Die 5 besten Alben - der Countdown:

Dragons: "Here Are The Roses"

Cover: Dragons: Here Are The Roses CD #5

Zwei mir zuvor gänzlich unbekannte Herrschaften namens Anthony Tombling und David Francolini aus Bristol stürmen gleich mit ihrem Debut auf den Alternative-Olymp. Kraftvolle Rocksongs mit gekonnt platzierten Gothic-Anleihen und eine markante Stimme irgendwo zwischen Tom Smith (Editors) und der verblichenen Legende Ian Curtis (Joy Division) fesseln schon beim ersten Durchlauf - und beim fünfundzwanzigsten noch kein bisschen weniger.

Spectra Paris: "Dead Models Society"

Cover: Spectra Paris: Dead Models Society CD #4

Unglaublich, wie Elena Alice Fossi mit ihrem italienischen Akzent und viiiiiiel Hall auf ihrer Stimme die englische Sprache verbiegt - und unglaublich, wie gut sich das anhört. Die Frontfrau der von mir hoch geschätzten Kirlian Camera wandelt erstmals auf Solopfaden und präsentiert ein abwechslungsreiches Dunkelpop-Album; mal wave-rockig, mal elektronisch, stets jedoch eingängig, melodisch und natürlich rätselhaft melancholisch. Die merkwürdigen Comics im Booklet (Untertitel: "Young Ladies Homicide Club") hat Signora Fossi übrigens selbst gekrickelt.

Trentemøller: "The Trentemøller Chronicles"

Cover: Trentemøller: The Trentemøller Chronicles DoCD #3

Zweieinhalb Stunden Clubsounds der Extraklasse: Minimal-House-Meister Anders Trentemøller hält eine beeindruckende Rückschau auf sein bisheriges Schaffen. CD 1 präsentiert die Eigenkompositionen des Dänen (partiell neu bearbeitet und zu einem DJ-Mix zusammengefügt), während der zweite Silberling seine besten Remixes für andere Künstler (u.a. Moby, The Knife und Röyksopp) beinhaltet. Dieser Mann erweckt mit detailgenauer Feinarbeit, dem Sinn für sanfte Melodielinien, seinem ureigenen Klangkosmos und einer Abmischung der absoluten Extraklasse vermeintlich statische Clicks'n'Cuts zum Leben.

Annett Louisan: "Das optimale Leben"

Cover: Annett Louisan: Das Optimale Leben CD #2

Sie ist und bleibt in punkto Charme und Wortwitz hierzulande konkurrenzlos: Zwar schleppt Annett Louisan auf "Das optimale Leben" erstmals auch einige kompositorische Mitläufer durch, doch wiegen vier absolute Ausnahme-Songs diesen Makel locker wieder auf: "Kleine Zwischenfälle", "Was haben wir gesucht?", "Wenn man sich nicht mehr liebt" und insbesondere "Ende Dezember" gehören zu den besten deutschsprachigen Titeln des vergangenen Jahres. Inzwischen ist für kaum mehr Geld eine "Tour-Edition" des Albums mit Bonus-DVD erhältlich, auf der die Highlights von Madame Louisans Konzerten mit der hr-Bigband, dem Deutschen Filmorchester Babelsberg und beim 3sat-Festival zusammengefasst sind.

Einstürzende Neubauten: "Alles wieder offen"

Cover: Einstürzende Neubauten: Alles wieder offen CD #1

Nie und nimmer hatte ich nach dem schlappen "Perpetuum mobile" damit gerechnet, dass die Altherrenmannschaft um Blixa Bargeld noch einmal ein solch starkes Werk zustande bringen würde. Es mag durchaus am insgesamt recht schwachen Musikjahr 2007 liegen, dass "Alles wieder offen" besonders aus dem Rahmen fällt, denn diese CD ist launisch und ohne Parallelen. Vom verzweifelten Opener "Die Wellen" bis zum nachdenklich besonnenen Finale "Ich warte" ist so ziemlich jede Stimmung dabei: Entspannung in "Nagorny Karabach", die befreiende Besinnung auf sich selbst im Titelstück und sogar echte, optimistische Spielfreude in "Let's Do It A Dada". Keine andere Gruppe wird jemals so klingen wie die Einstürzenden Neubauten - und "Alles wieder offen" wäre ein würdiger Abschluss für die großartige Karriere dieser absolut einzigartigen Formation.

Die 10 besten Songs - in alphabetischer Reihenfolge:

Anajo & Suzie Kerstgens: "Wenn du nur wüsstest"

Cover: Anajo & Suzie Kerstgens: Wenn du nur wüsstest MCD #A

"Wenn du nur wüsstest" ist schlicht und ergreifend das niedlichste Liebeslied des Jahres, leichtfüßig beschwingt umgesetzt von Anajo und im Refrain veredelt von der wunderbaren Suzie Kerstgens (Klee). Es geht kaum einfacher - doch wenn man mit dem Herzen Musik macht, kann das Ergebnis nicht einfach genug sein.

The Birthday Massacre: "Kill The Lights"

Cover: The Birthday Massacre: Walking With Strangers CD #B

Mit ihrem Album "Walking With Strangers" haben die Kanadier einen weiteren Schritt nach vorne gemacht: Ihr melodiöser Gothic-Rock mit elektronischen Sprengseln und Chibis irgendwo zwischen Kim Wilde und Samantha Fox angesiedelter Gesangsstimme verfehlt seine Wirkung auf den düsteren Tanzflächen der Republik nicht. "Kill The Lights" ist der mitreißendste und eingängigste Songs ihres dritten offiziellen Longplayers.

Brockdorff Klang Labor: "Frohe Schritte"

Cover: Brockdorff KlangLabor: Frohe Schritte CD #B

Was 2raumwohnung kaum noch hinbekommen, schüttelte eine mir bis dato unbekannte Combo aus der Leipziger Kunstszene mit dem merkwürdigen Namen Brockdorff Klang Labor anscheinend spielerisch leicht aus dem Ärmel. In einer einzigen Doppelzeile bringt Sängerin Nadja obendrauf noch genau auf den Punkt, was gute Popmusik ausmacht: "Es war nie meine Absicht, euch zu überzeugen - es ist mir gelungen; und ich hab' nur gesungen." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Dragons: "Remembrance"

Cover: Dragons: Here Are The Roses CD #D

Während einer verregneten Autofahrt hörte ich diesen Song zum ersten Mal; und es hätte keinen perfekteren Soundtrack zur Untermalung der geöffneten Himmelsschleusen geben können. Würde Ian Curtis noch unter uns weilen, würden Joy Division noch existieren - exakt so müssten sie heute klingen. Vor "Remembrance" habe ich nicht geglaubt, dass Gothic-Rock noch so gut sein kann. Und ich wundere mich gerade, dass ich diesen Titel bestimmt schon 100 mal gehört, dabei jedoch nicht ein einziges Mal auf den Text geachtet habe - derart fesselnd sind Musik und Atmosphäre. Alles fängt mit einer dumpfen Bassfigur, hypnotischem Gitarrenspiel und verhallt-verhaltenem Gesang an, steigert sich von Sekunde zu Sekunde immer weiter und entlädt sich nach zweieinhalb Minuten schließlich in einem düsteren Gitarrengewitter, das selbst New Orders "In A Lonely Place" in den Schatten stellt. Ein wahres Meisterwerk!

Einstürzende Neubauten: "Die Wellen"

Cover: Einstürzende Neubauten: Alles wieder offen CD #E

Welch ein Auftakt für ein Album! Mehr als 15 Jahre lang haben Blixa Bargeld und Konsorten nicht so verzweifelt, nicht so klaustrophobisch, nicht so emotional geklungen wie hier. Was mit leisem Sprechen und verhaltenem Piano-Klimpern beginnt, erwächst in weniger als vier Minuten zu einem bedrohlich-monolithischen Klangwall, den Blixa anbrüllt wie die zitierten, an die Küste brandenden Wellen: "Warum hast du mich verlassen?" - Wie immer lässt der Text schier endlosen Interpretationsspielraum: War der Anlass eine gescheiterte Beziehung, war es der Tod, der den Protagonisten von einem anderen Menschen trennte, oder war es der Glaube, den er verlor? Wahrscheinlich verlöre die Kunst der Einstürzenden Neubauten einen Großteil ihrer Faszination, wenn sie einfacher erklärbar wäre.

John Foxx: "Cinemascope"

Cover: John Foxx: Metamatic CD #F

Ultravox!-Gründer und -Sänger John Foxx hat anno 2007 sein legendäres Solo-Debut "Metamatic" (1980) in remasterter Klangqualität herausgebracht. Auf der beigefügten Bonus-CD gibt es das zuvor unveröffentlichte "Cinemascope" zu hören. "Sampled and re-assembled from ideas and fragments found on cassette, using only analogue gear", schreibt der Meister höchstselbst im Booklet. Recht so, denn Foxx entlockt den alten Maschinchen noch immer faszinierend elegante Klänge. Das ästhetische Fiepen und Zischeln rechts und links in den Boxen ist eine wahre Freude. Analoge Synthesizer haben definitiv ein Eigenleben. Noblesse im Neonlicht.

Hocico: "About A Dead"

Cover: Hocico: About A Dead CD #H

Die beiden mexikanischen Cousins Erk Aicrag und Racso Agroyam mit der Komplementärfrisur sind die einzige Combo, deren aggressive Electro-Klänge ich im 21. Jahrhundert noch ernst nehmen kann. Natürlich fabrizieren sie schon seit geraumer Zeit nichts wirklich Neues, doch haben sie es bei aller Härte verstanden, ihre satten Sounds, treibenden Beats und verzerrten Vocals mit unheimlich einpräsamen Melodien zu kombinieren. "About A Dead" ist ein Prachtstück ihrer Karriere, das alle Qualitäten von Hocico gekonnt auf den Punkt und den Tanzboden zum Beben bringt.

Annett Louisan: "Ende Dezember"

Cover: Annett Louisan: Das Optimale Leben CD #L

Es ist schon nicht einfach, mit Charme und Wortwitz über die kleinen Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein zu singen, ohne dabei ins Peinliche abzugleiten. Noch schwieriger ist es aber, die richtigen Worte zu finden, um den Verlust eines geliebten Menschen zu beschreiben. Mit "Ende Dezember" ist Annett Louisan und ihrem Texter Frank Ramond genau dies mit Bravour gelungen: "Das Leben geht gnadenlos weiter, auch wenn deine Freude daran stirbt." ist für mich mit riesigem Vorsprung die beste Zeile des gesamten Musikjahres 2007. Fantastisch!

Spectra Paris: "Size Zero"

Cover: Spectra Paris: Dead Models Society CD #S

Was völlig unspektakulär mit einem einfachen Drumbeat beginnt, wird schon nach gut einer Minute eine echte Hymne. Fast scheint es hier, als öffne der Refrain die Tür in eine andere Dimension. Ist es tatsächlich nur die Melodie, die jedem Italo-Disco-Kracher der 80er Jahre gut zu Gesicht gestanden hätte, oder sind erst das dumpfe Gitarrengrollen im Hintergrund und die einzigartige Weise, mit der Elena Alice Fossi die englische Sprache vergewaltigt, für diese Atmosphäre verantwortlich? Hier ist das Ergebnis in der Tat deutlich mehr als die Summe der einzelnen Zutaten.

VNV Nation: "Illusion"

Cover: VNV Nation: Judgement CD #V

Er kann es einfach: Auf jedem Album erschafft Ronan Harris eine Ballade, die wirklich das Herz berührt. "Illusion" widmet sich ganz und gar dem Thema Abschied - und das auf eine so direkte, entwaffnende Art und Weise, dass es einem schon beim ersten Hören die Tränen in die Augen treibt. Eine wundervolle Melodie und die gereifte Stimme des Iren tun ihr Übriges, um diesem Song einen Platz in meinen Top 10 des Jahres 2007 zu sichern.

Konzert des Jahres:

OMD (23.05., "Große Freiheit 36", Hamburg)

Konzertfoto: OMD Live in Hamburg 23.5.2007 Andy McCluskey

Damit war wirklich nicht zu rechnen: Wenn 80er Jahre-Heroen, die ihren letzten kleinen Hit vor mehr als einer Dekade hatten ("Walking On The Milky Way"), auf Tour gehen, kann dies sowohl künstlerisch als auch kommerziell böse ins Auge gehen. Doch genau das Gegenteil war bei OMD der Fall: Andy McCluskey, Paul Humphreys, Martin Cooper und Malcolm Holmes lockten weit über 1.000 Zuhörer in die "Große Freiheit 36" und boten eine zweistündige Performance der Extraklasse. Das komplette Album "Architecture & Morality" machte den Anfang, in der Folge jagte ein Hit den anderen. Die energiegeladene und gesanglich großartige Performance von Andy McCluskey, von der sich manch vermeintlicher Superstar des 21. Jahrhunderts eine dicke Scheibe abschneiden könnte, verdiente die Höchtpunktzahl. Die nahezu perfekte Lightshow rundete stilvoll einen sehr gelungenen Abend ab. Respekt, meine Herren!

DVD des Jahres:

Covenant: "In Transit"

Cover: Covenant: In Transit DVD

Fast ein Jahr später als ursprüglich geplant erschien der Mitschnitt der "Skyshaper"-Tour endlich auf DVD - doch das Warten hat sich mehr als gelohnt. Zunächst seien der edle Pappschuber und das perfekt zur Ästhetik von Covenants Musik gestaltete Artwork hervorzuheben. Dann geht's ans Eingemachte: Den Käufer erwarten nicht weniger als drei Silberscheiben. Die Haupt-DVD zeigt den mit informativen Interview-Passagen bestückten Tourfilm "In Transit", der zahlreiche Blicke hinter die Kulissen gestattet und das Trio Eskil, Joakim und Clas als moderne Cosmopolitans charakterisiert. Eine Audio-CD mit 13 Live-Tracks in exzellenter Klangqualität ist eine nette Beigabe für diejenigen, denen es reicht, ihre Lieblinge einfach auch mal nur zu hören.

Der definitive Hammer ist aber die zweite DVD: Es ist den Schweden tatsächlich gelungen, die energetische und zugleich elegante Atmosphäre ihrer Konzerte in perfektem Sound - untermalt von der gigantischen Lightshow Stephan Aues - ins heimische Wohnzimmer zu transportieren. Die besten Tracks des "Skyshaper"-Konzerts in Köln sind hier versammelt und entfalten bei entsprechender Lautstärke in abgedunkelter Umgebung eine nahezu hypnotische Wirkung. Covenant sind und bleiben die Visionäre der synthetischen Klangerzeugung. Die Erben Kraftwerks haben sich mit diesem Bild- und Tonträger ein würdiges Denkmal erschaffen, das noch lange Jahre der Maßstab schlechthin für Konzertmitschnitte von Electro-Bands bleiben wird.

PS. Wer ganz genau hinschaut, wird bei "Bullet" und "Stalker" sogar den Verfasser dieser Zeilen im Publikum erspähen können. ;-)

Nerv-Song des Jahres:

Ich + Ich: "Vom selben Stern"

Cover: Ich + Ich: Vom selben Stern MCD *nerv*

Ich weiß ganz genau, warum ich fast nie Radio höre - unter anderem wegen Songs wie "Vom selben Stern". Dennoch gab es anno 2007 auch für einen Rundfunkabstinenzler wie mich nicht die geringste Chance, diesem akustischen Attentat zu entgehen: Keine Hochzeit, kein Geburtstag, kein Humpenfest kam ohne "Vom selben Stern" aus.

Okay, ich gebe zu: Ich bin gehässig. Denn musikalisch und gesanglich ist diese Nummer ein Mitläufer, der weder nach oben noch nach unten für irgendeinen Ausschlag auf der Richterskala sorgt. Nein, es waren die Penetranz allerorten und vor allen Dingen der Text, den Pur nicht peinlicher hinbekommen hätten. Sollte ich jemals Worte wie "Sternenstaub" für einen Song verwenden, möge man mir verdientermaßen den Schreibblock für immer entreißen. Und eine Zeile wie "Wir sind noch immer nicht zerbrochen - wir sind ganz" ist genauso gehaltvoll wie ein Hinweisschild mit der Aufschrift "Tür nur geschlossen, wenn nicht offen". Mensch, Schwesterchen Humpe, Du warst mal gut!

Fazit: Wenn ich wider Erwarten jemals zu heiraten beabsichtigen sollte und meine Braut als Hochzeitssong "Vom selben Stern" auswählt, weiß ich ganz sicher, dass sie nicht die Richtige für mich sein kann. Immerhin könnte auch dieser Titel also möglicherweise irgendwann noch für eine Erkenntnis gut sein. Warten wir's ab.

Wer ist Roberto?

 

Anderer Leute Wertungen:

2007 Soundtracks: "Der Jahresrückblick"

1 Kommentar

Norman sagte am 05.02.2008 um 00:06 Uhr:

2007 Soundtracks: "Der Jahresrückblick"

Viel geiler ist ja noch das "ein Stern, der deinen Namen trägt"-Lied oder das Arschlied vom U96-Typ.

Weil dich die pure Geldgier lenkt
Und du an der gleichen Nadel hängst
Weil du auch rein gar nicht denkst
Wie ich (wie ich - leck mich)

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