Mit Pionieren ist das so eine Sache. Zu ihrer Hochzeit sind sie ihren Kollegen meilenweit voraus, setzen neue Standards, erschaffen und revolutionieren ganze Genres. Doch was passiert, wenn ihre Innovationen Einzug in die Massenkultur gefunden haben? Haben sie auch dann noch etwas zu sagen, wenn der Reiz den Neuen verflogen ist?
Die Antwort kennen wir - von Kraftwerk. Und sie lautet: Nichts! Wohl dem, der dies bemerkt und rechtzeitig den Absprung schafft.
Meine All-Time-Heroes Art Of Noise schienen es verstanden zu haben. Nach ihrem "Below The Waste"-Album lösten sie sich 1989 kurzerhand auf und überliessen seitdem Remixern das Feld für "neue" Art Of Noise-Veröffentlichungen.
Doch leider nur bis zum Jahre 1999, in dem sie sich fast in der Urbesetzung reformierten und das ideenarme, glattgebügelte und lose Konzeptwerk "The Seduction of Claude Debussy" veröffentlichten. Meisterproduzent Trevor Horn war dabei, ebenso die Piano- und Streichervirtuosin Anne Dudley und der geniale Pressechef des ZTT-Labels Paul Morley. Für J. J. Jeczalik sprang der überraschende Neuzugang Lol Creme (Godley and Creme) ein.
In dieser Formation gaben sie, vornehmlich auf Festivals, auch einige Konzerte, die nun auf der DVD "Into Vision" verewigt wurden. Ich will nicht verhehlen, dass ich lieber eine Wiederveröffentlichung des 86er Livemitschnitts "Visible Silence" oder eine simple Videocollection gesehen hätte, doch der Fan nimmt ja bekanntlich alles, was er kriegen kann - auch wenn Enttäuschungen vorprogrammiert sind.
Denn schon das blutleere Material vom gefloppten "...Debussy"-Album lässt erahnen, dass die Livepräsentation doch etwas dröge ausfallen dürfte. Über weite Strecken ist das dann auch der Fall.
Selbst wenn hier für eine Elektronikband großes Geschütz mit drei Gastmusikern (u.a. mit einer Opernsängerin!) sowie Videoprojektionen aufgefahren wird und wir es mit absolut versierten Instrumentalisten zu tun haben, täuscht das nicht über eine gewisse Inhaltsleere hinweg. Daran kann auch der konzeptionelle Überbau - das Leben und Werk des Claude Debussy - nicht viel ändern. Frontmann Paul Morley gibt sich redlich Mühe, dem Publikum diese Story zu verklickern, doch wirklich begeistert wirken die Massen nicht gerade.
Musikalisch gesehen, gibt es wenige Überraschungen. Fast das gesamte Material des Reunion-Albums wird nahezu unverändert dargeboten. Hin und wieder darf Lol Creme ein paar 80er Jahre-Gitarren-Sounds einstreuen, gegen Ende des Konzerts holt Trevor Horn seine MIDI-Oboe raus. Für die erste, gepflegte Improvisation muss man bis zum Schlusstrack "Dreaming In Colours" ausharren.
Höhepunkte sind daneben auch noch die neu arrangierten Stücke "Something Is Missing" und "Information" - beidesamt abgeleitet vom Track "Information", zu finden auf der Mini-CD "Reduction" (von der 2000er Neuauflage des "...Debussy"-Albums). Ja, das ist Livepower! Und endlich darf sich hier auch einmal Paul Morley am Mikrofon schaffen, anstatt nur - einen Gummihammer schwingend - auf der Bühne umherzuhüpfen oder seltsame Sätze mit "Claude Debussy, the hero of our story..." am Anfang zu säuseln.
Als Klassiker sind noch die drei größten Hits von Art Of Noise dabei. Davon mag "Moments In Love" in einer viel zu langen Version, die unmotiviert zwischen normalem und doppeltem Tempo hin- und herschaltet, live so gar nicht funktionieren. Bei "Beat Box" wird einfach die alte Studioaufnahme aufgelegt, mit ein paar sehr zaghafte Filtermanipulationen bearbeitet und das zugehörige Video abgespielt. "Peter Gunn" beschliesst den Reigen mit einem Bassspiel, das an Duane Eddys virtuosen Originalsound einfach nicht herankommt.
Die Qualität des optischen Materials ist extrem divergent: Von schlimmster "Blairwitch Project"-Handkamera-Optik über lupenreine Profiaufnahmen bis hin zu hektischen Videocollagen ist alles drin. Nicht spannend, aber auch nicht langweilig.
Als DVD-typische Bonus-Dreingaben gibt es ein paar Blicke in den Übungsraum, eine Studioperformance zweier Claude Debussy-Stücke mit einer erschreckend verbiestert wirkenden Anne Dudley am Klavier sowie ein witziges Interview, das Paul Morley mit seiner eigenen Band und sich selbst führte.
"Into Vision" ist für Fans eine herbe Enttäuschung. Neue Anhänger dürfte die Band damit nicht gewinnen. Die Revolution hat ihre Kinder endgültig gefressen.
Da ich so gut wie alles von The Art Of Noise habe, war der Kauf dieser DVD auch für mich Pflicht. Ich würde diese DVD aus Gründen der Vollständigkeit meiner Sammlung wieder kaufen, ansonsten fällt mir kein Grund ein. Falls jemand die Band nicht vorbehaltlos verehrt: Hände weg!
Begründung: ich weiss nicht, was schlechter ist, die Bildqualität, die Live-Qualitäten, die Auswahl überhaupt. Einziger Lichtblick ist das Interview.
Fazit: ab ins Regal und lieber wieder "InNoSense Nonsense" und "In Visible Silence" in den Player.