Rammstein: Reise, Reise CD
Das album ist wie beschirben echt der hammer und Amour schließt alles super ab und trübt meiner meinung nach auf keinen fall die Bilanz des albums sondern verbessert sie sogar.
10 von 10 Sternen
©
2004,
Universal
Nein, provozieren können sie nicht mehr. Die Wirklichkeit ist ohnehin härter als jeder Song und degradiert auch Bands wie Rammstein zu unterhaltenden Chronisten.
Der "Kannibale von Rotenburg" beispielsweise war zuerst da und verspeiste mit seinem Opfer genüsslich Genitalien in Echt. Rammstein konnten das Leib- und Magenthema mit der brachialen Vorab-Single "Mein Teil" nur noch kommentieren.
Für den nach immer neuen Tabubrüchen lechzenden Fan sicher ernüchternd. Doch die Band bewies schon auf ihrem letzten Bombastwerk "Mutter", dass sie inzwischen mehr kann, als nur Reizthemen und rollende "R"s aneinander zu reihen.
Dabei hilft den Rammsteinen das alte Image des Provokateurs noch immer ungemein: Hinter jeder Formulierung sieht der Hörer Anspielungen, Ironie und Doppeldeutigkeiten lauern, dreht lustvoll jedes Wort - einem Stein gleich - um und freut sich über jedes auch nur vermeintliche Fundstück. - Eine gute Ausgangsposition für das vierte Studio-Opus, der sich die Jungs durchaus bewusst sind.
"Reise, Reise" strotzt nur so von überraschenden Wendungen und Hintergründigkeiten. Der Titelsong beispielsweise spielt deutlich auf die Bandhistorie an und zitiert geschickt den Klassiker "Seemann". Mit "Los" werden Rammstein noch deutlicher. Der persönlichen Abrechnung mit der eigenen Geschichte folgt der Seitenhieb auf die damaligen Kritiker:
"Wir waren namenlos
Und ohne Lieder
Recht wortlos
Waren wir nie wieder
Etwas sanglos
Sind wir immer noch
Dafür nicht klanglos
Man hört uns doch
...Sie waren sprachlos So sehr schockiert
Und sehr ratlos
Was war passiert
Etwas fassungslos
Und garantiert
Verständnislos
Das wird zensiert
Sie sagten grundlos
Schade um die Noten
So schamlos
Das gehört verboten
Es ist geistlos
Was sie da probieren
So geschmacklos
Wie sie musizieren
Ist es hoffnungslos
Sinnlos
Hilflos
Sie sind Gott
Los"
Was für ein Fest des Wortspiels! Einen derart humorvollen Blick auf sich selbst wünschte man so manch anderem Musiker. Für mich textlich gesehen schon das Highlight des Albums!
Überhaupt ist "Reise, Reise" trotz des bescheuerten Titels vor allem lyrisch beachtenswert. Zeilen und Bilder wie:
"Diese Stadt ist eine Dirne
Hat rote Flecken auf der Stirn"(aus "Moskau")
"Auch auf Wellen wird gefochten
Wo Fisch und Fleisch zur See geflochten"(aus "Reise, Reise")
und
"Sie sitzen sicher sitzen warm
und gehen so dem Schlaf ins Garn"(aus Dalai Lama)
waren bisher bei Rammstein rar gesät. Sogar an eine Neuauflage des "Erlkönigs" traut man sich mit "Dalai Lama" heran. Der Clou der neue Fassung: Die Handlung wird 11. September-gerecht in ein Flugzeug verlegt und nicht der Erlkönig sondern der Vater selbst erdrückt das Kind aus übertriebener (Terror-) Angst. Der Refrain kommentiert's lakonisch mit dem umgekehrten Sinn(los)spruch:
"Weiter weiter in Verderben
wir müssen leben bis wir sterben"
Damit sind natürlich noch längst nicht alle Referenzen entlang der "Reise, Reise" aufgezählt. "Keine Lust" erinnert beispielsweise an Knorkators "Ich will nur fickn". "Morgenstern" schildert die äußerliche Unansehnlichkeit eines geliebten Menschen ähnlich drastisch wie "Du bist nicht so schön" von Stendal Blast. Und in der zweiten Vorab-Single "Amerika" werden gar PIL mit "This Is Not A Love Song" zitiert.
Dieses mehr oder weniger verklausulierte Statement zur Amerika-Politik ist auch gleichzeitig auch der eingängigste Song. Flankiert von pointierten und überzogenen Bemerkungen wie
"We're all living in Amerika
Coca Cola, Wonderbra...
We're all living in Amerika
Coca Cola, sometimes war"
oder
"Nach Afrika kommt Santa Claus
Und vor Paris steht Micky Maus"
umschiffen Rammstein sogar einigermaßen intelligent die Klippe des stammtischreifen Amerika-Bashings.
Im Kontrast dazu dürfen in der Hommage an "Moskau" immer noch die Pioniere durch die Straßen ziehen und das Lied Lenins singen - auf russisch, versteht sich. Das passt, denn Russisch hat der Rammstein'schen Ästhetik tatsächlich noch gefehlt und ergänzt sie perfekt.
Weniger politisch widmet sich das letzte Drittel des Albums dann noch einmal den Zweierbeziehungen.
"Stein um Stein" vergleicht die Inbesitznahme der Liebsten zynisch mit dem Einmauern bei lebendigem Leibe. Sänger Till Lindemann gibt hier seine eindrucksvollste Performance und jagt einem mit seinen Schreien wahre Schauer über den Rücken. Als wäre es echt.
Im nachfolgenden "Ohne Dich" glänzt er dann mit samtweichem und für Rammstein selten melodischen Gesang. Prädikat: wandlungsfähig!
Der pathetische Song kommt ausnahmsweise ohne jegliche Ironie aus und schlittert durch geschickte Satzkonstruktionen gerade noch einmal an der Kitschgrenze vorbei. Die Musik untermalt orchesterschwanger und mandolinenverhangen mit russischer Melancholie.
Das wäre auch durchaus ein würdiges Ende gewesen. Doch leider schließt sich noch der belanglose und unausgegorene Füller "Amour" an und trübt die Bilanz dieses ansonsten rundum gelungenen Albums ein wenig.
"Reise, Reise" liefert den Beweis ab, dass Rammstein sich immer noch weiter entwickeln können. Die Stärken liegen diesmal vor allem in den Texten, dem Gesang und den Arrangements - gleich neben der ebenfalls zu erwähnenden phantastischen Abmischung.
Stark!
9 von 10 Sternen
Das album ist wie beschirben echt der hammer und Amour schließt alles super ab und trübt meiner meinung nach auf keinen fall die Bilanz des albums sondern verbessert sie sogar.
10 von 10 Sternen
aktualisiert am: 31.10.2004 / inhalt: kontrast / grafik: lexi
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