Mediengruppe Telekommander: "Die ganze Kraft einer Kultur" CD

Cover: Mediengruppe Telekommander: Die ganze Kraft einer Kultur CD © 2004, Mute/EMI

Kann man anno 2004 überhaupt noch unbekümmert und unbeeinflusst Musik machen?

In einer Zeit, in der bereits alles gesagt, stilistisch eingeordnet, festgezurrt, vergessen, persifliert und mindestens einmal wiederbelebt wurde, scheint es für Künstler kaum noch eine Nische für Authentizität und künstlerische Freiheit oder gar Neues zu geben. Alles ist dekadent, referentiell und steht erst einmal unter dem Generalverdacht der Ironie. So braucht man sich wenigstens nicht dreist geklauter Stilmittel oder holprig zusammengezimmerter Zitate zu schämen. Die Message von dereinst liegt ohnehin am Boden und röchelt. Wenn es hoch kommt, bleibt wenigstens die Energie und die Wut.

So oder so ähnlich schoss es mir durch den Kopf, als ich anno 2002 in einem kleinen lauschigen Club ein Konzert der NDW-Mieze Mia. erleben durfte. Kaum einer der Besucher war halb so alt wie ich, doch adrettes Styling im hippen Neopunk-Look schien Pflicht. Zerfetzte Klamotten ja - aber bitte sauber! So wurde aus einem einfachen Konzert eine höchst merkwürdige, fast schon surreale Reise in eine Ariel-gepflegte Version einer Zeit, die ich selbst nur aus Büchern kannte. Trotzdem ging die Rechnung auf. Band wie Publikum schien es reichlich egal, was vor 20 Jahren schon einmal da gewesen und man konzentrierte sich auf die Musik und das, was man hier und heute zu sagen hatte.

Recht so! Ein jeder hat seinen Anspruch auf seinen Punk und seinen Spaß! Und sei er auch noch so verschwurbelt und verklausuliert in Szene gesetzt.

Inzwischen nährt der Hype einen ganzen Stamm an Bands der sog. "Berliner Schule". Die zu Tritten ins Fettnäpfchen neigenden Mia., die famos poppigen Spillsbury oder die weitgehend harmlosen Wir sind Helden z.B. Aber auch Untergrundbands wie das äußerst unterhaltsame Trio Die Türen oder die Anarcho-Simulanten von Das Bierbeben und der Mediengruppe Telekommander zählen dazu.

Von ihnen dürften die letztgenannten den besten Deal gemacht haben, wurden sie doch jüngst von der deutschen Dependence des rührigen Mute-Labels gesignt. Das Ergebnis in Form des Debutalbums "Die ganze Kraft einer Kultur" liegt seit Mai diesen Jahres vor und ist durchaus dazu geeignet, die Latte in Sachen Neo-NDW etwas höher zu legen. Dicht auf den Spuren von Palais Schaumburg ("Wir bauen eine Stadt", 1981!!!) werfen hier der Ex-Münchner Florian Zwietnig und der Ex-Österreicher Gerald Mandl scharfe Spitzen auf Konsumterror und deutsche Newspeak:

"Gib mir ein T-Shirt mit Andreas Baader drauf
und einen Catwalk für den Tagtraumdauerlauf
komm hol auch du dir preisgünstig Revolution
mit ein zwei Freibier und Che Guevara-Kondom

Wir sagen Vorsicht ein Trend geht um
Du brauchst Veränderung

Das müssen Sie haben die ganze Kraft einer Kultur
Nach Feierabend Betäubungsmittelkur
Weil Sie es sich wert sind heute im Hungerlook
Und schreiben Ich-Anarchie heimlich auf jedes Produkt

Wir sagen Vorsicht ein Trend geht um
Du brauchst Veränderung

Entscheiden Sie sich noch heute für die Leichtigkeit des Scheins
Im Pace-Outfit auch mal pro Amerika sein
Komm tag doch Punkrock auf den Bankauszug
für ruhige Momente polyphones Fingerfood"

Besser kann man das Dilemma der heutigen Jugend wohl kaum auf den Punkt bringen. Keine Subkultur mehr, die nicht schon längst industrialisiert und von Trendscouts leer gesogen wurde. Kein Inhalt, keine Revolution, nicht mal Rebellion ist mehr drin.

So tut denn auch die Mediengruppe Telekommander gut daran, ihre Texte zweideutig anzulegen. Man versucht zu provozieren und im gleichen Atemzug zu persiflieren. Oder besser gesagt anzuregen und aufzuregen. In guten Momenten gelingt das textlich wie musikalisch hervorragend. "Trend" und "Kommanda" sind unheimlich eingängige Electroclash-Ohrwürmer, die zu Clubhits der Saison avancieren dürften.

"Ich Kommanda.
Du Kommanda.
Er Kommanda.
Sie Kommanda.
Wer Kommanda?
Tele-Kommanda!"

Wer diesen Sprechgesang einmal im Ohr hat, wird ihn so schnell nicht mehr los.

Über die brachialen Elektromarsch-Kracher "Panzer" und "Bis zum Erbrechen schreien" lässt sich Ähnliches sagen. Nur kann die Mediengruppe dieses hohe Niveau über die mit 36 Minuten auch noch recht knapp bemessenen Spielzeit nicht halten. Einem "Technik und Machines" fehlt es einfach an Tempo und Rasanz. "Was sie schon immer über die Mediengruppe wissen wollten" kommt zu belanglos und selbstreferentiell gelangweilt daher. Manchmal fehlt es auch an Spielfreude: "Fantastisch automatisch" und "Steht auf" z.B. hätten etwas mehr "Bandgefühl" gut zu Gesicht gestanden.

Schade drum! Denn die Jungs hätten eigentlich mehr als nur das Prädikat "Hype des Sommers" verdient. Doch was heißt hier eigentlich "nur"? "Die ganze Kraft einer Kultur" macht jede Menge Spaß und welche Band kann heutzutage noch behaupten, vier wirkliche Überhits auf einer Platte zu haben. Mediengruppe Telekommander ist momentan schlichtweg der heißeste Scheiß!

Eine besondere Erwähnung verdient noch die Verpackung des Ganzen: In einer Anlehnung an Jimi Hendrix' berühmt-berüchtigtes "Electric Ladyland"-Cover sind hier die völlig entblößten Bandmitglieder auf allen Vieren zu sehen, wie sie sich beinahe in den Allerwärtesten kriechen, vorher aber noch eine Kreditkarte durch den Schlitz desselben ziehen. Was für ein Sinnbild...

Lexis Wertung:

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7,5 von 10 Sternen

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