Das Jahr, in dem das Album starb.So langsam mache ich mir Gedanken. Liegt es wirklich am Alter, am Altsackspruch "hab' ich schon gesehen, und zwar viel besser" oder liegt es doch an den Umständen? 2006 war für mich ein Jahr, in dem es nur wenig Musik gab, die mich vollends begeisterte. Musik, das war und ist nach meinem Verständnis große Kunst, die bewegt, zum Nachdenken anregt, überrascht, reizt und einen ein und dasselbe Kunstwerk wieder und wieder anhören lässt. Doch was blieb davon übrig im Jahre 2006? Nicht viel! Gerade mal 3 (in Worten drei) Alben und eine Hand voll Remixe und Singles. Selten habe ich so innovationsarme und begeisterungslose 12 Monate erlebt. Der Kunst, ein hochwertiges, geschlossenes Album zu produzieren, scheinen sich immer weniger Musiker zu hinzugeben. Schicke Einzeltracks ja, aber tragfähige Visionen? Fehlanzeige! Mit besagten 3 Ausnahmen. Es ist schon interessant, dass die frischesten Ideen ausgerechnet aus dem Recyclinglager, der Remixbranche stammen. Ähnlich wie bei der Werbung scheinen sich hier, in der an sich funktional und kommerziell motivierten Verclubbungsmaschinerie kreative Nischen gebildet zu haben, die von begabten Produzenten mit Herz und Konsequenz ausgefüllt werden. Fehlendes Engagement und fehlenden Mut muss ich anno 2006 auch allen Szenebands zum Vorwurf machen - von den schon immer vorherrschenden handwerklichen Beschränkungen mal ganz abgesehen. Und Pop, Du armes Würstchen! Wo ist denn all Dein Glanz, Dein Pomp, Deine Wuchtigkeit, Deine zwingende Eingängigkeit hin? Robbie Williams, der angeblich größte Popstar des Moments, dümpelt mit halber Kraft orientierungslos seinem Nachfolger Timberlake hinterher. Die Pet Shop Boys demonstrieren Totalversagen bei neuen Tracks und selbst bei der Wiederaufführung alten Materials. Da hilft auch kein Orchester. Es ist zum Haareraufen. Zum Schluss auch noch zu Dir, Du sogenannten Musikindustrie: Warum lässt Du für teuer Geld Massen von großartigen Remixen anfertigen und bietest sie lediglich als Promos, nicht aber zum Verkauf an? Die Fans wollen es haben, aber Du bist unwillens oder schlicht zu blöd, vorhandenes Material einfach anzubieten. Was soll das? Doch genug des Lamentos. Richten wir den Fokus lieber auf die Highlights 2006: Alben des Jahres (Countdown): |
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| Trentemøller: "The Last Resort" DoCD | |
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#3 Dieser Mann machte Minimal House mainstreamfähig. Nach diversen Maxis und großartigen Remixen für die Pet Shop Boys und The Knife nun dieses überraschende Album. Hier wird Minimal mit Ambient und Naturinstumenten zu einer äußerst stimmigen und warmen Mischung addiert. Es fehlt nicht an zwingenden Beats und elastisch federnden Bässen. Elektronik, die groovt und rockt. (Tipp: Unbedingt die limitierte Doppel-CD besorgen mit einer Zusammenfassung der bisherigen Minimal House-Singles und EPs!) |
| Laibach: "Volk" CD | |
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#2 Unglaublich! Sie können es noch! "Volk" ist das wohl intelligenteste Album des Jahres. Textlich wie musikalisch basiert es auf Nationalhymnen aus 14 Staaten dieser Erde (incl. NSK, versteht sich). Laibach bauen daraus genauso zugängliche wie eindringliche Kommentare zur Zeitgeschichte. So und nicht anders stelle ich mir populäre Kunst vor! |
| The Knife: "Silent Shout" CD | |
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#1 Dass dieses das Album des Jahres wird, war mir eigentlich schon bei seinem Erscheinen klar. Olof und Karin Dreijer kehren nach ihrem etwas gezwungenen Ausflug in Popgefilde ("Deep Cuts") wieder zu ihren eigentlichen Wurzeln zurück und präsentieren sich stärker als je zuvor. Anfangs noch etwas widerborstig und spröde, dafür den Entdecker bei jedem Hören mit einer neuen Fassade belohnend, entfaltet dieser Longplayer eine Strahlkraft, die ihresgleichen sucht. "Silent Shout" ist ein künstlerisches Statement, das Selbstbewusstsein demonstriert, ohne selbiges vor sich herzutragen, denn es kommt tief aus dem Inneren der Künstler.
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Singles des Jahres (Countdown): | |
| Gwen Stefani: "Wind It Up" | |
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#2 Nein, eigentlich kann ich ihre Stimme nicht ausstehen. Aber, was Frau Stefani hier mit ihrem Produzenten-Team Neptunes zusammengeschraubt hat, lässt meinen Mund vor Staunen weit offen stehen. Brachiale Beats, verstimmte DAF-Sequencer-Linien und eine rummsende Blaskapelle. Wann gab's denn sowas schon einmal? |
| Covenant: "Ritual Noise" | |
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#1 Diese Single beinhaltet alles, was Covenant ausmacht: kühne, nordische Elektronik-Sounds, schlanke, treibende Beats, eine eingängige Melodie, passenden Gesang und den gewissen - dare I say - erotischen Kraftwerk-Touch. Dieser Track zwingt sogar Tanzscheue wie mich auf's Parkett. |
Remixes des Jahres (Countdown): | |
| Pet Shop Boys: "Fugitive (Richard X Extended Mix)" | |
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#3 (Von der Bonus-CD "Fundamentalism" zur limitierten Auflage des Albums "Fundamental") |
| Depeche Mode: "Martyr (diverse)" | |
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#2 Allesamt besser als die Originalversion, insbesondere die Mixes von Paul van Dyk (was angesichts seiner schleimigen Eigenveröffentlichungen durchaus überrascht). Ebenso auf den diversen Maxis zu finden: die hervorragenden Neubearbeitungen "Everything Counts (Stephan Huntemann & Oliver Bodzin Dub)" sowie "The Darkest Star (James Holden Remix)". |
| The Knife: "We Share Our Mother's Health (Trentemøller Remix)" | |
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#1 Das Gipfeltreffen der derzeit führenden Electroprotagonisten. Trentemøller und The Knife zeigen, wozu moderne Clubmusik heutzutage in der Lage ist. Tanzbare Kunst mit Spaß und jeder Menge Spielfreude. |
Funniest Tracks: | |
| Massiv in Mensch: "Toast" | |
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Dieser Track ist eine absolute Punktlandung! Wo Massiv in Mensch sich sonst schnell im Samplewald verirren, kulminiert hier alles in geschickt platzierten Zitatschnipseln von Alf und Schnappi. Herrlich sinnentleerter Spaß. |
| No Bra: "Munchausen (The Most Remix)" | |
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(Jaja, erschien eigentlich schon 2005, erreichte mich aber erst 2006.) Treffen sich zwei Tucken in einer Galerie und hauen sich die Taschen voll. Dazu brachiale EBM-Beats. Zitat: "My cock was once amputated after a motorcycle accident." - "Really? I was cremated once." - "Really? I was born with only one leg." - "Really? You know I think I fancy you." - "Really? So do I." |
MP3 des Jahres: | |
| Regina: "Minua Ollaan Vastassa" | |
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Was für ein süßes Stimmchen! Garniert mit einer hinreißenden Melodie und finnischem Exotenreiz. Zu haben in den Geschmacksrichtungen zarter Electropop (Original Version) und knalliger Electroclub (Tiger Baby Remix). (via Spreeblick.) |
DVD des Jahres: | |
| Deine Lakaien: "The Concert That Never Happened Before" | |
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Die Dokumentation des emotionsgeladenen, fantastischen Fankonzerts aus dem Vorjahr. Ernst Horn und Alexander Veljanov als Elektronik-Duo mit der Technik und dem Klang der Anfangstage. Ein ungekürzter und deshalb umso stimmungsvollerer Komplettmitschnitt, der beweist, warum die Lakaien eine der besten Bands Deutschlands sind. Unerreicht und fesselnd. |
Konzerte des Jahres: | |
| The Knife (11.08.2006, SonneMondSterne, Bleilochtalsperre Saalburg) | |
![]() © sloejoe |
#2 Sie sind Künstler durch und durch. Lange Jahre haben sie sich geweigert, live aufzutreten, bis sie endlich ein schlüssiges Konzept für die Bühnenumsetzung ihrer eigenwilligen Musik fanden. Völlig Antipop verstecken sie sich im Dunkel der Bühne und treten hinter einer fast schon verstörend entfremdeten 3-D-Show zwischen Cybespace und Theatergesten zurück. Ein konsequent zu Ende gedachtes Kleinod, das selbst auf eine festivalkompatible Playlist pfeift. Mutig und absolut liebenswert. |
| Covenant (02.02.2006, Factory Magdeburg) | |
![]() © Andy Nowak |
#1 So nah dran an der Umsetzung ihrer Vision waren Covenant wohl noch nie. Eine Bühnenshow wie aus einem Guss. Eine unglaublich dichte Atmosphäre, die Band unnahbar und dennoch mitten im Geschehen, dazu die umwerfende Lichtshow mit der riesigen LED-Wand von Stephan Aue. Pure Euphorie. |
Looooooooser des Jahres: | |
| Pet Shop Boys | |
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Wie eine einstmals führende Popband doch den Anschluss verlieren kann. Erst ein völlig reizloses Album mit halbherzig aufgewärmten Plattitüden, dem jeglicher Glamour fehlt. Dann die Verödung des eigenen Backkatalogs mit einem Radioorchester, die selbst vor schaurigsten Meuchelmorden an den Klassikern "Rent" (durch Neil Tennant) und "Jealousy" (durch Robbie Williams) nicht halt macht. Wie groß das Duo Tennant und Lowe einst war, führt allein die Dokumentations-DVD "A Life In Pop" noch schmerzlich vor Augen und Ohren. |
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