Air: "10 000 Hz Legend" CD

Cover: Air: 10 000 Hz Legend CD © 2001, Source/Virgin

Es gibt Alben, die man mit einer derartigen Spannung erwartet, daß die Welt auf dem Weg vom Plattenhändler nach Hause den Atem anzuhalten scheint, bis das Werk endlich im heimischen CD-Player kreist. Der offizielle Zweitling von Air ist so ein Fall. Gründe dafür gibt es viele:

1998 schickten sich Air - damals noch mit dem Signum "French Band" auf dem Cover gepriesen - an, das europäische Festland mit einer Welle wohlig warmem Lounge-Pop zu durchfluten. Schmusig wabernde, leicht angestaubt wirkende Keyboards wurden harmonisch mit Vocoderstimmen und tuffigen Bläsersounds verwoben - Easy Listening ohne aufgezwungenen James Last-Swingrhythmus. Mit "Sexy Boy", "Kelly Watch The Stars" und "All I Need" (mit der Sängerin Beth Hirsch - später auch in einer Bankenwerbung zu hören) gelangen den Franzosen Jean Benoit Dunckel und Nicolas Godin sogar drei veritable Hits. Das zugehörige Album "Moon Safari" begeisterte Kritiker und Musikliebhaber derart, daß es in unzähligen Magazinen zur CD des Jahres gekürt wurde. Zu recht! Denn der Longplayer war eine handfeste Überraschung, wenn es sich auch um ein typisches Kind der 90er handelte.

Dem ausgeklungenen Jahrzehnt haben wir zu verdanken, daß Musiker und Hörer sich nicht mehr ihrer Wurzeln schämen müssen - nur aus Angst uncool zu sein. Gerade aus der Verarbeitung, Kombination und Interpretation der verschiedenen Einflüsse kann Neues entstehen. Air boten ein Paradebeispiel dafür. Ihr Debut "Moon Safari" darf also getrost als Meilenstein der Musikgeschichte angesehen werden.

Entsprechend hoch waren denn auch die Erwartungen an ihr Zweitwerk - gesteigert durch die lange Wartezeit. Für den Air-Fan gab es zwischenzeitlich Futter in Form einer Zusammenstellung alter Maxis unter dem Namen "Premiers Symptomes", die die Entwicklung der beiden Franzmänner verdeutlichte und das Prunkstück "Le Soleil Est Pres De Moi" endlich einem großen Publikum zugänglich machte. Eine weitere Etappe auf dem Weg zur hier zu besprechenden CD war der 2000er Soundtrack zu Sofie Coppolas Film "The Virgin Suicides". Die zugehörige Single "Playground Love" war genauso untypisch für die Musik, wie das Video mit den singenden Kaugummis(!) für den Film. Minimalistisch in Szene gesetzte Tristesse dominierte das Album - soundtracktypisch leider mit gar zu vielen Wiederholungen.

Das Jahr 2001 sollte nun das Jahr der Wahrheit werden. War der frische Wind der vielen Bands aus Frankreich nur ein laues Lüftchen gewesen, nur ein kurzlebiger Trend? Oder steckte doch mehr dahinter? Hatten sie noch mehr zu sagen? Air konnten eigentlich nur verlieren. Groß waren die Erwartungshaltungen nach dem denkwürdigen Debut. Aber sie haben gewonnen!

Dabei war ich mir dessen zu Anfang gar nicht so sicher. Die Single "Radio #1" verunsicherte im Vorfeld, bis man sie tatsächlich als Parodie auf das Dudelradio enttarnt hatte. Eine schmissige Popnummer mit singendem DJ und überbordendem Schlagzeugspiel am Schluß - doch, das hatte schon wieder was! Auch der erste Durchlauf des Longplayers mit dem retro-futuristischen Cover hinterlies erst einmal Ratlosigkeit. Waren das noch Air? Na klar doch! Gewichen waren Leichtigkeit und Unbekümmertheit. "10 000 Hz Legend" wirkte und wirkt schwer, intim, düster, opulent und vielschichtig. Die Musik von Dunckel und Godin ist einfach erwachsen geworden. Erhalten geblieben ist ihre Fähigkeit, mit gekonnt geschichteten Atmosphären in eine andere (Schein-) Welt einzuladen. Noch immer kann man sich in die Oevres von Air fallen lassen, in ihnen kuscheln. Nur sind die Wolken nicht mehr klein und fluffig, sondern regenschwer dunkel. Die Musik ist körperlicher geworden.

Da wirkt es fast nebensächlich, daß sie von vielen Gastmusikern unterstützt wurden. Über die Stimmung integriert sich z.B. auch der Gesang und die sperrige Mundharmonica von Querkopf Beck. Arrangements- und produktionstechnisch bieten Air so ziemlich alles auf, was derzeit machbar ist: rollende Drumloops, handgespieltes Schlagzeug, Gesang von Frauen, Männern, Chören und Computern, altmodische Synthesizerflächen, echte, teilweise bearbeitete Streicher, Harfen, Holzbläser, Pianos und Gitarren. Fett, warm und vollklingend abgemischt durchdringen die kleinen Breitwand-Sinfonien den gesamten beschallten Raum. Viele Tracks sind gar mehrteilig aufgebaut. Die Flut an Ideen macht das Monstrum "10 000 Hz Legend" auf den ersten Hör etwas undurchdringlich. Nie kommt aber der Eindruck auf, daß die Musik zerfasert wäre. Die Stücke gewinnen bei jedem Hören - auch beim 20. mal noch - und das Album wächst immer weiter zusammen. Reifeprüfung mit Bravour bestanden, alle Erwartungen weit übertroffen, bis jetzt mein Album des Jahres 2001!

Lexis Wertung:

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9,5 von 10 Sternen

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