Kate Bush: "Aerial" DoCD

Cover: Kate Bush: Aerial DoCD © 2005, EMI Records Ltd.

Was mussten wir in den letzten Jahren nicht alles ertragen?

Wir haben die formidable, aber all zu oft in Grund und Boden produzierte Björk in unser Herz gelassen. Wir haben das immer gleiche, esotherisch verseuchte Gehauche von Enya zum Einsturz-Soundtrack des World Trade Centers erhoben. Ja, wir haben sogar die fürchterlich anstrengende Tori Amos toleriert. Nur, weil das Original schwieg. Einfach 12 Jahre lang schwieg.

Wir trösteten uns derweil mit Konserven, sangen noch einmal "Wuthering Heights", erstarrten bei den Klängen von "Hello Earth", weinten immer wieder am Ende des tragischen Videos zu "Cloudbusting" oder gruselten uns vor dem "Experiment IV"-Clip.

Wir warteten sehnsüchtig auf den Nachfolger zu "Red Shoes" (1993). Wir warteten und bekamen - soviel sei vorweg genommen - alles, was wir uns erträumten. Womit niemand mehr ernsthaft gerechnet hat, das wurde mit einem Doppel-Album Realität.

"Aerial" heißt das lang ersehnte Werk der unglaublichen Kate Bush. Und auch nach mehrmaligem Hören erscheint es immer noch wie eine Gabe des Gottes der Musik.

Es ist eine Platte geworden, die den puren Luxus der Ruhe versprüht. Musik aus einer anderen Welt und Zeit; aus einem Land, in dem die Musik nur ihren eigenen Gesetzen folgen muss und nicht den Ratschlägen von Aktionären und Schema F-Produzenten.

Nach wie vor kann es sich Kate Bush leisten, ihre Kunst abseits von üblicher Bassline-Hasterei und Schlagzeug-Gebratze, Gitarren-Geschrei und Aufmerksamkeitsgekeif so umzusetzen, wie sie es für richtig hält. Sie lässt wie selbstverständlich Platz für die ganze Palette von still bis leise, von gelassen bis unbekümmert, von leicht bis glückselig.

Vieles davon wirkt heutzutage fast spinnert, dabei ist es eigentlich nur fantasievoll.

Wer würde je auf die Idee kommen, sich gedankenversunken in einer Beschreibung des Wäschewaschens zu verlieren, wie Kate es in "Mrs. Bartolozzi" tut? Wer würde je so leidenschaftlich die Nachkommastellen der Zahl "Pi" als Refrain in einem gleichnamigen Song singen? Und wer würde allen Ernstes verkünden, das Rezept gefunden haben, wie man unsichtbar wird?

"I found a book on how to be insvisible
Take a pinch of keyhole
And fold yourself up
You cut along the dotted line
You think inside out
And you're invisible"

Im Leben von Kate Bush ist vieles einfach, erstaunlich und liebenswert.

Sie albert, tobt und trällert in zwei Songs ("Aerial" + "Aerial Tal") mit den Vögeln um die Wette, dass einem ob ihrer Ausgelassenheit das Herz aufgeht. Sie besingt die Schönheit eines Spätsommernachmittags ("Prelude"), und es fühlt sich an wie eine Umarmung. Sie formuliert die wohl plattesten Worte als Liebeserklärung an ihren Sohn Bertie, doch man spürt, dass sie alles genauso direkt meint, wie sie es schreibt:

"Here comes the sunshine
Here comes the son of mine
Here comes the everything
Here's a song and a song for him

Sweet kisses
Three wishes
Lovely Bertie

The most wilful
The most beautiful
The most truly fantastic smile
I've ever seen

Sweet kisses
Three wishes
Lovely Bertie

You bring me so much joy
And then you bring me
More joy"

Wer dazu das herzhafte Lachen von Bertie im (liebevoll gestalteten) Booklet betrachtet, kann wohl jede dieser Zeilen nachvollziehen. Behutsam mit Renaissance-Gitarren und einem Streichquartett illustriert, gerät dieser Song zu einem absolut zauberhaften Highlight und Rührstück. So kennen wir Kate Bush und so lieben wir sie.

Dabei fährt die Britin auf "Aerial" keinerlei Innovationen auf. Das hat sie nicht nötig. Denn ihre Musik ist schlichtweg vollkommen. Hier hat alles hat seinen Platz. Ein jedes Instrument wird nur dann eingesetzt, wenn es der Song erfordert.

Trotzdem handelt es sich mitnichten um eine spartanische Platte. Die fließenden Arrangements schaffen es meisterhaft, leise Klaviertupfer und mehrsekündige Pausen mit Chören, rasanten Flamencoensembles und ganzen Orchestern zu verbinden. Organisch werden sogar Pink Floyd-Gitarren (Dave Gilmour hat Kate Bush seinerzeit entdeckt und ihr einen Plattenvertrag vermittelt) und ein wunderbar weiches Schlagzeug in das Klangbild integriert.

Vielleicht muss man ein gewisses Alter erreicht haben, um diese Werte schätzen zu können. Möglicherweise funktioniert auch nicht jeder Song dieses Albums in jeder Stimmung. Doch als ich "Aerial" das erste mal hörte, erfüllte es mich mit einer überwältigenden Mischung aus Glücksgefühl und Wehmut. Denn ich bemerkte, was ich in den vergangenen Jahren alles vermisst hatte und was mir aktuelle Produktionen augenscheinlich nicht mehr zu geben in der Lage sind.

"Aerial" ist und bleibt ein Geschenk. Es ist der Beweis, dass es warme, ehrliche und sensible Kunst noch gibt. Gepresst auf zwei Silberscheiben, verpackt in ein wundervolles Booklet.

Danke, Kate!

Lexis Wertung:

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10 von 10 Sternen

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