Sparks: "Lil' Beethoven" CD

Cover: Sparks: Lil' Beethoven CD © 2002, Artful Records

"The Queen" is not amused

Extremer Funkenflug

Nein, es hat gewiss nicht an Missionierungsversuchen gemangelt! Von Ansagen wie: "...Ey Lexi, Du als alter Pet Shop Boys-Fan, Du müsstest doch mit den Sparks was anfangen können...", bis hin zu wirklich lieb gemeinten CD-Kopien und sorgsam zusammengestellten Best Of-Compilations war alles dabei und ... erfolglos. Denn bis heute ist mir der Kult um das ach so verschrobene Bruderpaar Ron und Russell Mael ebenso ein Rätsel wie der Vergleich zu den im Unterschied dazu wahrhaftig stilvollen und treffsicheren Pet Shop Boys.

"Du hast die Sparks einfach nicht verstanden und besitzt keinen Humor", höre ich die Fans schon sagen. Doch was bitte ist so komisch an hölzern vorgetragenen Altherrenwitzen aus dem Archiv halbtoter Hitlerimitatoren? Was bitte ist so unterhaltsam an schablonenhaften und überraschungslosen ein-Ideen-Songs? Und was bitte ist so mitreissend an einer Band, die permanent versucht, etwas darzustellen, was sie nicht ist?

Vor allem letzteres scheint mir nämlich das größte Problem der Maels zu sein. Denn was Anfang und Mitte der 70er mit Opera Rock, wie ihn The Queen kurze Zeit später perfektionieren sollten, noch funktionierte, scheiterte schon Ende desselben Jahrzehnts im Gewand blutleerer Discoversuche und fand seinen traurigen Höhepunkt in dünnbrüstigen Elektronik-Popnümmerchen der 80er und 90er.

Jaja, ich weiss, das ist doch alles nicht ernst gemeint und ich bin einer Persiflage aufgesessen... Doch so einfach ist das nun auch nicht, denn eine Parodie darf niemals schlecht sein! Die Sparks erinnern mich aber seither eher an einen Hobbyornithologen, der die Gesänge seiner "gefiederten Lieblinge" (man achte auf die standesgemäß altbackene Formulierung!) zu imitieren versucht, denn an einen Parodisten, der seine Umwelt genau beobachtet und einzelne, charakteristische Details ins Groteske übertreibt.

Stattdessen klingt alles wie schon einmal gehört und so abwechslungsreich wie eine Platte mit Sprung. Da macht auch das neue Album mit dem "zwinker winker, drei mal mit den Augen klimper"-Namen "Lil' Beethoven" keine Ausnahme. Selten, wirklich selten ist mir ein derart einfallsloses Werk untergekommen! Textlich wie musikalisch mit nur einer halbgaren, ausgelutschten Idee pro Song ausgestattet, hätte man es gut und gerne auf eineinhalb statt der angebotenen 41 Minuten zusammendampfen können.

Immerhin: es ist weitaus geschlossener ausgefallen und besser produziert als der demomäßige Vorgänger "Balls". Doch rettet das "Lil' Beethoven" auch nicht.

Angesichts der permanenten Wiederholungen und des zelebrierten Mittelmasses bleibt nur Langeweile. Schlimmer noch: Wo anfangs "The Rhythm Thief" wenigstens noch ein müdes Lächeln hervorruft, provoziert das Bi-Ba-Butzemann-Gekeife von "How Do I Get To Carnegie Hall?" schon den Ausruf "Ich hab's ja kapiert!". Im weiteren Verlauf beginnt "Ride 'em Cowboy" zu nerven, bevor man völlig gereizt auf "Ugly Boys With Beautiful Girls" - einer Art apokalyptischen Kombination aus hysterischer "Bohemian Rhapsody"-Kopie (Queen) und gackerndem Ententanz - reagiert. Auch das an- und abschliessende, etwas moderatere "Suburban Homeboy" verspricht erst Entspannung, nachdem der letzte Ton verklungen ist.

Also: "Alles Scheisse, Deine Elli"? Nicht ganz! Ich wäre wohl ein schlechter Kritiker, würde ich nicht auch nach ein wenig Licht auf dieser CD Ausschau halten - und komme es auch nur von Teelichtern: "My Baby's Taking Me Home" sowie das bereits erwähnte "The Rhythm Thief" versuchen zumindest mit diversen produktiontechnischen Tricks und wechselnden Arrangements aus dem Kreis der ewigen Wiederholungen auszubrechen und "I Married Myself" gibt sich sogar ansatzweise beschwingt - wenn auch aufgrund der stocksteifen Umsetzung nicht sonderlich überzeugend.

Summasummarum ist "Lil' Beethoven" leider eine öde und lustlose wie weitgehend humorfreie Farce auf sämtliche Stadien von Queen, deren Weg die Sparks seinerzeit ebneten. Wer Verve, Spass, Neues oder Überraschendes sucht, wird hier nicht fündig. Sämtliche Ideen wurden bereits von anderen Künstlern weitaus überzeugender umgesetzt.

Wer aber nach sieben Jahren immer noch über Rüdiger Hoffmann Standard-Begrüssung "Ja, hallo erstmal" lachen kann, der sollte vielleicht doch zugreifen.

In einer gerechten Welt wäre dieses Album weltweit wochenlang die Nummer 1 in allen Hitparaden. In einer gerechten Welt stünden Ron und Russell Mael auf einer Stufe mit 70er-Jahre-Ikonen wie DAVID BOWIE, QUEEN oder PINK FLOYD. In einer gerechten Welt wäre es für jede Plattenfirma eine Ehre, ein SPARKS-Album veröffentlichen zu dürfen. Doch diese Welt ist nicht gerecht - manchmal ist sie sogar erschreckend ungerecht.

Wirkliche Künstler haben darunter zu leiden: Künstler, die diejenige Art von Musik machen, auf die sie gerade Lust haben; Künstler, die von ihrer Hörerschaft Aufmerksamkeit fordern sowie die Fähigkeit, zu abstrahieren und zwischen den Zeilen zu lesen; Künstler, die manchmal sogar die Pop-Musik, die sie selbst produzieren, mit Humor und feinsinniger Ironie kritisieren. Und exakt solche Künstler sind die SPARKS, das wohl skurrilste Brüderpaar der Musikgeschichte.

Fünf wirkliche Hits hatten sie - in mittlerweile 30 Jahren Karriere ist das leider nicht die Quote, die eine Band in den Superstar-Status aufsteigen lässt. Auch "When Do I Get To Sing 'My Way'?" ist schon wieder acht Jahre her und war bereits 2000 quasi vergessen, als Ron und Russell Mael mit ihrem kommerziellen Album-Flop "Balls" und einer katastrophal besuchten Tournee ihre bis heute letzten Lebenszeichen in Deutschland von sich gaben.

Nun sind die beiden Veteranen zurück - und wie: So virtuos und schräg wie höchstens auf ihrem 1974er-Werk "Kimono My House", mit dessen Single "This Town Ain't Big Enough For Both Of Us" ihnen weiland der internationale Durchbruch gelang. "Lil' Beethoven" heißt das neue SPARKS-Oeuvre, das mittlerweile 19. Studio-Album ihrer Bandgeschichte. Wohl nicht zufällig findet man hier genau neun Tracks - Meister Ludwig hatte schließlich einst ebenfalls neun Sinfonien komponiert.

Hier in Deutschland ist das Album nicht leicht zu bekommen, höchstens die großen Mailorders "amazon" und "jpc" haben es auf Lager; und wenn man sich diese Scheibe einmal intensiv angehört hat, dann weiß man auch, warum keine deutsche Plattenfirma sie anfassen wollte: Sie wird sich nie und nimmer kostendeckend verkaufen. "Lil' Beethoven" ist einer der kompromisslosesten Tonträger, die jemals erschienen sind. Diese CD ist anstrengend, tuntig und schrill, mag auf viele unbedarfte Hörer sogar schlicht nervig wirken. Selbstverständlich gibt es keinen Titel, der sich als Single, geschweige denn als Radio-Titel eignen würde.

Zwar schreiben die SPARKS nach wie vor großartige, zeitlose Popsongs, doch haben sie diese auf ihrem neuen Werk in ein barockes, klassizistisches Gewand gesteckt - also ebenfalls passend zum Titel. Vielleicht ist "Lil' Beethoven" sogar die elektronischste Platte, die die Mael-Brüder je gemacht haben, doch findet man auf ihr paradoxerweise keinen einzigen typischen Synthesizer-Sound: Fast das gesamte Album ist mit Streicher- und Piano-Klängen, Orchester-Sounds und zahlreichen Vokal-Samples instrumentiert, nur auf zwei Titeln gibt es überhaupt Schlagzeug und Gitarre zu hören.

Doch die SPARKS wissen, was sie tun: Sie haben nicht nur die Strukturen der Pop-Musik verstanden und geschickt aufgebrochen - nein, sie singen sogar darüber: Schon der Opener "The Rhythm Thief" macht dem Hörer klar, warum es auf "Lil' Beethoven" (fast) kein Schlagwerk gibt. Vielleicht schaffen es Ron und Russell auf diese Weise ja tatsächlich in die seriöse "Carnegie Hall", in der sie so gerne einmal auftreten würden - zu wünschen wäre es ihnen.

Wie immer bei den SPARKS sind auch auf "Lil' Beethoven" die Texte eine besondere Erwähnung wert: "I Married Myself" ist eine wundervoll augenzwinkernde Ballade über die Sehnsüchte des Alleinseins. Die längst fällige, pointierte Abrechnung mit den Rotzlöffeln, die auf MTV vermeintlich authentische Grunge-Klischees präsentieren und damit seit 15 Jahren eine ganze Generation verderben, folgt auf dem Fuße: Eine so herrlich naive Frage wie "What Are All These Bands So Angry About?" können einfach nur die SPARKS stellen. Wer seine Freundin an einen hässlichen Zeitgenossen verlor, der findet in "Ugly Guys With Beautiful Girls", das musikalisch den guten Momenten von FAITH NO MORE zur Ehre gereichen würde, die Antwort auf die Frage nach dem Warum.

Virtuos kommt "Your Call's Very Important To Us. Please Hold." daher, das sich auf Basis einer schlichten Ansage aus der Telefon-Warteschleife immer weiter steigert und letztlich fast in eine Sinfonie mündet. Hier wird der Gedanke der Minimal-Musik mit dem der "musique concrete" verwoben und so geschickt überzeichnet, dass es eine wahre Freude ist - denn im Gegensatz zu den klassischen Minimal-Akademikern hört man den SPARKS den Spaß an, den sie während der Aufnahme gehabt haben müssen.

Einen ähnlichen Aufbau hat "My Baby's Taking Me Home", das in seiner schier unendlichen, repetitiven Simplizität fast schon eine Kritik an Popmusik an sich darstellt - großartig! Stereo- und Hall-Effekte werden hier mit bis zum Exzess ausgereizten Filterspielchen zu einem hymnischen Opus aufgebauscht, das weltweit seinesgleichen sucht. Und selbst in den nur zehn kurzen Textzeilen dieses Songs, der inhaltlich einen romantischen, alkoholisierten Heimweg zu zweit beschreibt, findet sich mit "A rainbow forms - but we're both colorblind" eines der schönsten und humorvollsten lyrischen Bilder des Jahres.

Die SPARKS haben mit "Lil' Beethoven" ein absolut bemerkenswertes Alterswerk vorgelegt: Sie haben sämtliche Spielarten der Popular-Musik verstanden und karikieren diese auf grandios-augenzwinkernde Art und Weise. Immerhin haben sie mit ihrem neuen Album auch ein vielleicht letztes Mal für ein richtiges Rauschen im Blätterwald der internationalen Musikpresse gesorgt: Der "Record Collector" nennt das Album ein "in sich schlüssiges Meisterwerk", "Time Out" bezeichnet die CD stilecht als "eine perfekte Pop-Konfektion". Der "Daily Telegraph" nennt Ron und Russell Mael in Anlehnung an FRANK ZAPPA gar die "Brothers Of Re-Invention", "The Independent" lobt ihre neue Platte als ein "Epos des Nonkonformismus". Das "Mojo Magazine" bezeichnet "Lil' Beethoven" als "das ureigene 'Kid A' der SPARKS" und bescheinigt den Brüdern in humorvoller Manier, sie seien quasi wie RADIOHEAD, sähen halt einfach nur besser aus.

Recht haben sie alle - doch ein so hoch gelobtes Album wie "Lil' Beethoven" kann und wird sich nicht gut verkaufen. Leider, denn die Welt ist manchmal eben doch verdammt ungerecht. "BBC.com" geht daher noch einen Schritt weiter: "In manchen Fällen ist es an Ihnen, lieber Leser, in die Welt hinauszugehen und ihr zu erzählen, was bisher gefeht hat. Das neue SPARKS-Album ist definitiv so ein Fall."

Ich kann mich auch hier nur kommentarlos anschließen. Vom Humor, vom Understatement, vom Stil, vom Können und von der Eigenständigkeit der SPARKS düfen sich viele Bands getrost eine ganz, ganz dicke Scheibe abschneiden. Von wie vielen Künstlern auf diesem Planeten darf man dies mit Fug und Recht behaupten?

"Lil' Beethoven" sind 41 einzigartige Minuten Musik für eine gerechtere Welt.

Lexis Wertung:

* * * - - - - - - -

3 von 10 Sternen

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Robertos Wertung:

* * * * * * * * * *

10 von 10 Sternen

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Anderer Leute Wertungen:

Sparks: "Lil' Beethoven" CD

3 Kommentare

rudi michel sagte am 07.06.2005 um 16:59 Uhr:

Sparks: Lil' Beethoven CD

Hallo,
ihr seid vielleicht meine letzte Rettung. Ich bin auf eure Web side gekommen, weil ich Original Titel und Gruppe von einem Refrain "The opera, the opera , we don´t like hte opera" suche. Vielleicht habt ihr ja eine Idee, wenn ihr euch im opera-rock Bereich auskennt.

Über Antwort würde ich mich freuen!
Gruß
Rudi

p.S. Entschuldigung, das ich eure E-mail Sparte umfunktioniert habe.

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Lexi sagte am 07.06.2005 um 21:34 Uhr:

Sparks: Lil' Beethoven CD

Hi Rudi,

ihr seid vielleicht meine letzte Rettung. Ich bin auf eure Web side gekommen, weil ich Original Titel und Gruppe von einem Refrain "The opera, the opera , we don´t like hte opera" suche. Vielleicht habt ihr ja eine Idee, wenn ihr euch im opera-rock Bereich auskennt.

So ad hoc fällt mir dazu leider auch nichts Passendes ein. Google hilft in diesem Fall ebenfalls nicht weiter.

Ich kann mich nur noch verschwommen daran erinnern, dass Achim Mentzel (ja, genau der!) mal einen Song hatte, der so ging: "Die Opera, die Opera - ja, die ist für alle da". Das würde zum Sprachrhythmus passen. Und wenn ich danach google, bekomme ich einen Verweis auf ein Forum, in dem Folgendes steht:

| Deutsche Version von Dizzy Mans Band's -
| The Opera ?

|Ich weiß, das Achim Mentzel im Osten eine
|Coverversion rausgebracht hat: "Die Opera,
|die Opera, ja die ist für alle da..." Kann
|aber sein, dass das auch nur nachgesungen war.

Okay, nun nach Dizzy Man's Band googeln. Führt dort hin:

http://www.outcast.demon.nl/files/teksten/the_opera.htm

Da heißt es im Text aber:

"The Opera, the Opera
We all like the Opera"

Hier zu hören:

http://home.ripway.com/2005-1/241871/mei2004/dizzymansband.wma

Teste das doch mal an. Vielleicht ist Dein gesuchter Song eine Coverversion davon mit anderem Text? Dann kommst Du mit den Namen der Komponisten weiter.

Ansonsten: Wer fällt mir noch zum Thema Opera-Rock/Pop ein? Sparks, Queen und Malcolm McLaren.

Viel Glück bei der Suche!

Lexi

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Roberto sagte am 31.08.2009 um 19:34 Uhr:

The Opera, The Opera

Zitat von rudi michel:
... Original Titel und Gruppe von einem Refrain "The opera, the opera , we don´t like the opera" ...

Naja, es hat zwar mehr als 4 Jahre gedauert, aber dafür habe ich nun tatsächlich die Lösung. "Bremen Eins" sei Dank, denn dort lief in der allabendlichen Wunschsendung soeben exakt der von Dir gesuchte Titel:

"The Opera" von The Dizzy Man's Band

Besser spät als nie! ;-)

Synthetische Grüße,

Roberto

10 von 10 Sternen

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