Deine Lakaien: "Live In Concert 2002" DoCD + DVD
©
2003,
Chrom Records/Columbia/Sony
Mal ehrlich: wieviele Bands gibt es, denen man drei Livealben durchgehen lässt, ohne an deren Kreativität zu zweifeln? Und bei wievielen Bands aus der Dark Wave-Szene würden sich solche Platten überhaupt lohnen?
Lange überlegt - kurz geantwortet: Mir fällt nur eine einzige ein: Deine Lakaien, das Experimental-Pop-Projekt von Ernst Horn und Alexander Veljanov. Schon 1992 dokumentierten sie ihre "Dark Star Tour" auf CD und überraschten mit exzessiven Neuinterpretationen. Die "Forest Enter Exit Tour" aus dem Jahre 1993 kam sogar zu Video-Ehren.
Kurze Zeit später begab sich die ansonsten vornehmlich elektronisch arbeitende Band mit einem präparierten Flügel auf Konzertreise und faszinierte das staunende Publikum mit atemberaubenden "Acoustic"-Versionen ihrer bekannten Songs. Die intensive, spannungsgeladene Atmosphäre einer dieser ekstatischen Darbietungen im Magdeburger Puppentheater wird mir auf ewig im Gedächtnis bleiben... Schade nur, dass der 95er CD-Mitschnitt eines dieser Konzerte die Eindrücke nur unvollständig einfangen konnte.
Die nachfolgenden Jahre gingen ohne weitere Livezeugnisse, dafür aber mit umso beeindruckenderen Studioveröffentlichungen ins Land. Anno 2003 sollte zunächst eine Best Of-CD einen Blick zurück auf die bewegte Geschichte der Lakaien werfen. Aufgrund des sich immer schneller drehenden Peronalkarussells des kriselnden Kooperationspartners Sony Music verschwand dieser Plan jedoch alsbald in der Schublade. Stattdessen wurde die Produktion der nun vorliegenden Doppel-CD und DVD "Live In Concert 2002" in Angriff genommen. Was für ein Glück!
Beide Formate präsentieren einen Mitschnitt des zweiten Teils der "White Lies"-Tour im Potsdamer Lindenpark aus dem Herbst 2002 - und das aus gutem Grund! Noch im Frühjahr schien die Zusammenarbeit mit den neuen Gastmusikern nicht so reibungslos zu laufen wie zunächst erhofft. Um so eingespielter, vertrauter und kraftvoller wirken nun aber die jüngst veröffentlichten Aufnahmen. Das neue Line-Up aus B. Deutung (Cellist der Inchtabokatables), Ivee Leon (Violine), Sharifa (Violine) und Robert Wilcocks (Gitarren und Synthesizer, vormals Sleeping Dogs Wake und Summit) scheint die perfekte Live-Ergänzung zu Ernst Horn und Alexander Veljanov zu sein und eine gehörige Portion Rock mit einzubringen.
Nur, eine so anspruchsvolle und pathetische Musik wie die der Lakaien, benötigt Zeit und Aufmerksamkeit, bevor sie zündet. So hört (und sieht) man Frontmann Veljanov vor allem auf der DVD zu Beginn noch deutlich die Nervosität an, die es ihm nur lansgam erlaubt, sich in die Songs fallen zu lassen. Erst mit dem brachialen "In The Chains Of" scheint sich die Hektik und Unruhe zu legen. Dieses erste Highlight überzeugt in einem entfesselten Improvisationsteil mit einer irrwitzigen Kombination aus Celloklängen und wilden, an Daft Punk erinnernde Filterspielereien. Damit endet der "elektronische" Teil des Konzertes. Mit dem ergreifenden "Where You Are" leitet Ernst Horn am präparierten Klavier den akustischen Teil ein. Ebenso packend und anrührend geraten auch "Return" und "Wunderbar". Für den nötigen Kontrast sorgt der Klassiker "The Mirror Men", der noch nie so düster und angsteinflößend vom völlig unkontrolliert ins Klavier hämmenden Ernst Horn dargeboten wurde. Man fragt sich ein ums andere mal, was er wohl in dieser, seiner ganz privaten Urschrei-Therapie an Erlebnissen und Gefühlen verarbeitet...
Mit dem unsterblichen "Love Me To The End" sind die Fronten da schon klarer. Noch immer lässt dieser Jahrtausend-Song mich Rotz und Wasser heulen - auch nach dem tausendsten male noch. Die neuen Musiker ringen ihm sogar eine weitere Facette ab; im Mittelteil beginnt er regelrecht zu schweben. Fast schon magisch!
Auch in den nachfolgenden Titeln bringen die neuen Gastmusiker sich immer stärker ein. So überwindet die sensibel gespielte E-Gitarre des Robert Wilcocks auch die nüchterne Studioatmosphäre der Songs vom "White Lies"-Album ("Silence In Your Eyes") und verleiht der typisch deutschen Band Deine Lakeien internationales Flair.
Highlights gäbe es noch viele zu nennen, denn "Live In Concert 2002" bietet jede Menge weiterer Überraschungen. Die Krachkaskaden am Anfang von "Don't Wake Me Up" zum Beispiel oder die emotionalen Ausbrüche und Steigerungen aller Beteiligten in "Overpaid". Selbst die spröde Single-B-Seite "Rain Dance" erfährt hier ihre passende warme und weiche Umsetzung.
Mit ihrem Live-Update beweisen Deine Lakaien, dass sie es wie keine andere Band verstehen, sich zwischen den Polen Kunst und Unterhaltung, Konzept und Improvisation, ehrlichen Gefühlen und Pop zu bewegen und zu sogar zu vermitteln. Zudem ist die Umsetzung einfach perfekt. Das mit Bedacht eingesetzte Theaterlicht visualisiert die Schwere und Pathetik der Songs auch auf der Bühne, der Sound ist warm und intim sowie der Mix so meisterhaft transparent, wie man es nur selten auf einem Livemitschnitt zu hören bekommt. Eine Empfehlung für Einsteiger und Fans gleichermaßen!
Lexis Wertung:
9,5 von 10 Sternen
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