Refraktor Nr. 5 (1997) zu

ISECS

Magazin: Refraktor Nr. 5 (1997), Frontseite Mir fielen vor längerer Zeit Isecs schon auf dem "Electronic Future Sampler Vol. 1" mit ihren Song "Einheitsschritt" mehr als positiv auf. Denn der Song stellt doch einigen Leuten aus der dunklen Szene einen Spiegel vor das bleiche Gesicht. Ich fand das echt lustig und natürlich auch musikalisch mehr als Spitze! Und so kam es, daß ich mit den Jungs Kontakt aufnahm und sie uns bereitwillig die folgenden Fragen beantworteten.

Refraktor:

Wie kam es zur Gründung von Isecs, was für Beweggründe gab es?

Dirk:

Ich hatte schon immer eine große Vorliebe für elektronische Musik, besonders für den analogen Synthie-Pop der achtziger Jahre. Leider stand ich damit nach meinem Umzug (ursprünglich komme ich aus Plauen) zunächst einmal alleine da, bis ich erkannte, daß ich in Roberto einen anderen Fan der Synthesizer-Musik in meiner Klasse gefunden hatte. Zunächst spielten wir auf einem 20,- DM teuren Keyboard, bis wir uns 1993 den damals in sehr modernen Studio-Computer C=64 zulegten, mit dem wir unseren ersten dreispurigen Hits komponierten. Durch einen glücklichen Zufall traf ich dann während meiner Bundeswehrzeit auf Falko H., der das nötige Equipment besitzt, um professionelle Aufnahmen zu machen. Da auch er in etwa die gleichen musikalischen Interessen hat, war der Stil für unsere Band recht schnell klar definiert.

Refraktor:

Wie würdet Ihr denn selber Eure Musik bezeichnen?

Roberto:

Wir machen elektronische Körper-Musik, tief ist der Gesang und knallhart der Beat.

Refraktor:

Was für ein Publikum möchtet Ihr mit Eurer Musik ansprechen?

Roberto:

Ich sehe Isecs nicht als eine typische "Szene-Band", auch gerade wegen der oftmals ironischen Texte. Ich bekomme von vielen Normalos sogar bessere Kritiken als von so manchem Szene-Gänger, denn in der schwarzen Szene sind Selbstkritik beziehungsweise Selbstironie leider nicht sonderlich angesagt. Vielleicht wirkt die Musik auf einige normale Leutchen recht düster, aber mit einigen unserer Texte (zum Beispiel "Leben vor dem Tod") kann eigentlich jeder etwas anfangen.

Refraktor:

Magazin: Refraktor Nr. 5 (1997), ISECS-Interview, 1. Seite Ihr seid ja mit dem Song "Einheitsschritt" auf dem "Zillo Club Hits Volume 2"-Sampler drauf. Dazu kann man eigentlich nur gratulieren, doch ich kann mir gar nicht so richtig vorstellen, daß der Song so gut in der Szene ankommt - der Text ist ja alles andere als szenefreundlich. Wie erklärt Ihr Euch den Erfolg von "Einheitsschritt"? Habt Ihr selber mit einem solchen Erfolg dieses Stückes gerechnet?

Roberto:

Als ich den Text zu "Einheitsschritt" im Dezember 1994 schrieb, war ich mir schon darüber im klaren, daß einige selbsternannte Szene-Götter sich daran stoßen könnten. Ich hatte aber auch darauf gehofft, daß die Mehrheit die Ironie des Titels erkennt und positiv aufnimmt, vielleicht sogar einmal eigene Schlüsse für sich selbst daraus zieht. Daß dies nun passiert ist, freut uns natürlich sehr. Generell bin ich nicht überrascht, wenn unsere Stücke erfolgreich sind, denn ich hoffe immer, daß das, was uns gefällt, auch andere überzeugen kann. Daß wir nun gleich auf den großen Zillo-Sampler gekommen sind, kam trotzdem recht überraschend, bestätigt aber, daß wir mit unseren Stücken auf dem richtigen Weg sind...

Refraktor:

Erzählt uns doch mal, wie bei Isecs überhaupt ein Stück entsteht!

Roberto:

Ich bin für die Texte zuständig, die zunächst immer unabhängig von der Musik - aus persönlichen Situationen heraus - entstehen. Dirk spielt dann häufig einige Demos vor, und ich suche mir dann das heraus, von dem ich meine das am besten zu dem Text paßt.

Dirk:

Isecs-Songs entstehen über einen meist sehr langen Zeitraum. Schuld daran ist wohl die etwas unkonventionelle Arbeit innerhalb der Band. Man kann uns nicht als typische Band sehen, die sich 2 bis 3 mal in der Woche zum Proben und Einspielen von Stücken trifft. Vielmehr ist es so, daß jeder seinen festen Aufgabenbereich hat und eigenständig an seinen Ideen arbeitet und wir uns dann einmal im Monat zusammensetzen und versuchen, unsere Vorschläge und Ideen in einem Kontext zu bringen.

Zunächst erstelle ich im Heimstudio mittels Synthesizer und Computer verschiedene Demos. Meist gehe ich von einer prägnanten Melodie aus und baue um diese herum ein Soundgerüst. Wichtig ist dabei für mich, daß das Stück melodisch ist und einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Oft verbringe ich ganze Nächte an einem Demo, um am Morgen dann festzustellen, daß das ganze Stück absoluter Schrott ist. Merkwürdigerweise findet Roberto diese Stücke dann immer am besten. Man sieht also, wir ergänzen uns ganz gut. Die unfertigen Demos werden dann auf MIDI-File abgespeichert und in Falkos Studio professionell arrangiert und abgemischt. Wichtig ist dabei auch die Mitarbeit von Holger, der als langer Musik- und Szenekenner wichtige Tips beim Arrangieren und Abmischen gibt.

Refraktor:

Warum habt ihr einen Song wie "Deutsches Land" geschrieben? Läuft man damit nicht Gefahr, den Zorn einer bestimmten Gruppierung auf sich zu ziehen?

Roberto:

Alle meine Texte entstehen aus persönlichen Eindrücken, "Deutsches Land" aus dem Zusammenhang heraus, daß ich von den rechtsradikalen Ausschreitungen in Deutschland, die zu jenem Zeitpunkt gerade an der Tagesordnung waren, ziemlich geschockt war. Ich mache mir beim Texten keine Gedanken darüber, ob es irgendwem gefällt oder nicht. Für mich zählt, daß ich eine Ausdrucksform finde, meine Gedanken und Ansichten zu Papier und anderen zu Gehör zu bringen. Ich halte meine Texte für recht wertneutrale Situationsbeschreibungen - sie sollen nur den Anstoß für Interpretationen geben. Was der Hörer für sich selbst aus den Texten herausholt, ist seine eigene Sache - darauf habe ich dann ohnehin keinen Einfluß mehr.

Refraktor:

Magazin: Refraktor Nr. 5 (1997), ISECS-Interview, 2. Seite Findet Ihr gewalttätige Ausschreitungen von links akzeptabler als von rechts? Wenn nicht, warum dann nicht auch einmal ein Song gegen diese Leute, oder ist das zur Zeit nicht "in"?

Roberto:

Ich bin gegen jegliche Form von Gewalt, egal ob politisch, religiös oder sonstwie motiviert. Ob etwas "in" oder "out" ist, spielt für mich keine Rolle beim Texten, da ich meine persönlichen Erfahrungen ausdrücke. Ebensowenig kann ich beurteilen (und will es auch gar nicht), ob Gewalt von links häufiger auftritt als Gewalt von rechts, oder ob sie von den Medien totgeschwiegen wird. Zur Fragestellung möchte ich noch anmerken, daß Isecs nicht Songs gegen oder für irgendjemanden, sondern höchstens über irgendjemanden macht.

Refraktor:

Welchen musikalischen Weg wird Isecs in nächster Zeit bestreiten und wann kann man mit einer neuen Veröffentlichung von Euch rechnen?

Roberto:

Wenn alles klappt, werden wir Ende des Jahres unser Master für eine Full-Time-CD fertiggestellt haben. Vorher wird es wahrscheinlich kein Release mehr geben. Wir haben unseren Stil verfeinert, neue Songs komponiert und werden die alten für die CD-Veröffentlichung nochmals überarbeiten. Dafür werden wir uns auf die deutschsprachigen Titel konzentrieren, da sie mir aus heutiger Sicht besser gefallen und wir ein homogenes Album veröffentlichen wollen.

Dirk:

Während der "E.K.M.-Phase" (zur Zeit unseres ersten Tapes) habe ich mich hauptsächlich von Musik der Szene und von der Szene im allgemeinen inspirieren lassen, so daß die Stücke im Nachhinein beim Hören sehr unpersönlich wirken. Im Jahr 1997 habe ich sehr harte Rückschläge hinnehmen müssen. Besonders die Trennung von meiner langjährigen Freundin Claudia hat mich persönlich sehr getroffen. In dieser Zeit waren Synthesizer und Computer meine besten Freunde, und natürlich sind während dieser Phase sehr emotionale und persönliche Songs entstanden, was aber nicht heißt, daß Isecs jetzt platte Liebeslieder produzieren. Fakt ist, daß auch die neuen Songs wieder typische Isecs-Stücke sind, bei denen schöne Melodien und der markante Gesang von Roberto im Vordergrund stehen werden. Für das Full-Time-Album wird es weiterhin noch einige musikalische Überraschungen geben, auf die sich jeder Freund von elektronischer Musik nur freuen kann. Auf jeden Fall werden wir nicht krampfhaft versuchen, den großen Erfolg von "Einheitsschritt" zu wiederholen, indem wir uns selbst kopieren.

Refraktor:

Auch Ihr sollt zum Schluß nicht von einer allseits beliebten Frage verschont bleiben: was ißt jeder von Euch am liebsten?

Roberto:

Wenn ich ehrlich bin, esse ich sehr gerne bei McDonalds. Mit gefällt vor allem dieses Recycling-Ambiente. Das bringt mich oft sogar auf philosophische Gedanken.

Dirk:

Gyros-Pita (von "Baba") und deutsche Broiler. Berüchtigt sind unsere Freß-Orgien.

Refraktor:

Magazin: Refraktor Nr. 5 (1997), ISECS-Interview, 3. Seite 5 CDs für die einsame Insel?

Roberto:

  • Pink Floyd: "Pulse (Live)"
  • Kraftwerk: "Trans-Europa-Express"
  • Tangerine Dream: "Ricochet"
  • Deine Lakaien: "Winter Fish Testosterone"
  • Front Line Assembly: "Millennium"

Dirk:

  • Boytronic: "The Working Model"
  • OMD: "Architecture & Morality"
  • Camouflage: "Voices & Images"
  • Second Decay: "Taste"
  • Depeche Mode: "Speak & Spell"

Refraktor:

So, daß war's. Ich möchte mich bei Euch für die Zeit bedanken, die Ihr Euch genommen habt, unsere Fragen zu beantworten und überlasse Euch das Schlußwort.

Roberto:

Vielen Dank für das Interview. Nutzt Eure Leben vor dem Tod... - An Bernd aus Kassel: die 100,- DM Gage für den Gig im Oktober 1995 sind immer noch nicht bei mir angekommen, Spacken!

Dirk:

Danke. An Markus und Co.: sich in fremde Leben einzumischen, ist das eine, aber dazu nicht zu stehen und Ehrlichkeit vorzutäuschen, ist das andere. Macht Euch Gedanken!

Micha, Refraktor