Robertos (nicht nur) musikalischer Jahresrückblick.
Die 5 besten Alben - der Countdown:
Einstürzende Neubauten: "The Jewels"
#5
Im Kontrast zum letztjährigen Studioalbum "Alles wieder offen" präsentieren Deutschlands Alternativ-Urgesteine um Blixa Bargeld auf "The Jewels" eine Kollektion von Stücken, bei denen sie einfach mal spontan drauflos experimentiert haben. Freilich ist das Resultat eher eine collagenartige Songsammlung denn ein homogenes Album - und einige Tracks scheinen überdies (Wen wundert's?) nicht zu Ende gedacht zu sein. Vielleicht gerade deswegen ist es wirklich spannend, dieser CD eine Mußestunde zu schenken und sich in die noch immer einzigartige und schier grenzenlose Klangwelt der Einstürzenden Neubauten entführen zu lassen.
Im schleppend-bedrohlichen "Die Ebenen (werden nicht vermischt)" kommen auch Fans der ersten Stunde auf ihre Kosten - überdies ist allein schon das großartig aufgemachte Artwork sein Geld wert.
Janosch Moldau: "Motel Songs"
#4
Er entwickelt sich nicht nur optisch immer mehr zum kleinen Bruder von Martin Gore: Drei Jahre nach seinem Debut "Redeemer" präsentiert der Wahl-Ulmer auf seinem nahezu unendlich lange verschobenen Zweitling "Motel Songs" ein deutlich fülligeres, gitarrigeres Klangbild. Geblieben sind neben den klanglichen Parallelen zu den Spätwerken von Depeche Mode die atmosphärischen Kompositionen und der leidenschaftliche Gesang, der Janosch Moldau deutlich von durchschnittlichen Schmalspur-Synthie-Poppern abhebt.
Erneut fällt es schwer, einzelne Songs hervorzuheben - zu geschlossen und stimmig ist wieder einmal das Gesamtbild. Überdies kann man nicht oft genug betonen, dass Janosch Moldau im wahrsten Sinne des Wortes "independent" arbeitet: Sämtliche "Motel Songs" hat er in kompletter Eigenregie komponiert, getextet, produziert, eingespielt, abgemischt und gemastert. Hut ab!
Coldplay: "Viva La Vida (Or Death And All His Friends)"
#3
"Typische Coldplay-Alben gibt es schon genug!", ließ Frontmann Chris Martin anlässlich der Veröffentlichung des vierten Longplayers seiner Kapelle namens "Viva La Vida" verlauten und machte damit unmissverständlich klar, dass er und seine Mannen dieses Mal neue Wege beschritten hatten. Das Ergebnis weiß zwar nicht bei jedem einzelnen Song zu überzeugen, wohl aber auf Albumlänge.
Wer sich allerdings Brian Eno als Produzenten ins Studio holt und die CD obendrauf mit einem derart schicken Artwork veredelt, macht bereits eine Menge richtig, ehe er überhaupt mit den Aufnahmen beginnt. Neben dem Titelstück offenbaren insbesondere "Life In Technicolor", "Lovers In Japan" und "Reign Of Love" Coldplays stärkste Seiten. Als Follow-Up zum im Frühjahr erschienenen Album wurde die Hörerschaft im November noch mit der EP "Prospekt's March" beglückt, die neben ein paar neuen Songs Alternativ-Versionen einiger Album-Tracks und die Single-B-Seiten enthält. Darüber jedoch, ob man auf "Lost +" unbedingt Jay-Z hätte rappen lassen müssen, kann man durchaus geteilter Meinung sein.
Forma Tadre: "The Music Of Erich Zann"
#2
Überdeutlich dokumentiert jemand, der seinen Band-Namen aus den Anfangsbuchstaben des 1979er-TAngerine DREam-Albums "FORce MAjeure" zusammensetzt, dass er gehobenen Ansprüchen gerecht werden möchte - und natürlich, dass ihm Atmosphäre und Klang wichtiger sind als geradlinige Songstrukturen. Konsequenter als jemals zuvor wird diese Herangehensweise Andy Meyas auf dem ersten Forma Tadre-Lebenszeichen seit zehn Jahren deutlich, dem Album "The Music Of Erich Zann". Zweifelsohne passend, handelt es sich schließlich um einen Soundtrack - allerdings nicht zu einem Film, sondern zur gleichnamigen Kurzgeschichte von H. P. Lovecraft aus den 1920er Jahren, die im amerikanischen Boston spielt.
Auf den ersten Hör mögen die modernen, polierten Digitalklänge von Forma Tadre im Widerspruch zu der als marode und antiquiert skizzierten Umgebung der literarischen Vorlage stehen. Lässt man sich jedoch von der Atmosphäre der Geschichte und der Vorstellung gefangen nehmen, einer Kostprobe der nicht greifbaren Virtuosität des mystischen Geigers Erich Zann beizuwohnen, ergeben die fließenden, an vielen Stellen nahezu monolithischen Klänge Andy Meyas das perfekte akustische Gegenstück.
Dieses Album gibt den Startschuss für die sogenannte "Cutoff"-Reihe, in deren Rahmen Andy Meya als Ergänzung zu den regulären CDs seines Projekts Forma Tadre ausschließlich in digitaler Form weitere Soundtracks veröffentlichen will. "The Music Of Erich Zann" ist demzufolge exclusiv in den Online-Shops i-tunes und grenzwellen.com erhältlich.
Klee: "Berge versetzen"
#1
"Die Zeiten ändern sich - und die Zeiten ändern mich", singt Suzie Kerstgens in "Wie weit", einem Titel des mittlerweile vierten Klee-Langspielers "Berge versetzen". Und wer dieser CD eine Mußestunde schenkt, hört schon nach wenigen Momenten, dass die Kölnerin wieder einmal große Wahrheiten mit entwaffnend einfachen Worten ausspricht. Wieder einmal.
Denn glücklicherweise gibt es auch auf dieser CD wieder magische Momente zu bestaunen, die das Besondere an Klee ausmachen; Emotionen, die in dieser Tiefe ganz einfach niemand sonst erschafft; Songs, die innerhalb von drei Minuten mehr herzliche und ehrliche Wärme transportieren als manch andere Band in ihrer gesamten Karriere.
"7 Schritte" beispielsweise ist nicht weniger als die schönste Liebeserklärung, der meine Ohren jemals lauschen durften. Nahezu melodramatisch präsentiert sich das mit Rockabilly-Anleihen und orchestralem Bombast aufgezuckerte "Du und ich", das trotzdem nicht den Bruchteil einer Sekunde lang peinlich wirkt. Ganz im Gegenteil wird das Gesamtbild aus intimen deutschen Texten, sanft und zugleich lasziv gehauchtem Gesang von Frontfrau Suzie und der klanglichen Umsetzung durch Sten Servaes und Tom Deininger, die mittlerweile auch im Studio von Stefan "Pele" Götzer am Bass und Daniel Klingen am Schlagwerk unterstützt werden, von Jahr zu Jahr immer stimmiger.
Sechs der 13 Stücke der normalen Ausgabe von "Berge versetzen" sind schlicht und ergreifend fantastisch! Von wievielen Alben kann man dies mit Fug und Recht behaupten?
Großartig!
Die 10 besten Songs - in alphabetischer Reihenfolge:
Peter Fox: "Schwarz zu blau"
#F
Als ich diesen Song zum ersten Mal hörte, wurde mir klar: Hip-Hop ist in Deutschland angekommen. Es hat mehr als 25 Jahre gedauert, doch erstmals ist da jemand, der sich weder ausschließlich über den Spaßfaktor definiert (Fanta 4, Fettes Brot) noch so prollig wirkt, als sei er im Bauch einer brennenden Mülltonne aufgewachsen (Sido). Peter Fox, eines der drei "E"s von Seeed, ist nicht nur wortgewandt, sondern vor allem glaubwürdig. In "Schwarz zu blau" zeichnet er auf lyrisch famose Weise ein Portrait des Nachtlebens von Berlin, das bei jedem Hören auf's Neue beeindruckt.
John Foxx: "Fog"
#F
Unfassbar, was in den Archiven dieses Mannes schlummert: War es im vergangenen Jahr auf der Wiederveröffentlichung von "Metamatic" das grandiose Synthie-Pop-Stück "Cinemascope", dessen analoges Fiepen mich in Verzückung versetzte, so beschert Ultravox!-Gründer John Foxx uns anno 2008 auf der Bonus-CD der remasterten Neuauflage seines zweiten Albums "The Garden" das bis dato unveröffentlichte Instrumental "Fog", dessen fast stehende, bedrohlich dunkle Ambient-Klänge mich sofort in ihren Bann gezogen haben.
Frozen Plasma: "Tanz die Revolution"
#F
Ich weiß, ich sollte nicht schon wieder auf ihnen herumhacken: Allerdings ist Frozen Plasmas "Tanz die Revolution" wirklich genau das, was Melotron noch nie hinbekommen haben - ein Tanzflurfüller erster Kajüte. Die Namnambulu-Nachfolger liefern treibenden Synthie-Pop mit einem intelligenten, pointierten deutschen Text. Auf die Zwölf!
Keane: "Perfect Symmetry"
#K
Das inzwischen dritte Album der Briten fällt gegenüber seinen beiden Vorgängern "Hopes And Fears" und "Under The Iron Sea" leider merklich ab. Mit dem Titelsong jedoch schöpft das Trio um den begnadeten Vokalisten Tom Chaplin noch einmal sein volles Potenzial aus - eine große Pophymne, die sofort ins Ohr geht und definitiv eine Single-Auskopplung werden muss.
Klee: "Du und ich"
#K
Vielen Künstlern sagt man nach, sie würden mit fortschreitendem Alter immer weiser. Auf Klee trifft diese Aussage wirklich zu, denn einen Text wie den zu "Du und ich" kann man erst schreiben, wenn man eine gehörige Portion Lebenserfahrung gesammelt hat. Überdies wissen die Kölner inzwischen sehr wohl, wie man einen Spannungsbogen aufbaut: Mit Orchester-Bombast und Rockabilly-Anleihen plustern sie "Du und ich" stilvoll auf und erschaffen auf diese Weise mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit eine traumhafte Ballade.
Klee: "7 Schritte"
#K
Ohne Wenn und Aber: "7 Schritte" ist die schönste musikalische Liebeserklärung aller Zeiten. Was für ein fantastischer, immer wieder zu Tränen rührender Text, welch behutsame kompositorische Umsetzung. Dass einer deutschen Band, die eigentlich nur ganz normale Popsongs spielt, ein derart großer Wurf gelingt, konnte niemand in seinen kühnsten Träumen zu hoffen wagen. Danke an Suzie Kerstgens und ihre Mannen, die offensichtlich nicht mehr weit davon entfernt sind, tatsächlich "Berge versetzen" zu können!
Annett Louisan: "Drück die 1"
#L
Es bleibt dabei: Sie ist in punkto Wortwitz und Charme im deutschen Sprachraum konkurrenzlos. Zwar werden ihre Alben in Gänze nicht unbedingt besser, doch summiert gerade die "Teilzeithippie"-Vorabsingle "Drück die 1" all das, was Annett Louisan ausmacht. Wer so mit einer Trennung umgehen kann, hat's gut. Insbesondere die Schlusszeile verdient besondere Erwähnung:
"Willst du mir 'nen Gefallen tun und meine Nerven schonen, dann drück einfach die Taste mit dem kleinen roten Telefon."
Massiv in Mensch feat. mind.in.a.box: "Supermassive Gravity"
#M
Wenn man "Supermassive Gravity" hört, erkennt man sofort, was Massiv in Mensch bis dato häufig gefehlt hat: gute Vocals. Die Stimme der Österreicher mind.in.a.box veredelt diesen an sich typischen MiM-Track - mehr noch: sie komplettiert ihn. Die einprägsamen Science Fiction-Samples und die wie immer famose Abmischung machen "Supermassive Gravity" zu einem designierten Szene-Hit.
Portishead: "We Carry On"
#P
Schräg, schräger, Portishead. Mal ehrlich: Wer hatte wirklich damit gerechnet, dass Portishead überhaupt noch ein drittes Album vorlegen? Zwar weiß "Third" nicht komplett zu überzeugen, doch beinhaltet es einige überaus starke Songs. Absolutes Highlight ist das anstrengende, schrill nach Aufmerksamkeit schreiende "We Carry On". Insbesondere die überraschend einsetzende, repetitive Gothic-Bassfigur füllt die spröden Kanten dieser Komposition auf perfekte Weise mit lebhafter Kratzbürstigkeit aus.
Unheilig: "An deiner Seite"
#U
Nach ihrem überraschend gelungenen Album "Zelluloid" konnten mich Unheilig mit ihrem Nachfolger "Puppenspiel" nicht mehr wirklich vom Hocker reißen. Einzige und übergroße Ausnahme ist die Ballade "An deiner Seite", in der der Graf in ergreifender Manier den Abschied von einer geliebten Person schildert, die an seiner Seite verstirbt. Hut ab vor einem Text und einer Gesangsleistung, die beidersamt zu keiner Sekunde peinlich wirken.
Konzert des Jahres:
Klee (22.08., "Kulturkirche", Köln)
#1 (Symbolbild: DieAleks)
Dieses Event verdient allein schon deswegen Beachtung, weil es kostenlos war: Klee luden anlässlich der Veröffentlichung ihres vierten Albums "Berge versetzen" in ihre Heimatstadt Köln ein - sogar die Getränke gab es zum Nulltarif! Das Einzige, was man dafür tun musste, war, sich rechtzeitig auf der offiziellen Band-Homepage zu registrieren.
Die Besucher erwartete eine leidenschaftliche, überaus herzliche Performance des Quintetts um die charismatische Frontfrau Suzie Kerstgens, die durch eine optimal auf das stilvolle Ambiente der Kulturkirche abgestimmte Lightshow noch weiter gewann. Anschließend wurde in entspannter Atmosphäre Smalltalk mit den Fans gehalten und alles signiert, was das Herz begehrte. Bleibt zu hoffen, dass der Video-Track auf der "Berge versetzen"-MCD, in dem auch der Verfasser dieser Zeilen kurz zu sehen ist, nicht das einzige Filmmaterial dieses Abends bleibt, das man der Weltöffentlichkeit zugänglich macht.
Filme des Jahres:
Im Winter ein Jahr
Filmplakat
"Warum müssen Menschen sterben? - Damit das Leben einen Sinn ergibt..."
(Noyce TM)
Eine Story, die vordergründig recht einfach gestrickt erscheint: Die gut situierten Eheleute Richter (sie erfolgreiche Innenarchitektin, er Forscher und gefragter Buch-Autor) geben bei einem Maler ein Bild ihrer beiden Kinder (18 und 20) in Auftrag. Problem dabei ist nur, dass der 18jährige Sohn Alex sich im Winter vor einem knappen Jahr eine Kugel in den Kopf gejagt hat: Schon bei ihrem ersten Treffen mit dem etwa 50jährigen Portraitzeichner Max Hollander macht die zickige Lilli ihm klar, dass ihr Bruder nicht - wie Mama Richter gerne erzählt - bei einem Jagdunfall gestorben, sondern freiwillig aus dem Leben geschieden ist.
In den folgenden zwei Stunden lässt Regisseurin Caroline Link ("Nirgendwo in Afrika") ganz einfach zu, wie sich ihr Film entwickelt - langsam und mit behutsam sowie überaus glaubwürdig gezeichneten Charakteren. So sind es ohne Wenn und Aber die schauspielerischen Leistungen, die "Im Winter ein Jahr" sehenswert machen. Neben Karoline Herfurth, die die verzogene (bzw. verzweifelt einsame) Lilli verkörpert, beeindruckt insbesondere Josef Bierbichler als zurückgezogen lebender, geschiedener Künstler Max Hollander in der Midlife-Crisis auf der Suche nach seiner sexuellen Orientierung. "Wie wäre es, wenn mich einfach mal jemand gefragt hätte, wie ich mich bei der ganzen Sache fühle?", klagt Lilli dem Maler eines Nachts unter Tränen ihr Leid, als die beiden über das zu erstellende Kunstwerk sprechen - und kurz nachdem sie von einem ihrer stetig wechselnden Liebhaber verlassen wurde.
Als Schlüssel zur Selbstfindung für die vereinsamten Charaktere schwebt stets die Frage nach dem "Warum": Warum nur hat sich Alex erschossen? Zuviel Druck von Seiten des Vaters, der aus ihm einen professionellen Skifahrer machen wollte? War Alex gar homosexuell und hatte sich nicht getraut, sich vor seinen gestrengen Erzeugern zu outen? "Hör endlich auf, nach dem Grund zu suchen - weil es ganz einfach niemals nur einen Grund gibt.", macht Max Lilli irgendwann unmissverständlich klar.
"Im Winter ein Jahr" wirkt anfangs unspektakulär, doch gewinnt von Sekunde zu Sekunde. Und ein Film, der zur Musik von Peter Gabriels fantastischem "Signal To Noise" seinen emotionalen Höhepunkt erreicht, kann ganz einfach nicht schlecht sein.
Wall-E - Der Letzte räumt die Erde auf
Filmplakat
Es ist der bereits neunte Streich der Pixar Animation Studios - und neben "Cars" ganz klar ihr bester. 800 Jahre in der Zukunft sind der kleine Roboter "Wall-E" und seine dressierte Küchenschabe die letzten Lebewesen auf unserem nahezu komplett verseuchten Planeten. Moment ... Lebewesen?
Richtig gelesen! Denn während der vergangenen einsamen Jahrhunderte hat der kleine Müllverarbeiter, der optisch wohl nicht zufällig an den 80er Jahre-Heroen "Nr. 5" erinnert, weitaus mehr Persönlichkeit entwickelt als die letzten Menschen, die auf einem Raumschiff (rundumversorgt mit Nahrung, Fernsehen und allem erdenklichen Zusatz-Entertainment) um die Erde kreisen; willenlos der Maschine ausgeliefert, die den Raumkreuzer lenkt und zu verfettet, um aufzustehen.
Der Bordcomputer hat alles unter Kontrolle - bis die Roboterdame Eve ("Extraterrestrial Vegetation Evaluator") auf der Erde in der Behausung Wall-Es ein kleines Pflänzchen findet und damit den Beweis zum Mutterschiff transportiert, dass Leben auf der Erde wieder möglich ist. Wall-E, der sich natürlich in die bezaubernde Eve verliebt hat, hilft ihr dabei, den (an HAL aus Kubricks legendärer "Odyssee im Weltraum" gemahnenden) Bordcomputer des Raumkreuzers zu überwältigen, das Schiff zurück zur Erde zu lenken und den Menschen eine Neuansiedlung zu ermöglichen. Ein liebevoller Stromschlag Eves stellt das Erinnerungsvermögen des nach turbulenten Kämpfen stark beschädigten und unter Amnesie leidenden Wall-E wieder her - und so spazieren die beiden gemeinsam in den Sonnenuntergang, so weit die Batterien sie tragen.
Kindisch?
Mitnichten. Denn wer während der 90 furios-unterhaltsamen Minuten nicht komplett Augen und Ohren verschließt, wird zunächst einmal zahllose Reminiszenzen an Science Fiction-Klassiker wie "2001" und "Krieg der Sterne" erkennen. Überdies werden dem aufmerksamen Zuschauer aber auch die teils sehr direkten Anspielungen auf die Bedrohung durch immer größer werdende Müllberge auf unserer Erde und die fortschreitende Vereinsamung der Menschen im technischen Zeitalter nicht entgehen. Die "New York Times" bezeichnete die ersten 40 Minuten von "Wall-E" als "ein cineastisches Gedicht von soviel Esprit und Schönheit, dass seine dunkleren Folgen erst nach einiger Zeit einsickern". Dem ist nichts hinzuzufügen.
The Happening
Filmplakat
Es gibt Kinokritiker, die bei jedem neuen Film von M. Night Shyamalan stets einen Nachfolger von "The Sixth Sense" erwarten. Diesen Gefallen tat der Meister der Journaille schon mit "Signs - Zeichen" nicht; noch viel weniger mit seinem unerreichten Meisterwerk "The Village" und dessen Follow-Up "Lady In The Water". Die fehlgeleitete Erwartungshaltung der Kinobesucher mag allerdings auch darin begründet liegen, dass jeder neue Streifen von "Night" stets als Horror-Schocker angekündigt wird - und in Wirklichkeit gar keiner ist.
Ganz im Gegenteil spielt Shyamalan auch in "The Happening" erneut viel intensiver auf der Klaviatur der Zwischenmenschlichkeit, als den Zuschauer direkt mit Angst zu erfüllen. Insbesondere Zooey Deschanel glänzt in der Rolle der von ihrem Ehemann entfremdeten Alma Moore und verkörpert perfekt die merkwürdige Distanziertheit, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film zieht. Die wieder einmal großartige Filmmusik von James Newton Howard tut ihr Übriges, um eine unterschwellige Bedrohung zu vermitteln, die (wie in nahezu jedem Werk Shyamalans) den eigentlichen Klimax nicht auf der Leinwand, sondern im Kopf des Zuschauers stattfinden lässt. Und so sind am Ende Alma und Elliot Moore (leider recht blass: Mark Wahlberg) die womöglich einzigen beiden Personen auf der Welt, die wissen, wofür die unheimlichen Zwischenfälle, um die es in "The Happening" vordergründig (!) geht, tatsächlich gut waren.
DVD des Jahres:
Control
#1
Anton Corbijn, Regisseur nahezu aller erfolgreichen Videoclips von Depeche Mode, überdies gefragter Fotograf, wagt sich mit "Control" erstmals an einen Spielfilm - und überzeugt auf der ganzen Linie. Natürlich hat er sich mit der Vita des legendären Joy Division-Frontmanns Ian Curtis ein Thema ausgesucht, das schon allein für eine hohe Punktzahl ausreichen dürfte, sofern man sich ihm mit dem nötigen Respekt nähert.
Genau das tut der inzwischen über 50jährige Holländer, der Ende der 70er Jahre "dabei" war: Die erste Plattenveröffentlichung von Joy Division veranlasste den damals jungen Fotografen, seinerseits den Kontakt zur Gruppe zu suchen und letztlich dorthin zu gehen, wo seiner Auffassung nach "die Musik" stattfand.
Auf Basis der Biographie "Touching From A Distance" von Ian Curtis' Witwe Deborah zeichnet Corbijn in der ihm eigenen Schwarz-/Weiß-Ästhetik ein realistisches Bild der grauen Arbeiterstadt Manchester und der Verzweiflung des von Sam Riley glaubwürdig verkörperten, mit seiner Gesamtsituation ganz einfach überforderten Sängers. Neben Riley brillieren Samantha Morton als Deborah Curtis und Alexandra Maria Lara als Geliebte der Punk-Ikone.
Zusätzlich zu den grandiosen Songs von Joy Division rundet Musik von David Bowie, den Buzzcocks, Velvet Underground, den Sex Pistols und Iggy Pop diese unverzichtbare Geschichtsstunde elegant und passend ab. Insbesondere die limitierte Doppel-DVD-Ausgabe mit u.a. einer Miniatur des Kinoplakates als Bonus lässt wahrlich keinen Wunsch mehr offen.
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