Ein Jahr zwischen Oomph! und Schnappi Oder: Nichts gelernt

Inzwischen verwundert es mich schon gar nicht mehr. Auch im Jahre 2004 versuchte die Musikindustrie wieder, das Interesse selbst des hartnäckigsten Musikfans mit einer nimmer enden wollenden Veröffentlichungsflut zu ersticken. In Schwindel erregender Hast wurde Themensau um Themensau durch das freiwillige Promo-Medien-Kartell getrieben, als gäbe es kein Morgen mehr.

Oomph! gehen in die Charts! Herzlichen Glückwunsch! What comes next?

Franz Ferdinand gehen in die Charts! Herzlichen Glückwunsch! What comes next?

Zur Abwechslung mal die Rechnung: Nach über 20 Jahren streckte es die gute alte Tante EfA nieder, einen der ersten und größten Independent-Vertriebe unseres Landes. Zig Labels und hunderte von Bands sämtlicher Stilrichtungen zog sie gleich mit in den Abgrund.

Dem Musik-TV erging es nicht besser. Nicht einmal die totale Jambafizierung konnte den strauchelnden VIVA-Konzern mehr vor der feindlichen Übernahme durch die MTViacom-Bande retten. Den Verlust des nie so recht aus den Startlöchern gekommenen Onyx bemerkte indes kaum noch jemand.

Am 25. Oktober verstarb Radio-Legende John Peel. Die Musikwelt reagierte wie gelähmt. Kaum eine international erfolgreiche Band der letzten 30 Jahre, die ihm nicht ihre Popularität auf dem europäischen Kontinent zu verdanken hätte. Wohl niemand wird je seine beiläufig geschnarrten Ansagen und seine herzinfarkt-gefährdenden Stilwechsel vergessen. Sein genreübergreifender Hunger nach frischer Musik war faszinierend und seine Peel-Sessions legendär.

R.I.P. auch Ray Charles, John Balance von Coil und Chrislo Haas von Liaisons Dangereuses (sowie früher DAF).

Gab es nichts Erfreuliches im Musikjahr 2004? Doch schon! Die nach endlosen Verzögerungen endlich gestarteten Downloadportale iTunes und Grenzwellen zum Beispiel. Auch das neue Selbstverständnis deutsch singender Bands fiel auf. Seit der Neuen Deutschen Welle waren deutsche Texte nicht mehr so zügellos, witzig und überraschend. Die Fantastischen Vier, Die Türen, Mediengruppe Telekommander oder Rammstein seien als Beispiele genannt.

Natürlich blieb auch dieses Jahr das "alles Nazi-Schlampen außer Mutti"-Gesülze verhinderter Linksintellektueller nicht aus. Diesmal auf der Anklagebank: Mia., Paul van Dyk und Peter Heppner sowie - besonders absurd - Virginia Jetzt! Blumfelds Jochen Distelmeyer entblödete sich sogar, dazu eines der dämlichsten Statements der gesamten Popgeschichte zu verfassen. Schön, dass wir drüber gesprochen haben. Aufreger des Jahres wurde man damit nicht mehr.

Da mussten schon größere Geschütze aufgefahren werden. In der Art von "Ey, Aggro Berlin, ey, Mann, Alter, wir werden Euch alle ficken, ey." beispielsweise. Von Sozialstudiumsabbrechern und Orientierung suchenden Modegangstern als street credibil verkannt, läutete SIDO mit derlei Sprachbeleidigungen tatsächlich fast das Ende des Abendlandes ein. Wäre da nicht dieses kleine Mädchen namens Joy gewesen, dass vor über drei Jahren ein wirklich entzückendes Liedchen über ein freches Krokodil eingesungen hatte. Just zu SIDOs 15 minutes of fame verbreitete sich ihr Song wie wild im Internet. Und als die Industrie über ein halbes Jahr später aus ihrem Dauerschlaf erwachte, war sogar für sie noch ein dicker Batzen Geld drin und alle waren happy - Download-Piraten wie böse, böse Majors gleichermaßen.

So war das im Jahre 2004. Was bei mir an Platten, Konzerten und Filmen in Erinnerung blieb, erfahrt Ihr im folgenden:

Die 10 besten Alben - der Countdown

Die Türen: "Das Herz war Nihilismus" CD
CD-Cover

#10

Wenn überhaupt einer den Spirit der Neuen Deutschen Welle wieder beleben könnte, dann die hier. Anarchie und schräger Spass. Absolut erfrischend.

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Skinny Puppy: "The Greater Wrong Of The Right" CD
CD-Cover

#9

Für Skuppy-Verhältnisse eigentlich ja nur ein lauer Aufguss, aber keiner kann's wie sie! Niemand ist je auch nur in die Nähe dieser Electrogötter gekommen. Das bewiesen sie auch 2004.

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Scala & Kolacny Brothers: "Dream On (German Edition)" DoCD
CD-Cover

#8

Die Überraschung des Jahres! Ein belgischer Mädchenchor covert Wolfsheim, Rammstein, Radiohead, Nirvana & Co. und entlockt den Originalen völlig neue Facetten.  Lexis kompletter Kommentar

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The Prodigy: "Always Outnumbered, Never Outgunned" CD
CD-Cover

#7

Freude durch Kraft. Diese CD versetzt Dich in Rage - wenn Du nur stark genug für sie bist! Die Zappel- und Kopf-gegen-die-Wand-hau-Platte des Jahres. Schade nur, dass die Kompositionen etwas mau sind. Aber wen kümmert's, wenn das Blut kocht?

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The Cure: "The Cure" CD
CD-Cover

#6

Mein Gott, Schmidtchen kann immer noch schreien, dass es einem Schauer über den Rücken jagt. Glaubwürdiges Leiden in diesmal ruppigem Klangbett.

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Stendal Blast: "Schmutzige Hände" CD
CD-Cover

#5

Diese Jungs schreiben schon seit Jahren den Soundtrack zu meinem Leben und treffen mich immer wieder ganz tief. Kaum jemand kann derzeit so präzise und intelligente Texte schreiben wie Sänger Kaaja Hoyda.  Lexis kompletter Kommentar

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John Alexander Ericson: "Songs For Quiet Souls" CD
CD-Cover

#4

Dieses Meisterwerk fragiler Klangkunst blieb der Öffentlichkeit viele Jahre lang vorenthalten. Dank an Martin Sprissler, der diese famose Perle ans Tageslicht förderte.  Robertos kompletter Kommentar

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Rammstein: "Reise, Reise" CD
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#3

Das Meisterwerk der rollenden "R"s. Herrlich gedrechselte Texte und perfekter Pop.  Lexis kompletter Kommentar

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Helium Vola: "Liod" CD
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#1 b

Ernst Horn ist und bleibt der Meister! "Liod" ist die kaum noch für möglich gehaltene Steigerung des Vorgängers "Helium Vola". Eine perfekt und anrührend in Szene gesetzte Frauengeschichte aus dem Mittelalter. Kompromisslose, große Kunst.  Lexis kompletter Kommentar

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Mediengruppe Telekommander: "Die ganze Kraft einer Kultur" CD
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#1 a

Keine andere Platte hat mich 2004 so aufgeputscht wie diese! Furioser Electro-Punk mit intelligenten deutschen Texten irgendwo zwischen Gesellschaftskritik, Ironie und Selbstverarschung. Voll auf die 12.  Lexis kompletter Kommentar

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Die Sonderpreise

Coverversion des Jahres
CD-Cover

William Shatner: "Common People" (vom Album "Has Been")

Der Song ist schon im Original von Pulp großartig. Doch was Captain "William Shatner" Kirk zusammen mit Ben Folds, Joe Jackson und einem mächtigen Chor aus der Nummer rausholt, ist umwerfend, unglaublich, fantastisch.

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Konzerte des Jahres
Live-Fotos
Kraftwerk & Scary Bitches

Kraftwerk (25.03.2005, Tempodrom Berlin)

Perfekter kann man ein Konzert nicht durchstylen. Atem beraubende Kombination aus mächtigen Sounds und riesigen Projektionen. Beeindruckend.

Goldfrapp (15.05.2004, Camp Music Festival, Motopark Oschersleben)

Auf diesem Techno-Festival deplatziert, dennoch überzeugend. Dreckig, sexy und lasziv.

Peter Gabriel (20.05.2004, Preussag-Arena Hannover)

Dieser Mann ist Gott. Großartiges Bühnenspektakel eines genialen, dennoch unendlich bescheidenen Musikers zusammen mit seinen nicht minder begabten Begleitern. Große Gefühle, große Show.

Knorkator (29.05.2004, Stadtfest Magdeburg)

Gröbster anzunehmender Unfug, der einen vor Vergnügen schreien lässt. Immer wieder.

Scary Bitches (12.06.2004, That Spring-Festival Magdeburg)

Ein paar englische Hausfrauen ziehen absurde lila Spinnenkostüme an und singen völlig bescheuerte Texte. Das Publikum kugelt sich vor lachen.

Klee (17.06.2004, FH-Mensa Magdeburg)

Auch live so herrlich "wie ein Lichtstrahl". Ich liebe ihren New Order-Bass-Sound und natürlich die überaus süße Suzie Kerstgens.*schmacht*

Die Türen (17.07.2004, Mikrokosmos Magdeburg)

Das schlecht besuchteste Konzert des Jahres, aber auch eins der besten. Live viel überzeugender und mitreißender als auf Platte. "Starkstrom-Elektriker rette mein Herz! Welt macht Kopf kaputt. Stoß macht Beule, Beule, Beule. Aua!"

Virginia Jetzt! (23.10.2004, Projekt 7 Magdeburg)

Virginia Jetzt! sind wie Klee mit männlichem Gesang - nur ohne Schmachtfaktor. ;-)

Archive (10.11.2004, SO36 Berlin)

Miese Location, beschissenes Publikum. Die Band überzeugte trotzdem. Ausufernde, kraftvolle 15-Minuten-Trips irgendwo zwischen großem Gefühlskino und Psychedelik.

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Filme des Jahres
Filmplakat

Spiderman 2

Seit "Terminator 2" habe ich im Kino nicht mehr so gestaunt und das ist 13 Jahre her! Einfach furioses Kino. Wahnsinn!

Die fetten Jahre sind vorbei

"Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand." - Eine leidenschaftliche deutsche Geschichte über das Ende von Jugend und Rebellion. So viele Fragen, wie dieser Film aufwirft, stellen sich manche Menschen in ihrem ganzen Leben nicht. Wichtig!

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Was meint Roberto?

Wer ist Lexi?

 

Anderer Leute Wertungen:

2004 Soundtracks: Der Jahresrückblick

2 Kommentare

I.M. Reisssack sagte am 24.01.2005 um 11:22 Uhr:

2004 Soundtracks

Meine 10 besten Alben 2004:

10 Archive: "Noise"
09 Speichler: "Halb Mensch-Halb Zahn"
08 Die Raketen: "Ahoi"
07 Kirlian Camera: "Invisible Front 2005"
06 Einstürzende Neubauten: "Perpetuum Mobile"
05 The Faint: "Wet from Birth"
04 Rotoskop: "meet: dazerdoreal"
03 Nick Cave: "Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus"
02 Xiu Xiu: "Fabulous Muscles"
01 Der Plan: "Die Verschwörung"

Beste Konzerte 2004:

Einstürzende Neubauten "Grundstück-Konzert"
03./04.Nov.,Volkspalast Berlin

Karl Bartos
Parkbühns Leipzig im Rahmen des WGT 2004

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Lexi sagte am 27.01.2005 um 00:35 Uhr:

2004 Soundtracks

Hiho Stefan,

schöne Idee, hier auch Deine Jahresendabrechnung zu posten.

Meine 10 besten Alben 2004:

10 Archive: "Noise"

Wahrscheinlich ist diese Platte nicht schlechter als das legendäre "You All Look The Same To Me", aber irgendwie war's nicht so ein Hammerschlag, weil der Überraschungseffekt fehlte.

Warst Du auch auf dem Konzert (das mit Band, nicht das Akustik) in Berlin?

09 Speichler: "Halb Mensch-Halb Zahn"

Was man auf der empfehlenswerten Webseite hören und sehen kann ist fürwahr noch kranker als der seelige Bodystyler.

08 Die Raketen: "Ahoi"

Hui, taugen die auch auf Albumlänge? Die Singles fand ich ja klasse.

07 Kirlian Camera: "Invisible Front 2005"

Im Gegensatz zu Roberto war mir die Band ja immer zu kalt.

06 Einstürzende Neubauten: "Perpetuum Mobile"

Ich weeß nich. Mir kommt's so vor, als ob Blixa und Co. immer weniger zu sagen haben und Platten nur noch machen, um Platten zu machen. Relevant sind sie leider nicht mehr. :-(

05 The Faint: "Wet from Birth"

Wenn Dir das gefällt, dann hör Ende Januar unbedingt mal in "Deep Cuts" von The Knife rein!!!

04 Rotoskop: "meet: dazerdoreal"

???

03 Nick Cave: "Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus"

Der hat mich mit "No More Shall We Part" leider vollends aus seiner "Höhle" vertrieben.

02 Xiu Xiu: "Fabulous Muscles"

???

01 Der Plan: "Die Verschwörung"

Echt? Haben die's noch drauf?

Beste Konzerte 2004:

Einstürzende Neubauten "Grundstück-Konzert"
03./04.Nov.,Volkspalast Berlin

Mein uneingeschränkter Neid ist bei Dir! Ich hab von dem zweiten (wohl öffentlichen) Konzert erst viel zu spät erfahren.

Karl Bartos
Parkbühns Leipzig im Rahmen des WGT 2004

Kalle versucht's ja am 24.03.2005 noch mal im rbb-Sendesaal / Berlin. Vielleicht klappt's diesmal ja mit Unterstützung von Radio Eins, dass das Konzert nicht schon wieder abgesagt wird.

Ein schönes Musikjahr 05 noch!

Lexi

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