Michael Rother: "Esperanza" CD

Cover: Michael Rother: Esperanza CD © 1996, Random Records

Die Welt kann manchmal schon etwas ungerecht sein. Da tritt einer der international einflussreichsten Musiker Deutschlands auf einem Festival in seinem Heimatort Forst auf und nicht einmal die Organisatoren wissen von seiner weit über 30jährigen Karriere. So geschehen Pfingsten 2001, als den drei Gestalten Roberto, Dirk und Lexi bei der Anmeldung zum vereinbarten Interview mit Michael Rother bass erstaunte Gesichter entgegenschlagen.

Nun gut, in einem Land, in dem Rammstein für die Schöpfer von "Das Modell" gehalten werden, kann man auch nicht unbedingt erwarten, dass jeder die Biographie von Rothers längst verscholler Band Neu! abrufbereit hält. Deshalb zunächst - gegen das Vergessen, für eine bessere Welt, den Frieden und den Sozialismus - ein kleiner historischer Abriss (für ausführlichere Informationen sei auf mein Interview verwiesen):

Michael Rother beginnt seine musikalische Karriere in der Band The Spirits of Sound. 1971 ist er kurzzeitig Mitglied bei Kraftwerk. Noch im selben Jahr verlässt Rother Kraftwerk aber wieder, um das Duo Neu! zu gründen. Zusammen mit seinem Kollegen Klaus Dinger entstehen drei legendäre Alben. Danach kümmert sich Rother zunächst um das Projekt Harmonia, arbeitet aber zeitgleich an seiner Solokarriere. 1977 erscheint sein Debut "Flammende Herzen" und wird ein voller Publikumserfolg. Bis zum Jahre 1996 erscheinen acht reguläre Alben und eine Singles-Compilation.

Entgegen dem experimentellen Charakter seiner Aufnahmen mit Kraftwerk und Neu! baden seine frühen Solowerke aber regelrecht brav in nahezu kitschigem Schönklang und fast schon naiven Melodielinien - was hier einmal nicht negativ gemeint ist. Er selbst wird es später so erklären:

"Eine einfache Melodie kann manchmal viel direkter eine Emotion ausdrücken und das war es bei meinen Solo-Alben immer. Mit drei Tönen kann man das Herz erschüttern. Wenn das im richtigen Zusammenhang gebracht wird, geht das ganz tief."

Wahre Worte, dennoch sollten mich Alben wie "Flammende Herzen" (1977) oder "Sterntaler" (1978) nicht wirklich überzeugen. Denn was fehlte, war eben jener "richtige Zusammenhang", von dem Rother sprach. Die Arrangements waren zwar in sich schlüssig und rund, konnten aber aufgrund ihrer Konventionalität den assoziativen Kompositionen nicht vollends folgen. Bisweilen erinnerten sie mit ihrer Gitarrenglückseligkeit sogar fatal an den zeitgleich agierenden Zweithitverwerter Ricky King.

Das verblüfft um so mehr, als Michael Rother in seinen vorangehenden Arbeiten mit Harmonia und vor allem in den 76er Aufnahmen mit Brian Eno einen viel passenderen Stil, nämlich Ambient, selbst erfunden hatte. Erst nach und nach sollten diese Klänge auch in seine Soloarbeiten Einzug halten. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung ist für mich das bislang leider letzte Album "Esperanza" aus dem Jahre 1996 - und das trotz seines etwas skizzenhaften Charakters.

Stücke wie "Perlenklang" und der musikalisch untermalte Anrufbeantworterspruch "Weil Schnee und Eis" wissen schon mit den Anfangsakkorden zu begeistern. Die genau austarierten elektronischen Sounds funktionieren als Gefühlsverstärker und rufen augenblicklich Emotionen hervor. Wenige musikalische Themen werden gegenüber gestellt, kunstvoll überlagert, gegeneinander gefahren und im klassischen Sinne verarbeitet.

Der Titelsong "Esperanza" zieht Spannung aus dem reizvollen Gegenspiel aus Melodie und Rhythmus. Sparsam eingesetzte Drumloops schaffen Klimax und Antiklimax und sorgen für Abwechslung und Kurzweil trotz der minimalistischen Komposition. Da ist im Anschluss sogar noch Platz für eine noch klangvollere Reprise namens "Electra".

Nur wenige Minuten später sorgt im funkelnden "Kristall" eine in den bloßen Raum gestellte Vocoderfläche für die erste Gänsehaut - zwei Akkorde, die einem vor Erstaunen tief beeindruckt den Mund offen stehen lassen.

Prunkstück des Albums ist für mich aber "Singapore-Lore", das sämtliche Qualiäten Michael Rothers auf angenehm unprätentiöse Weise auf den Punkt bringt. Einmal mehr auf einem Anrufbeantworter-Schnipsel ("Hallo, hier ist Lore aus Singapore!") basierend, schuf er mit sanften Bässen, Akustikgitarren-Delays und holzbläser-ähnlichen Sounds ein eindringliches, zu Tränen rührendes Kleinod, das die scheinbaren Gegensätze spielerische Leichtigkeit und tiefe emotionale Wärme auf wundervolle Weise zusammenführt. Was für eine Liebeserklärung an die Stimme auf dem Anrufbeantworter und an die Musik!

Etwas weniger gedankenversunken, weil ein wenig forscher kommt das optimistisch-frohe "Loop Loop" daher. Von anschwellenden Flächen angekündigte Drumloops treiben das Stück voran, bis sie selber einer Art Gänsehaut erzeugendem Nebelhorn weichen müssen, um später mit selbigem "verheiratet" zu werden. Gelungen!

Und auch der Humor kommt auf "Esperanza" nicht zu kurz. Mit "Spirit Of '72" lässt Michael Rother eine Erinnerungsblase an seine Anfangstage steigen. Ein leicht augenzwinkernd wimmernder Gitarrenloop, wie er auch zu Krautrockzeiten hätte entstehen können, schlängelt sich durch den gesamten Track. Anfangs noch telefonartig verzerrt und diffus, gewinnt er immer stärker an Kontur, um gegen Ende wieder sanft zu entgleiten - ganz wie dies Erinnerungen auch tun...

Mit seinen vielen emotionalen, ehrlichen und direkten Momenten darf man "Esperanza" getrost zu den besten Instrumental-Alben der 90er zählen. Es ist nicht neu. Es ist digital, aber es ist trotzdem warm. Man kann ihm eigentlich nur einen Vorwurf machen, und zwar den der Skizzenhaftigkeit. Die meisten Tracks haben keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende. Aber vielleicht hätte ihnen das ja auch diese unbekümmerte Leichtigkeit genommen und "Esperanza" wäre nicht das geworden, was es ist: ein faszinierendes Stimmungstagebuch.

Zusatzlink: Mein Interview mit Michael Rother aus dem Jahre 2001.

Lexis Wertung:

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8 von 10 Sternen

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