ZurückblickWenn man zu Beginn eines Jahres die jüngst vergangenen zwölf Monate vor seinem inneren Auge Revue passieren lässt, so kommt dabei stets nicht nur eine sehr subjektive und stimmungsabhängige Sicht der Dinge heraus, sondern auch eine, die nur schwerlich den Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Je länger Ereignisse zurückliegen, desto eher fallen sie wahrscheinlich durch's Sieb oder werden in einer schon mehr oder weniger verklärten Art und Weise empfunden. (Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass man sich im Januar nur schwerlich in Stimmungen zurückversetzen kann, in denen man im Hochsommer Musik, Filme oder sonstige weltbewegende Ereignisse rezipiert hat.) 2003 war für mich ein Jahr, das so schnell vorüber ging wie keines zuvor. Ob dies mit zunehmendem Alter ganz normal ist oder vielleicht doch damit zu tun hat, dass im Hause Kontrast eine Menge los war, kann ich aus heutiger Sicht noch nicht mit Gewissheit beantworten. 2003 war ein Jahr mit so vielen Auftritten und vor so vielen Zuhörern wie noch nie: Noch nie waren wir so weit von zu Hause weg (Zürich, Konstanz), noch nie lockten wir so viele Menschen in eine Konzerthalle (Leipzig), noch nie hatten wir ein so begeistertes (und begeisterndes) Publikum (Berga), noch nie lernten wir so viele nette und freundliche Menschen kennen (fast überall). Kurz gesagt: Noch nie hatte ich so viel Spaß mit Kontrast. Viele schöne Momente, die man gerne festgehalten hätte, zogen leider viel zu schnell vorbei - und schreien förmlich nach einer Wiederholung. Doch heute ist nicht alle Tage, mit "Industrie<>Romantik" kommen wir wieder; keine Frage! 2003 war gleichzeitig die Bühne, auf die Kraftwerk mit einer wirklich neuen CD zurückkehrten. 17 Jahre waren seit "Electric Café" vergangen; seit derjenigen Platte, ohne die ich heute mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht Sänger und Texter von Kontrast wäre. Und auch wenn "Tour De France Soundtracks" gewiss kein Jahrhundert-Album war und (wie jede Kraftwerk-Platte vorher) von einem großen Teil der Journaille verrissen wurde, gehört diese CD - vielleicht auch wegen meiner sehr engen emotionalen Bindung an die Musik der Düsseldorfer - zu meinen zehn Favoriten der letzten zwölf Monate. Gegen Kraftwerk verblassten die Comebacks von Camouflage, Karl Bartos, Yello oder D.A.F. zwangsläufig. Letztere kamen zudem noch in der spannend inszenierten NDW-Komödie "Verschwende Deine Jugend" verdientermaßen zu späten Ehren. Wirkliche Initialzündungen gab es wenige: Die des Frühjahres waren zweifelsohne die beiden Russinnen t.A.T.u., deren ohnehin schon feurigen Songs Altmeister Trevor Horn einen Drive verlieh, mit dem keine andere CD aus 2003 mithalten konnte. In der zweiten Jahreshälfte waren es die deutschen Newcomer Klee und Wir sind Helden, die mich wirklich überraschten. Insbesondere Wir sind Helden legten mit "Die Reklamation" das Album vor, auf das Deutschland für mein Empfinden mehr als zwanzig Jahre lang hat warten müssen. Ähnlich direkt wie 1980 Ideal, ähnlich unprätentiös wie 1981 Fehlfarben, ähnlich unverbraucht wie einst die gesamte Neue Deutsche Welle, finden sich auf "Die Reklamation" die zeitgeistigsten und zugleich sprachgewandtesten Texte seit zwei Dekaden, die von Judith Holofernes mit einem Selbstverständnis intoniert werden, das eines ganz deutlich macht: Intelligente, ehrliche deutsche Popmusik ist wieder möglich. Eine schönere Aussicht auf 2004 kann es kaum geben. Die 10 besten Alben - in alphabetischer Reihenfolge |
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| Alphaville: "Crazyshow (Dreamscapes 9-12)" 4 CD-Box | |
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sehr schick aufgemachte, nur über die Band-Homepage erhältliche 4-CD-Box mit gänzlich unveröffentlichten oder sehr raren Songs / Versionen |
| Camouflage: "Sensor" CD | |
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wächst und wächst und wächst und macht von Durchlauf zu Durchlauf mehr Sinn |
| Deine Lakaien: "1987" CD | |
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die "Silberne Cassette" endlich auf CD; Extralob für das Artwork |
| Martin L. Gore: "Counterfeit 2" CD | |
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Niemals hätte ich erwartet, dass der mal so ein Album hinbekommen würde. |
| Klee: "Unverwundbar" CD | |
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definitiv der "Lichtstrahl" 2003 |
| Kraftwerk: "Tour de France Soundtracks" CD | |
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gnadenlos zu Ende gedacht, für die heutige Zeit somit eigentlich undenkbar |
| Muse: "Absolution" CD | |
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viele tolle Songs, insgesamt allerdings schwierig konsumierbar |
| Pet Shop Boys: "PopArt - The Hits" CD | |
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wirklich nur Hits - die zeitlose Kunst der Popmusik |
| t.A.T.u.: "200 km/h In The Wrong Lane" CD | |
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Trevor Horn ist und bleibt der Gott des Mischpults. |
| Wir sind Helden: "Die Reklamation" CD | |
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die besten deutschen Texte seit Jahren, vielleicht sogar aller Zeiten |
Die Sonderpreise | |
| Gernhörplatte des Jahres | |
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Camouflage: "Sensor" CD Anfangs dachte ich: Naja, ganz nett. Aber dieses Album wächst und wächst und wächst. Atmosphärische Songs, satte Sounds und der großartige Gesang Heiko Mailes machen die sehr entspannte Reunion-Platte der drei Süddeutschen für mich mittlerweile zur vielleicht beste Synthiepop-CD des neuen Jahrtausends. |
| Stimmungs-Platte des Jahres | |
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t.A.T.u.: "200 km/h In The Wrong Lane" CD Hier stimmt nicht nur die Fassade: Hinter Lena Katina und Iulia Volkova steht kein Geringerer als Produzenten-Genie Trevor Horn (Buggles, ABC, Art Of Noise, Frankie Goes To Hollywood). Songs wie "Not Gonna Get Us" oder "Malchik Gay" reißen mit und machen einfach gute Laune - definitiv das beste Pop-Album 2003. |
| Newcomer des Jahres | |
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Wir sind Helden Eigentlich waren sie - zumindest im Osten unserer Republik - durch massives Airplay ihrer Eigenvertriebs-EP schon Ende 2002 recht bekannt, doch gelang ihnen der wirkliche Durchbruch erst 2003. Endlich mal wieder eine Band mit erfrischenden, intelligenten deutschen Texten, die wirklich den Zeitgeist treffen. |
| Comeback des Jahres | |
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Kraftwerk Spätestens nachdem ich meine großen Helden im September 2002 in Paris live gesehen hatte, war ich mir sicher, dass sie niemals wieder neues Material veröffentlichen werden würden. Falsch gedacht! Mit "Tour de France Soundtracks" erreichten Kraftwerk sogar erstmals die Spitzenposition der deutschen Charts. |
| Looooser des Jahres | |
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De/Vision Nach den stilistischen Irrungen der letzten Jahre haben die verbliebenen Steffen und Thomas im Frühjahr 2003 mit ihrem unmotivierten "Devolution"-Album bewiesen, dass sie ihren Zenit endgültig überschritten haben. Im Herbst folgte noch die inzwischen schätzungsweise 27. Live-CD mit den ewig gleichen Songs sowie die Trennung von ihrem Entdecker und Förderer Lorenz Macke. |
| Konzert des Jahres | |
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KiEw + Kontrast (10.10.2003, Stadthalle Berga/Elster) Je länger die Anreise und je geringer die Erwartungen, desto besser wird es meistens - so auch hier. 70 Leute im kleinen Berga haben vor der Bühne mehr Alarm gemacht als 300 an anderen Orten. Neben den zuvorkommenden Organisatoren und dem famosen Publikum durften wir - ganz nebenbei - noch KiEw als sehr nette und humorvolle Kollegen kennen und schätzen lernen. |
| Frechheit des Jahres | |
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Herr der Ringe 3 - Die Rückkehr des Königs Nach dem zweiten Teil hatte ich wirklich Hoffnung. Doch in "Die Rückkehr des Königs" sind die einzigen Charakterköpfe Gollum und Saruman (alias Christopher Lee) zu Randfiguren degradiert bzw. gar gänzlich herausgeschnitten worden. Die ohnehin schon sehr fragwürdige Story wird stattdessen durch zielloses Gemetzel und bedeutungsschwangeres Gelaber äußerst notdürftig zusammengehalten. Das alles wäre noch erträglich, wäre da nicht als absolute Krönung der ewig gleiche, leidende Gesichtsaudruck Elijah Woods, der für mich größten Fehlbesetzung der Kinogeschichte. Welch gigantische Verschwendung von Geld, Zeit und wunderschöner neuseeländischer Landschaft! |
| Film des Jahres | |
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Verschwende Deine Jugend Sicher, ich war damals nicht dabei. Doch auch unabhängig von seiner Rahmenhandlung um die großartigen D.A.F. und die aufkeimende Neue Deutsche Welle ist "Verschwende Deine Jugend" einfach eine sehr stimmige, spannende Komödie. Schade, dass ihr ein ähnlicher Erfolg wie "Good-Bye Lenin" verwehrt blieb. |
| DVD des Jahres | |
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Peter Gabriel: "Growing Up (live)" DVD Was in Peter Gabriels Songs steckt, durfte man schon auf seinem letzten regulären Album "Up" (2002) bewundern. "Growing Up (live)" setzt noch einen drauf und untermalt die virtuos und in perfektem Sound dargebotenen Stücke auf beeindruckende Art und Weise visuell. Dieser Mann ist ein Genie. Fantastisch! |
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