Angels Of Venice: "Awake Inside A Dream" CD
©
2002,
Accession / EFA
Es scheint ein unstillbares Verlangen nach ätherischer und mittelalterlich angehauchter Musik zu geben, wie sie in den 80ern mit Bands des 4AD-Labels wie Cocteau Twins und Dead Can Dance zur Entfaltung gebracht und auch gleich zur Vollendung geführt wurde. Fast unüberschaubar sind die Legionen von Nachfolgern, die in ähnlichen Fahrwassern schiffen: Love Is Colder Than Death, Collection D'arnell-Andrea, Arcana und Mila Mar seien hier nur als ein paar sehr entdeckenswerte Beispiele angeführt.
Seit den 90ern versucht man derartige Musik gemeinhin unter dem Namen "Heavenly Voices" zusammenzufassen (oder vielmehr zu verkaufen) - ein Etikett, das vom deutschen Label "Hyperium" geprägt wurde. Doch nach dem Ende dieser Plattenfirma wurde es auf dem Gebiet etwas ruhiger. Als einzige, nennenswerte Newcomer konnten sich die deutschen Mila Mar etablieren.
Dank des äußerst rührigen Adrian Hates (Kopf der Band Diary Of Dreams) und seiner Plattenfirma "Accession Records" ist es nun gelungen, den Weg von "Hyperium" fortzuschreiten. Eine seiner Endteckungen ist die Amerikanerin Carol Tatum - eine Art Wunderkind der Saiteninstrumente. Mit ihrem Spiel auf Harfe, Mandoline, Bouzouki und Hackbrett zeichnet sie für diverse Soundtrackbeiträge verantwortlich; zudem betätigte sie sich als Co-Writerin für die Rocker von Kingdom Come.
Ihr eigenes Projekt heißt Angels Of Venice. Begleitet von Flötistin Suzanne Teng, Cellistin Peggy Baldwin und diversen weiteren Gastmusikern veröffentlichte sie in ihrer Heimat bereits zwei Alben, von denen letzteres nun auch in Deutschland erhältlich ist. "Awake Inside A Dream" ist es betitelt und bietet 50 Minuten gute Ergänzung zu den bereits oben genannten Bands.
Zugegeben, diese Beschreibung klingt nicht wirklich spektakulär. Doch dürfte es inzwischen wohl jedem Musiker schwer fallen, in diesem Genre noch große Innovationen und Überraschungen zu bieten. Diese fehlen der CD denn auch. Dennoch agieren die Angels Of Venice auf einem sehr hohen Niveau.
Schon der Opener "Lionheart" überzeugt mit ungestümer, dennoch beherrschter Percussion und fröhlich-frei tirilierendem Flötenspiel. Die Adaption des französischen Troubadourstücks "A Chantar Mer" erinnert an Enya und ihre alte Familie Clannad - jedoch ohne deren schmierige Popauswüchse.
Dead Can Dance-Fans, wie ich es einer bin, dürfte spätestens "The Sins Of Salome" gefangen nehmen. Greg Ellis' Percussion und Carol Tatums Hackbrettspiel geben diesem Stück eine orientalisch anmutende Grundstimmung, über der Gastvocalistin Mamak Khadem ihre Stimme erhebt, als sei sie darauf aus, den Posten als Lisa Gerrards Stellvertreterin zu bekommen. Ebenso hervorgehoben werden müssen das Friede und Morgenluft atmende Instrumental "Three Nightingales" sowie das geheimnisvolle, von Feengesang getragene "The World Beyond The Woods".
Schließlich und endlich kommen auch noch Freunde fernöstlicher Klänge mit "China Moon" und Liebhaber der ruhigen Momente von Chandeen mit "Light At The Edge Of The World" auf ihre Kosten.
Alle aufgezählten Vergleiche und Parallelen verdeutlichen einerseits wie vielseitig die Angels Of Venice arbeiten, sie zeigen andererseits aber auch, wie dicht das Feld schon bestellt ist, das die Amerikaner beackern. "Awake Inside A Dream" kann man somit sowohl dem Liebhaber als auch dem Einsteiger in die Klänge der "Heavenly Voices" empfehlen. Der Eine düfte sich über eine Bereicherung seiner CD-Sammlung freuen, der Andere einen guten Einblick in diese faszinierende Musik erhalten.
Lexis Wertung:
7,5 von 10 Sternen
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