The Art Of Noise: "Into Battle With The Art Of Noise" CD + DVD

Cover: The Art Of Noise: Into Battle With The Art Of Noise CD + DVD © 83/03, ZTT/ReRel. 2003, Repertoire Records

Das wurde aber auch Zeit!

20 Jahre ist es nun schon her, dass sich ein verwegenes Produzenten-Team und ein Musikjournalist aus England daran machten, die Popmusik und die Elektronik-Szene neu aufzumischen. Sie hießen Trevor C. Horn, Anne Dudley, Jonathan "J. J." Jeczalik, Gary Langan und Paul Morley. Ihr Ziel: Die Realisierung eines alten Traums der italienischen Futuristen um Luigi Russolo aus dem Jahre 1913. Dieser hatte seinerzeit ein Manifest unter dem Titel "Die Kunst des Geräusches" veröffentlicht, in dem es um die Orchestrierung der Klänge der modernen Zivilisation ging. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein technisch wie öffentlichkeitswirksam kaum zu realisierendes Vorhaben. Zur Nachahmung bekannter Klänge des industriellen Lebens wurden abenteuerliche Konstruktionen entworfen, die Aufführungen in den Konzertsälen fanden kaum Zuhörer.

Das sollte sich erst in den 70er Jahren ändern, als sich eine deutsche Combo namens Kraftwerk auf die Fahne schrieb, "die Umwelt zum klingen zu bringen" und erstmals erfolgreich Pop und elektronische Klangerzeugung miteinander zu verbinden wusste. Die Tür war aufgestoßen und mit der rasanten Entwicklung neuer Technologien zur Klangerzeugung schossen immer mehr Electropopbands aus dem Boden.

Doch erst mit der Verfügbarkeit des Samplers gelang der nächste große Schritt. Seine Fähigkeit, beliebige Klänge aufzuzeichnen und dann in verschiedenen Tonhöhen wiederzugeben, ermöglichte die Verwirklichung des Traums der Futuristen. Denn mit dem Sampler konnten sämtliche Klangquellen aus dem Zusammenhang gerissen, quasi dekonstruiert und anschließend wieder in einen neuen Kontext gestellt, also rekonstruiert werden.

Das klingt vielleicht trocken, war aber die spannendste musikalische Revolution Anfang der 80er!

Eine der ersten Formationen, die dieses genüssliche Zerlegen und wieder Zusammensetzen von Klängen bis zum Exzess und trotzdem mit Erfolg zelebrierte, war The Art Of Noise - ein Studioprojekt rund um die schon oben angeführten Damen und Herren Horn, Dudley, Jeczalik, Langan und Morley, das sich schon im Ansatz deutlich von zeitgleich agierenden Elektronikbands unterschied:

Allererstes Lebenszeichen dieses Projektes, das von Anfang an seine Gesichter hinter geheimnisvollen Masken verbarg, war die Single "Beat Box". Der Erfolg dieses kleinen Clubhits ermutigte die Musiker zu einem Mini-Album namens "Into Battle With The Art Of Noise", das nun - zwanzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung - endlich wieder erhältlich ist.

Was für ein Glücksfall! Denn obwohl sieben der ursprünglich neun Tracks bereits auf der Zusammenstellung "Daft" verewigt sind, ergeben sie im Zusammenhang der Originalveröffentlichung weitaus mehr Sinn.

"Into Battle...", das war 1983 ein Statement und eine Demonstration dessen, was in der elektronischen Popmusik jenseits konventionellen Songwritings und klassischer Kompositionen möglich war.

So verwundert es auch nicht, dass das Mini-Album mit einer Installation aus brachialen Beats, finsteren Orchestra Hits und verstörenden Samples beginnt, die direkt zum ersten Song und Hit "Beat Box" überleiten. Selbst dieser basiert eigentlich nur auf rhythmischen Verwerfungen auf Grundlage eines treibenden Hip Hop Grooves sowie wenigen Harmonien in fast schon jazzartigen Improvisationen. Der klangtechnischen Umsetzung scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Immer wieder überraschen neue, aberwitzige Sounds, elektrisieren bassige Vocal-Samples und faszinieren quengelige Sequencerläufe bis alles im beschwingten Klavierspiel von Tastenvirtuosin Anne Dudley endet. Eine Orgie in Rhythmus und Sound, die auch nach 20 Jahren noch erfrischend und unkonventionell klingt!

Was sich alles aus vier Drumsounds, einem "Trallala" und einem "In The Army Now" stricken lässt, demonstriert auf beeindruckende Weise das verstörende "The Army Now". Eigentlich nur eine Spielerei, doch von einer albtraumhaften Intensität, der man sich kaum entziehen kann. Zudem ein weiterer Beweis dafür, was für exzellente Musiker hinter Art Of Noise standen und mit welchem Ideenreichtum sie selbst kleinste Klangskizzen zu bereichern vermochten.

Interessant auch das meditative "Donna", das schon 1983 Elektronik-Pionieren wie Tangerine Dream oder Klaus Schulze einen Weg zeigte, wie sie ihre warmen Sequencertracks hätten weiter entwickeln können.

Populärstes Stück dürfte allerdings die über 10minütige, verträumte Ballade "Moments In Love" sein. Eine sehnsuchtsvolle Melodie, verführerisch gehauchte "Ah ah ah"-Samples, ein paar knackige Beats und rhythmisch eingestreute Orchestra Hits - mehr braucht es nicht für einen der schönsten Chill Out-Tracks aller Zeiten. Der Song zieht noch heute in seinen Bann.

Brachial wird es dann wieder in "Bright Noise" und "Flesh In Armour". Gleich einer Dampflok, die mitten durch den Kopf fährt, werden einem Krachkaskaden um die Ohren gehauen, die einen ein ums andre mal paralysiert vor den Stereoboxen erstarren lässt. Da verspricht sogar ein verwirrendes Gruselfilmpanorama wie das nachfolgende "Comes And Goes" Entspannung, bis eine leider viel zu kurze Reprise von "Moments In Love" das Mini-Album beendet.

Auf der neuen "20th Anniversary Edition" von "Into Battle" befindet sich noch die komplette "Close Up"-Maxi mit zwei wahnwitzigen Varianten des "Close (To The Edit)"-Hits von The Art Of Noise. Mehr noch als auf den Alben dürfen sich hier die Musiker an ihrem Studioequipment austoben. Auf der B-Seite "Close Up (Hop)" sind sogar schon ein paar der charakteristischen Samples zu hören, die die Produzenten später für den Frankie Goes To Hollywood-Kracher "Two Tribes" verwenden sollten.

Ergänzt wird die Neuauflage von einer DVD, die die vier auf ZTT erschienenen Art Of Noise-Videos "Moments In Love", "Beat Box Pop Promo", "Close To The Edit (Version 2)" und "Metaforce" (vom 99er Album "The Seduction Of Claude Debussy") vereint.

Ein wie immer lohnenswertes Paket von Repertoire Records zum Preis einer regulären CD.

Lexis Wertung:

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9 von 10 Sternen

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