sein können: Sänger Jimmy Somerville selbst flüchtete pünktlich am 18. Geburtstag aus seinem Elternhaus in Glasgow, seiner Aussage nach "a city with a smalltown mentality". In London lernte er die beiden ebenfalls homosexuellen Steve Bronski (Synthesizer) und Larry Steinbachek (Schlagwerk) kennen - die Geburtsstunde von Bronski Beat. "Smalltown Boy", das seine Botschaft mit der einzigartigen Falsett-Stimme Jimmy Somervilles über moderat melodiösem Synthie-Pop transportierte, wurde ein europaweiter Top 10-Hit und erreichte sogar die Top 50 in den USA. Interessante Randnotiz: In die Auslaufrille der in England veröffentlichten Maxi-Single war die Telefonnummer der Beratungsstelle für Schwule und Lesben in London eingraviert.
Auch die zweite Single "Why?", deren Hi-Energy-Disco-Groove noch treibender und definitiv tanzbar ausfiel, thematisierte Homosexualität - und erreichte ebenfalls die Top 10 in u.a. England, Deutschland und Frankreich. Das Feld war also bestellt für den ersten Longplayer, der unter dem provokanten Titel "The Age Of Consent" im Oktover 1984 erschien. (Im englischen Sprachgebrauch ist darunter das Mindestalter zu verstehen, ab dem aus juristischer Sicht das bewusste Einverständnis eines Menschen zu sexuellen Handlungen vorausgesetzt werden kann.) In Zusammenarbeit mit dem Produzenten Steve Thorne präsentierten Bronski Beat auf ihrer Debut-LP noch insgesamt acht weitere Songs, die musikalisch größtenteils deutlich ruhiger gerieten als die beiden Vorab-Singles. Einzig das interessante, dunkel treibende "Junk" kann noch als lupenreiner Synthie-Pop bezeichnet werden, während der Schlusstrack "I Feel Love", ein hochexplosives und wirklich hörenswertes Medley aus den Disco-Klassikern "Love To Love You Baby", "Johnny Remember Me" und natürlich Donna Summers namensgebendem "I Feel Love", ein weiteres Mal Hi-Energy-Disco in Reinkultur abgab. In einer Duett-Version mit Marc Almond erschien "I Feel Love" Anfang 1985 noch als vierte Single - und wurde von einem damaligen Kritiker bezeichnenderweise als "die schwulste Platte aller Zeiten" verrissen.
Auskopplung Nummer 3 offenbarte hingegen andere musikalische Seiten: "Ain't Necessarily So" war eine Coverversion aus der Gershwin-Oper "Porgy & Bess" und swingte auch in der Interpretation von Bronski Beat ordentlich. Die Klarinetten-Soli stammten dabei von Richard Coles, der später gemeinsam mit Jimmy Somerville die Communards gründen sollte. Eher im Downtempo-Bereich bewegen sich "Screaming", das sich nach zwei Minuten zumindest noch mit einer satten Basslinie interessant zu machen weiß, und "No More War", welches kompositorisch im Vergleich zu den vorherigen Tracks leider deutlich abfällt. Auch "Love And Money" plätschert leider eher vor sich hin, als dass es überzeugt. Das bes(ch)wingte "Heatwave" wirkt wie eine Fortsetzung von "Ain't Necessarily So", ehe der fließende, durchaus hörenswerte "Need A Man Blues" das Finale von "The Age Of Consent" einläutet. So bleibt festzuhalten, dass die schnellen, energiegeladenen Singles von leider nur bedingt interessanten Balladen zu einem Album ergänzt wurden, das insgesamt zwar ambitioniert, jedoch irgendwie unentschlossen wirkt - und überdies auch nicht durchgehend spannend ausgefallen ist.
Zweifelsohne rechtfertigen jedoch allein "Smalltown Boy", "Why?", "Junk" und "Ain't Necessarily So" den Kauf. Hinzu kommt, dass die derzeit erhältliche CD-Ausgabe nicht nur zum sehr fairen MidPrice von ca. 6 EUR zu bekommen ist, sondern überdies noch mit insgesamt sechs Bonus-Tracks angereichert ist. Viel Musik also für wenig Geld: So sind hier einerseits die lange Duett-Version von "I Feel Love" mit Marc Almond sowie die beiden B-Seiten-Titel dieser Maxi-Single vertreten, andererseits noch drei lange Stücke des ursprünglich 1985 erschienenen Remix-Albums "Hundreds And Thousands".
Bereits vor der Veröffentlichung dieses zweiten Longplayers und gerade ein Jahr nach dem ersten großen Erfolg mit "Smalltown Boy" trennte sich Jimmy Somerville von seinen Mitstreitern, formierte zunächst die Communards und startete im Anschluss daran eine erfolgreiche Solo-Karriere. Steve Bronski und Larry Steinbachek holten sich einen neuen Sänger und landeten mit "Hit That Perfect Beat" 1986 zumindest noch einen wirklichen Hit, ehe Bronski Beat mehr und mehr in der Bedeutungslosigkeit verschwanden. "The Age Of Consent" jedoch bleibt definitiv eines der klassischen Alben der 80er Jahre - insbesondere wegen seiner gesellschaftspolitischen Relevanz, die es im Synthie-Pop-Genre bis zum heutigen Tag ziemlich einzigartig macht.
Robertos Wertung:
7 von 10 Sternen
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