Kraftwerk: "Radio-Aktivität" CD

Cover: Kraftwerk: Radio-Aktivität CD © 1975, EMI

Spätestens nach meiner überaus positiven Bewertung des neuen Kraftwerk-Albums "Tour de France Soundtracks" dürfte es wohl kein Geheimnis mehr sein, dass auch ich mich zu den Fans dieser Düsseldorfer Elektronik-Pioniere zähle. Kraftwerk - das war die Band, bei der mir zum ersten mal bewusst wurde, dass mich elektronische Klänge schon immer weitaus mehr begeistert hatten als konventionell erzeugte. Das Szenario ist mir bis heute so präsent, als wäre es erst gestern gewesen:

Es war 1986 und in der guten Stube meiner Oma schallte "Musique Non Stop" aus dem Radio. So etwas hatte ich noch nicht gehört! Voll Erstaunen blieb mir der Mund offen stehen und mit einem mal verstand ich, was mich zuvor schon bei Nenas "Nur geträumt" oder Kiz' "Sennerin vom Königsee" so fasziniert hatte. Ja, die mächtigen und beeindruckenden Synthesizersounds waren es, die die Songs weitaus farbiger illustrierten als die üblichen Bass-Gitarre-Schlagzeug-Arrangements. Nur: ich war der einzige, der dies so atemberaubend fand. Mein komplettes Umfeld hatte mehr Spott als Bewunderung für die elektronisch gerülpsten Wortbrocken aus "Musique Non Stop" übrig...

Was ich damals noch nicht wissen sollte: In einem Kinderzimmer in Diepholz spielte sich zur selben Zeit ganz Ähnliches ab. So kam es denn auch, dass ein lieber Freund - diese Geschichte im Hinterkopf - mich anno 2000 mit meinem Duellanten Roberto bekannt machte: "Ihr müsstet Euch beide gut verstehen. Er ist auch großer Kraftwerk-Fan!" sagte er. Und er sollte Recht behalten.

Doch in einem konnte ich weder mit dem verkuppelnden Freund noch mit Roberto je einig werden - in der Frage nach der ultimativ besten Kraftwerk-Platte. Denn das war, ist und wird für mich immer das 75er Meisterwerk "Radio-Aktivität" sein.

Warum?

Ganz einfach: Es ist schlichtweg das konsequenteste Konzeptalbum der Düsseldorfer, zudem das erste vollelektronische. Waren auf der B-Seite des Vorgängers "Autobahn" (1974) nämlich noch Flöten und Geigen zu hören, erstrahlten auf "Radio-Aktivität" erstmals ausschließlich synthetische Klänge.

Das Konzept ist so einfach wie vielschichtig. Gemäß des Albumtitels spannt es den Bogen zwischen den beiden Polen Atomkraft und Ätherwellen. Das wird schon im Titelsong deutlich:

"Radio activity - discovered by Madame Curie.
Radio activity - tune into the melody."

Untermalt wird dieser simple wie treffende in Deutsch und Englisch vorgetragene Text von der wohl stärksten und ergreifendsten Komposition, die den Kraftwerkern je gelungen ist. Unendlich traurige Chöre lassen den Hörer in schaurigem Schönklang schwelgen wie auch zu Tränen rühren. Schleppend zieht ein elektronischer Beat samt Sequenzer-Bass den Song langsam hinter sich her. Morsezeichen und atmosphärische Störgeräusche sind die Garnitur auf der einfachen, immerfort raffiniert variierten Melodie. Einfach unsterblich...

Von ähnlich trister Stimmung ist auch das leicht stoisch vorgetragene "Radioland", das noch viel stärker von allerlei Funksignalen und genau platziertem elektronischen Geblubber durchzogen ist. Hier ertönt auch der bekannte Vocoder, der sich zum Markenzeichen von Kraftwerk entwickeln sollte. Ebenso bemerkenswert sind die verblüffenden Übersetzungen der Texte vom Deutschen ins Englische, für die seinerzeit der Künstler Emil Schult verantwortlich zeichnete:

"Drehen wir am Radiophon,
vernehmen wir den Sendeton.
Durch Tastendruck mit Blitzesschnelle,
erreichen wir die kurze Welle.
Nach Feineinstellung mit der Hand,
lauschen wir dem Mäuseband.
...
Turn the dials with your hand
'till you find the shortwave band."

Das nachfolgende "Ätherwellen" bricht dann mit der Tristesse und darf mit Fug uns Recht als der Prototyp eines elektronischen Popsongs angesehen werden. Gedankenverloren jaulen und pfeifen die Tongeneratoren, dass es eine Freude ist. In einem fort rasselt der Sequenzer eine schmissige, elektrisierende Hookline und der Rhythmus rollt präzise wie ein Zug, ohne jedoch an Groove einzubüßen - eine Spezialität Kraftwerks, die sie Anfang der 80er für das tausendfache Sampling schwarzer Rapper prädestinieren sollte.

Eine 15sekündige "Sendepause" leitet zum ernsteren Teil des Albums über, denn in den anschließenden "Nachrichten" werden Berichterstattungen über die rasante Verbreitung atomarer Kraftwerke übereinander geschichtet - ganz ohne vordergründige Wertung, versteht sich, aber irgendwie doch bedrohlich. Kraftwerk sahen sich nie als politisch motiviert, doch ist dies ein Vorsatz, der ebenso blauäugig wie sinnlos für einen in der Öffentlichkeit agierenden Künstler ist. So schleicht sich dann im eigentlich ganz putzigen "Stimme der Energie" eine deutliche Warnung ein. Über den Geräuschen von singenden Drähten und atmosphärischen Störungen ermahnt uns eine verfremdete Sprachaufzeichung mechanisch:

"Hier spricht die Stimme der Energie. Ich bin ein riesiger elektrischer Generator. Ich liefere Ihnen Licht und Kraft und ermögliche es Ihnen, Sprache, Musik und Bild durch den Äther auszusenden und zu empfangen.

Ich bin Ihr Diener und Ihr Herr zugleich. Deshalb hütet mich gut - mich, den Genius der Energie!"

Gerade durch die lausbubenhaften Unbekümmertheit und plakative Umsetzung gewinnt die Botschaft des Textes eine umso stärkere Wirkung. Doch das sollte bis zum 1991er Remake des "Radioaktivität"-Songs die letzte kritische Äußerung der Kraftwerker bleiben...

Weiter im Text: Mit "Antenne" wird das Steuer wieder in Richtung technikgläubiger Faszination und Elektropop herumgerissen, um dem experimentellen "Radio Sterne" Platz zu machen. Dieses besteht lediglich aus dem enervierenden Durchstimmen eines Tongenerators, einer Vocoderstimme und dem mantraartig wiederholten Sprachsample "ferne Sterne". Konsequent bis zur Schmerzgrenze! Welcher Künstler würde sich so etwas heute noch erlauben?

Als "Wiedergutmachung" beschert dann "Uran" ein Wiederhören mit den beeindruckenden "Radioaktivität"-Chören. Gleichsam ein Sprechstück, das einen wissenschaftlichen Text über das Entstehen von Radioaktivität zitiert. Das verspielte "Transistor" ist ungleich abstrakter und leitet zum letzten Stück und Höhepunkt des Albums, der elegischen Hymne "Ohm Sweet Ohm" über. Sanft wie ein Schlaflied wiegt eine unsagbar weiche Melodie den Hörer in Geborgenheit, sodass er gar nicht merkt, wie das Tempo des Songs immer weiter angezogen wird, bis er süchtig danach die Repeat-Taste drückt um diesem ergreifenden und behutsamen Spiel erneut zu lauschen. Jeder, der noch heute über die "Kälte" elektronischer Musik spricht, möge dieses Stück hören und für immer schweigen...

Was sich hier liest wie eine Liebeserklärung, ist auch eine. Eine Hommage an Deutschlands wohl wichtigste Band aller Zeiten und an ein großes Kunstwerk. Es gibt nicht eine Sekunde, nicht eine Note, nicht einen Klang, den ich nicht lieben würde. "Radio-Aktivität" fasziniert mit makellosen Technopopsongs, emotionalen und kraftvollen Elektroballaden ebenso wie mit Experimenten und einem gerüttelt Maß an Ecken und Kanten. Das macht es auch heute, 28 Jahre nach seinem Erscheinen, zu einem ungemein spannenden wie inspirierenden Hörerlebnis.

Lexis Wertung:

* * * * * * * * * *

10 von 10 Sternen

Wer ist Lexi?

 

Anderer Leute Wertungen:

Kraftwerk: "Radio-Aktivität" CD

1 Kommentar

Crush sagte am 23.03.2005 um 03:20 Uhr:

Kraftwerk: Radio-Aktivität CD

War eine der besten Platten aus meiner Sammlung! "Wir sind die Roboter" fand ich aber noch besser - das kam erst später raus, wenn ich mich recht entsinne. Das war eigentlich mein absoluter Favorit. Aber auf jeden Fall ist die Scheibe was Einzigartiges.

10 von 10 Sternen

zitieren

 

Dein Kommentar:

 (Pflichtfeld)
 (Pflichtfeld, wird nicht angezeigt)
 (Pflichtfeld)
 (Pflichtfeld)
 
Text kann wie eine E-mail formatiert werden: *Hervorhebung*, > Zitat
 von 10 Sternen
Intelligenztest: Bitte trage in das folgende Feld ein Pluszeichen ein!
 (Pflichtfeld)

 

zurück Robotnik

zurück weitere Platte(n) Kommentare