In meiner Rezension zur ersten Art Of Noise-LP "Who's Afraid ..." habe ich die Information noch unterschlagen: Ich bin bekennender und beinharter Fan dieser Sample-Pioniere! Ohne das hier vorliegende, zweite Album "In Visible Silence" wäre ich es aber möglicherweise nie geworden. Denn mein erster, bewußter Kontakt mit dieser Band kam über die darauf enthaltene Coverversion des Henry Mancini-Klassikers "Peter Gunn" zustande.
Doch bevor dieser Song im Jahre 1986 als zweite Vorab-Single erschien, hatte das Studio-Projekt Art Of Noise einige Veränderungen durchgemacht. Nach den ersten Erfolgen nämlich trennten sich die Wege von Trevor Horn und Paul Morley einerseits sowie Anne Dudley, J. J. Jeczalik und Gary Langan andererseits. Während sich die einen auf die Arbeit für ihr eigenes Label ZTT konzentrierten, suchten sich die anderen unter Beibehaltung des Namens eine neue Heimstatt bei China Records.
Diese personelle Veränderung manifestierte sich natürlich auch in der Musik. The Art Of Noise klangen alsbald sauberer, direkter und einfach poppiger. Das Ergebnis waren gleich drei Hitsingles: Das glucksende, auf verschiedensten, bearbeiteten Vocal-Samples basierende "Legs" erinnerte zunächst noch an alte "Beatbox"-Zeiten. Es folgte die quietschige Coverversion des Gangsterfilm-Klasikers "Peter Gunn", für die sogar die alte Basslegende Duane Eddy wegen des charakteristischen "Twang-Sounds" (klingt so wie er heißt) wieder ins Studio geholt wurde. Auskopplung Nummer Drei war das schmissig blubbernde "Paranoimia". Auch dieses wurde in der Neuaufnahme mit dem computergenerierten TV-Moderator Max Headroom zum Chartbreaker.
Natürlich hatten The Art Of Noise darüber nicht ihren Sinn für Experimente verloren. Diese wurden ganz im Gegenteil noch viel stärker ausgelebt. Schon der Opener des Albums, nämlich "Opus 4", ist an Radikalität kaum zu überbieten: Hier kreisen lediglich eine Handvoll gesprochener Worte in immer neuer Anordnung über-, unter- und gegeneinander. Allein aus ihrer Schichtung, mal mit mal ohne Hall, wird ein Rhythmus- und Songgerüst aufgebaut, das erst zum Schluß von einer simplen Improvisation auf einem Synthesizer unterstützt wird.
Ähnlich radikal ist der Ansatz des monströsen "Instruments Of Darkness". Über Minuten ist hier ein immer weiter zerdehntes Orchestersample zu hören, das - mit Rhythmusfragmenten und dissonanten Tönen untermalt - eine düstere Atmosphäre aufbaut. Nach dem Verklingen dieses Gewitters fügt der zweite Teil des Songs mit Schnipseln aus politischen Reden, die zusammen mit beschwichtigenden Flächen über elektrisierenden Drums lagern, noch eine mystische Komponente hinzu. Schließlich löst sich die Spannung im versöhnlichen Klavierspiel von Anne Dudley auf. Ein Track, der eine ganze Flut von Bildern und Assoziationen im Hirn auslöst.
In eine ganz andere Richtung gehen die Instrumentals "Slip Of The Tongue", "The Chameleon's Dish" und das brillante "Backbeat". Musikalisch gesehen, wird hier nur wenig geboten. Art Of Noise zeigen frei nach dem Motto "variations sur le meme theme", wie bestimmend Klänge, Arrangements und Instrumente für einen Song sein können. Daß dies nicht zu einer Nabelschau der technischen Fähigkeiten der Bandmitglieder auswächst, sondern ganz im Gegenteil extrem aufregend ist, ist ihrer Ideenvielfalt und Detailverliebtheit zu verdanken. Ein Beweis, daß eine guter Song nicht zwangläufig auf einer guten Komposition basieren muß und Musiker im Zeitalter der Elektronik auch auf andere Weise kreativ werden können ...
Abgerundet wird die LP mit ein paar Ruhemomenten namens "Eye Of The Needle" und "Camilla - The Old, Old Story". Weit vor der Easy Listening- und Ambient-Modewelle in den 90ern badeten die britischen Klangfetischisten hier in ihrer typischen verschrobenen Art in Jazzrhythmen, loungigen Sounds, cheezy Samples und großen Hallräumen. Ganze Heerscharen von Musikern wurden dadurch inspiriert, unter anderem auch die legendären The Orb.
Auch wenn "In Visible Silence" insgesamt etwas statischer und glatter als der Vorgänger erscheint, schufen The Art Of Noise mit diesem Album einen weiteren Meilenstein der elektronischen Musikgeschichte. Von der Samplearbeit, den unzähligen, frappierenden Momenten und der Musikalität der Band könnten (fast) alle Elektroniker noch heute lernen.
Leider ist es zur Zeit (?) unmöglich dieses Album käuflich zu erwerben.
Eben habe ich von einem Video ("The Art of Noise-In visible Silence" live at Hammersmith Odeon) erfahren. Das versuche ich zu bekommen. Mal sehen... .
Warum ich das schreibe? Ich hoffe, mir kann jemand helfen.
Tschau