Nein, ich werfe mit der Höchstpunktzahl wahrlich nicht inflationär um mich. Um genau zu sein, ist es bereits fast sieben Jahre her - Peter Gabriels fantastisches Alterswerk "Up" war anno 2002 die letzte CD, der ich von 10 möglichen Sternen exakt 10 zusprach. Und mal ehrlich: Wer hätte nach Archives eher mäßigem Vorgängerwerk "Lights" zu träumen gewagt, dass dem Musikerkollektiv um Darius Keeler und Danny Griffiths ein derart großer Wurf gelingen würde? Ich jedenfalls nicht.
Der Reihe nach: Erstmals wurde ich mit "You All Look The Same To Me" auf Archive aufmerksam. Besonders die beidersamt mehr als 15minütigen (!) Epen "Again" und "Finding It So Hard" machten deutlich, welches Potenzial die Briten einerseits hatten und welche historischen Quellen sie andererseits anzapften: Der "Progressive Rock" der 70er Jahre - insbesondere der von Pink Floyd - war deutlich herauszuhören. Allerdings schaffte es die Band bereits 2002, diese Einflüsse nicht einfach blind zu kopieren, sondern sie stattdessen in einen zeitgemäßen, auf intelligente Weise mit Elektronik und teilweise gar Breakbeats angereicherten Kontext zu transportieren. Auch das konsequent energetische "Numb" mit seinen Reminiszenzen an die deutschen Krautrocker NEU! wusste zu überzeugen. Leider gelang es Archive damals jedoch nicht, dieses hohe Niveau auf kompletter Albumlänge zu halten. Mit den beiden Folge-Werken "Noise" und "Lights" wurden sie zwar kompakter und auch kommerziell erfolgreicher, doch nicht wirklich interessanter. Überdies ließen die zahlreichen Personalwechsel das Projekt scheinbar in eine gewisse Orientierungslosigkeit abdriften.
Damit ist 2009 endgültig Schluss. Fast drei Jahre Zeit haben sich Keeler und Griffiths genommen, um in Frankreich und Großbritannien an einem bombastischen Konzeptwerk mit sage und schreibe 24 stilvoll und stimmig miteinander verwobenen Titeln, einer Gesamtspielzeit von mehr als zwei Stunden und einem überaus ansehnlichen Artwork zu arbeiten. Wann seit Pink Floyds "The Wall" hat es so etwas noch gegeben? Fünf Vokalisten teilen sich das Mikrophon, ein klassisches Orchester darf zwei Drittel der Kompositionen ausschmücken; ein Wunder, dass sich Archive bei dieser Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten nicht verzettelt haben. Doch genau das Gegenteil ist passiert: "Controlling Crowds" ist große Kunst, die nicht an begrenzten technischen Mitteln oder stilistischen Grenzen scheitert; Kunst, die erarbeitet werden will und der es egal ist, dass ein guter Song auch einmal sieben oder gar zehn Minuten dauern darf, wenn die Komposition dies zulässt - oder erfordert, damit sie ihre Stärken in voller Schönheit zu entfalten vermag.
Kommerzieller Selbstmord also? Mitnichten, denn Archive können auch kompakt, wenn sie wollen. Die Vorabsingle "Bullets" beispielsweise bringt alles auf den Punkt, was ein starker Rocksong bieten muss: eine einprägsame Melodie, einen sich stetig bis zum Ausbruch steigernden Spannungsbogen, unmissverständliche 70er Jahre-"Prog"-Anleihen und Pollard Berriers ausdrucksstarken Gesang. Auch "Pills", der Opener der zweiten CD, hat definitiv Radio-Format: Über hektisch treibenden Beats perlt zu immer dichter werdender Atmosphäre eine zauberhafte Melodie, die Maria Q. Elegant mit relaxten Vocals veredelt - genau das, was Faithless schon lange nicht mehr hinbekommen.
Allein die Beschreibung dieser beiden Songs macht bereits deutlich, wie vielseitig und vielschichtig Archive anno 2009 sind. Und wer ein Doppelalbum herausbringt und dies sogleich mit einem 10minütigen Monster eröffnet, dem mangelt es wahrlich nicht an Selbstbewusstsein. Das Titelstück "Controlling Crowds" mit seinen Orgel-Sounds jedenfalls wird jeden 70s-Rock-Fan erfreuen: Pollard Berriers Stimme ist mal heiser-kratzig wie einst bei Iron Butterfly, in den ruhigen Momenten hingegen angenehm zurückgenommen und sanft. "Words On Signs" klingt wohl nicht zufällig wie eine zeitgemäße Fortsetzung von Pink Floyds "Hey You". Auf keinen Fall unerwähnt bleiben soll auch das Mammutwerk "Collape/Collide": Neuneinhalb Minuten Extraklasse mit fesselndem Spannungsaufbau, getragenen Streichersätzen und Maria Q.s großartiger Gesangsleistung. Im atmosphärischen, flächigen "Dangervisit" darf sich Dave Pen erstmals am Mikrophon beweisen; auch er nimmt diese Hürde mit Bravour. Und wie schön und zu Tränen rührend ist erst sein gesangliches Meisterstück "The Empty Bottle" auf CD 2!
Ein Rapper ist auch noch an Bord: Rückkehrer Rosko John, der vor mehr als zehn Jahren bereits auf dem ersten Archive-Album "Londinium" zu hören war, ist ebenfalls ein wahrer Meister seines Fachs. Wie seine Rhymes in "Lines" und vor allen Dingen im dunkel dräuenden "Razed To The Ground" im Maschinengewehrtempo die satten Beats vor sich her treiben, wirft unmissverständlich die Fragen auf, warum er nicht als Solo-Künstler in der Rotation auf MTV zu sehen ist und warum Archive nicht auch als HipHop-Act angesagt sind. Die lange Reihe der Highlights ließe sich noch weiter fortsetzen, denn insbesondere die erste CD hat nicht einen einzigen Schwachpunkt: Jeder der insgesamt 13 Songs weiß hundertprozentig zu überzeugen und offenbart mehr Substanz als komplette Alben vieler anderer Künstler. Archive ist es überdies gelungen, in Zusammenarbeit mit Jerome Devoise eine derart ideenreiche Produktion zu erarbeiten, dass sich dem Hörer noch beim zehnten Durchlauf immer neue Facetten erschließen.
Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: "Controlling Crowds" ist ein fantastisches, großes Kunstwerk; eines, das nicht an begrenzten technischen Mitteln oder stilistischen Grenzen scheitert; eines, das erarbeitet werden will und dafür schlicht und ergreifend begeistert. Archive sind nicht nur in eine Richtung gegangen, haben sich nicht in einer Nische versteckt - stattdessen sind sie aufgebrochen, um die Weltformel zu suchen. Und: Ja, sie haben sie gefunden!
Archive: "Controlling Crowds (Complete Edition, Parts I - IV)" DoCD
1 Kommentar
Sir Raze sagte am 01.12.2009 um 13:18 Uhr:
Archive: "Controlling Crowds (Complete Edition, Parts I - IV)" DoCD
Du hast sicher recht, roberto. "controlling crowds" ist abwechslungsreicher, als z.b. "lights". besonders part IV (also CD 2) ist interessant. jedoch muss ich nach x-maligen hörgenuss des "lights"-albums feststellen - "lights" hat mehr seele. man träumt sich besser hinein. "controlling crowds" hat auch seine perlen, doch auf ganzer länge finde ich es zu anstrengend. es ist wie eine wanderung mit einem zu schweren rucksack. man hat vielleicht alles bei sich und ist auf fast jede situation vorbereitet. aber es ist schwerer mit diesem vollen rucksack zu laufen, als wenn ich eben etwas weniger ballast rein getan hätte. mit anderen worten - "controlling crowds" ist mir schon wieder fast zu kompakt. zu viele stilistische unterbrechungen. "lights" kann man hingegen vom anfang bis zum ende genießen. es fließt dahin.
lob: ich bin immer wieder gerne auf dieser seite. hier merke ich, dass hinter den rezensionen musikliebhaber stecken. das äußert sich eben durch kontrastreiche band- bzw. cd-besprechungen.