The Art Of Noise: "Who's Afraid Of The Art Of Noise?" CD

Cover: The Art Of Noise: Who's Afraid Of The Art Of Noise? CD © 1984, ZTT Records

Kraftwerk gelten gemeinhin als die Urväter der elektronischen Musik. Ihnen gelang es, elektronische Klangerzeuger wie den Synthesizer in der Popmusik zu etablieren. Ähnliches kann man von zwei Bands behaupten, wenn es um die Einführung des Samplers in die Popularmusik geht: Yello und The Art Of Noise. Während erste sich schnell in ihrem ureigenen, freakigen Klangkosmos verstrickten und sich nur noch wenige Schritte davon entfernten, waren letztere die weitaus farbenfroheren, poppigeren und offeneren. Das mag nicht zuletzt mit der Herkunft der Art Of Noise-Musiker zusammenhängen:

Trevor Horn, einst Spezialist für den Fairlight-Musikcomputer bei Yes ("Owner Of A Lonely Heart") und später erfolgreich mit den Buggles ("Video Killed The Radio Star"), war Chef des legendären ZTT-Labels. Als diktatorischer Produzent betreute er fast alle Bands der Plattenfirma auch in musikalischer Hinsicht. Dabei standen ihm die studierte Pianistin und Streicher-Arrangeurin Anne Dudley, ein weiterer Fairlight-Spezialist namens J. J. Jeczalik, der Studio-Crack Gary Langan und später auch der geniale Pressesprecher Paul Morley zur Seite. Unter ihrer Ägide entstanden perfekte Pop-Meisterwerke wie Malcom McLarens "Duck Rock", Frankie Goes To Hollywoods "Welcome To The Pleasuredome", ABCs "Lexicon Of Love" und Propagandas "A Secret Wish".

Bei so vielen Fremdproduktionen kam bald der Gedanke auf, mit den ganzen erarbeiteten Sounds und Strukturen auch eigene Platten zu veröffentlichen. 1983 erblickte das Mini-Album "Into Battle With Art Of Noise" das Licht der Welt und sorgte für mächtige Aufregung. Nie zuvor hatte jemand die Frechheit und den Mut besessen, Anlaßgeräusche von Autos, Soundfetzen vom Tennisplatz, kurze Vocal-Samples und Zitate aus der Pop- und Rockgeschichte zu irren, dennoch anziehenden Instrumentals und allerlei atmosphärischen Spielereien zusammenzutragen.

Die Rock-fixierten Kritiker jedenfalls waren verwirrt und prophezeiten das Ende der Musik. Dem Publikum schien es zu gefallen. Es folgte die Maxi-Auskopplung "Beatbox" (der Name ist Programm!) und die Ankündingung des ersten Fulltime-Albums.

"Who's Afraid Of The Art Of Noise?" päsentierte noch einmal "Moments In Love" und "Beatbox" von vorangeangenen Mini-Album, aber auch einen weiteren Hit namens "Close (To The Edit)". Abermals flogen dem Hörer die Samples und Sounds nur so um die Ohren. In einer Grauzone zwischen verschmitztem Witz, augenzwinkernder Parodie und Ernsthaftigkeit ging von allen Stücken aber auch eine leicht traurige und düstere Grundstimmung aus.

Lachte man beispielsweise beim ersten Hören der musikalischen Skizzen "Momento", "How To Kill" und "Realization" vielleicht noch etwas verständnislos, nahm einen kurze Zeit später die fast bedrückende Atmosphäre doch in Besitz. In den "Discosongs" des Albums teilte sich diese Atmosphäre den Platz mit monolithisch in den Raum gestellten Beats aus noch heute elektrisierenden Samples.

Auf die Spitze getrieben wurden Sound- und Rhythmusfetischismus im Titelstück "Who's Afraid (Of The Art Of Noise)", das größtenteils aus dem Klang zuschlagender Türen und Zwischenrufen einer Frau bestand.

Prunkstück war aber das unsterbliche "Moments In Love". Aus zwei sehnsüchtigen Keyboardspuren, einem gehauchten "Ah"-Sample, der verhallten Titelzeile "Moments In Love" und ein paar Percussion-Samples wurde ein geradezu magisches, molliges 10-Minuten-Stück gebaut, das vor allem durch subtile Klangveränderungen und lupenreine Produktion glänzte. Da wurden Sounds ausgetauscht, an einzelnen Samples Hall hinzugefügt und wieder weggelassen, so daß kaum eine Sekunde wie die andere klang.

Weder vor noch nach The Art Of Noise war eine Band so einfallsreich in der Auswahl und Bearbeitung ihrer Sounds. Sie waren, sind und bleiben die Meister der Samplekunst. Das Studio war stets ein wichtiges Musikinstrument, dessen Potential ausgereizt wurde. Dabei waren die Bandmitglieder glücklichwerweise auch immer Musiker genug, ihre Arbeit nicht in kopflastiger Frickelei enden zu lassen. Stattdessen versprühten ihre Instrumentals Charme, Atmosphäre, Spielfreude, Witz und Herz.

Deshalb darf und muß "Who's Afraid Of The Art Of Noise?" getrost zu den Meilensteinen der Musikgeschichte gezählt werden.

Übrigens, die Songs des Albums sind allesamt auch noch einmal auf der Compilation-CD "Daft" zu finden, entfalten dort aber aufgrund der anderen Titelreihenfolge nicht ihre volle Wirkung.

Lexis Wertung:

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9 von 10 Sternen

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