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Nein, es hat gewiss nicht an Missionierungsversuchen gemangelt! Von Ansagen wie: "...Ey Lexi, Du als alter Pet Shop Boys-Fan, Du müsstest doch mit den Sparks was anfangen können...", bis hin zu wirklich lieb gemeinten CD-Kopien und sorgsam zusammengestellten Best Of-Compilations war alles dabei und ... erfolglos. Denn bis heute ist mir der Kult um das ach so verschrobene Bruderpaar Ron und Russell Mael ebenso ein Rätsel wie der Vergleich zu den im Unterschied dazu wahrhaftig stilvollen und treffsicheren Pet Shop Boys.
"Du hast die Sparks einfach nicht verstanden und besitzt keinen Humor", höre ich die Fans schon sagen. Doch was bitte ist so komisch an hölzern vorgetragenen Altherrenwitzen aus dem Archiv halbtoter Hitlerimitatoren? Was bitte ist so unterhaltsam an schablonenhaften und überraschungslosen ein-Ideen-Songs? Und was bitte ist so mitreissend an einer Band, die permanent versucht, etwas darzustellen, was sie nicht ist?
Vor allem letzteres scheint mir nämlich das größte Problem der Maels zu sein. Denn was Anfang und Mitte der 70er mit Opera Rock, wie ihn The Queen kurze Zeit später perfektionieren sollten, noch funktionierte, scheiterte schon Ende desselben Jahrzehnts im Gewand blutleerer Discoversuche und fand seinen traurigen Höhepunkt in dünnbrüstigen Elektronik-Popnümmerchen der 80er und 90er.
Jaja, ich weiss, das ist doch alles nicht ernst gemeint und ich bin einer Persiflage aufgesessen... Doch so einfach ist das nun auch nicht, denn eine Parodie darf niemals schlecht sein! Die Sparks erinnern mich aber seither eher an einen Hobbyornithologen, der die Gesänge seiner "gefiederten Lieblinge" (man achte auf die standesgemäß altbackene Formulierung!) zu imitieren versucht, denn an einen Parodisten, der seine Umwelt genau beobachtet und einzelne, charakteristische Details ins Groteske übertreibt.
Stattdessen klingt alles wie schon einmal gehört und so abwechslungsreich wie eine Platte mit Sprung. Da macht auch das neue Album mit dem "zwinker winker, drei mal mit den Augen klimper"-Namen "Lil' Beethoven" keine Ausnahme. Selten, wirklich selten ist mir ein derart einfallsloses Werk untergekommen! Textlich wie musikalisch mit nur einer halbgaren, ausgelutschten Idee pro Song ausgestattet, hätte man es gut und gerne auf eineinhalb statt der angebotenen 41 Minuten zusammendampfen können.
Immerhin: es ist weitaus geschlossener ausgefallen und besser produziert als der demomäßige Vorgänger "Balls". Doch rettet das "Lil' Beethoven" auch nicht.
Angesichts der permanenten Wiederholungen und des zelebrierten Mittelmasses bleibt nur Langeweile. Schlimmer noch: Wo anfangs "The Rhythm Thief" wenigstens noch ein müdes Lächeln hervorruft, provoziert das Bi-Ba-Butzemann-Gekeife von "How Do I Get To Carnegie Hall?" schon den Ausruf "Ich hab's ja kapiert!". Im weiteren Verlauf beginnt "Ride 'em Cowboy" zu nerven, bevor man völlig gereizt auf "Ugly Boys With Beautiful Girls" - einer Art apokalyptischen Kombination aus hysterischer "Bohemian Rhapsody"-Kopie (Queen) und gackerndem Ententanz - reagiert. Auch das an- und abschliessende, etwas moderatere "Suburban Homeboy" verspricht erst Entspannung, nachdem der letzte Ton verklungen ist.
Also: "Alles Scheisse, Deine Elli"? Nicht ganz! Ich wäre wohl ein schlechter Kritiker, würde ich nicht auch nach ein wenig Licht auf dieser CD Ausschau halten - und komme es auch nur von Teelichtern: "My Baby's Taking Me Home" sowie das bereits erwähnte "The Rhythm Thief" versuchen zumindest mit diversen produktiontechnischen Tricks und wechselnden Arrangements aus dem Kreis der ewigen Wiederholungen auszubrechen und "I Married Myself" gibt sich sogar ansatzweise beschwingt - wenn auch aufgrund der stocksteifen Umsetzung nicht sonderlich überzeugend.
Summasummarum ist "Lil' Beethoven" leider eine öde und lustlose wie weitgehend humorfreie Farce auf sämtliche Stadien von Queen, deren Weg die Sparks seinerzeit ebneten. Wer Verve, Spass, Neues oder Überraschendes sucht, wird hier nicht fündig. Sämtliche Ideen wurden bereits von anderen Künstlern weitaus überzeugender umgesetzt.
Wer aber nach sieben Jahren immer noch über Rüdiger Hoffmann Standard-Begrüssung "Ja, hallo erstmal" lachen kann, der sollte vielleicht doch zugreifen.
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In einer gerechten Welt wäre dieses Album weltweit wochenlang die Nummer 1 in
allen Hitparaden. In einer gerechten Welt stünden Ron und Russell Mael auf einer
Stufe mit 70er-Jahre-Ikonen wie DAVID BOWIE, QUEEN oder PINK FLOYD. In einer
gerechten Welt wäre es für jede Plattenfirma eine Ehre, ein SPARKS-Album
veröffentlichen zu dürfen. Doch diese Welt ist nicht gerecht - manchmal ist sie
sogar erschreckend ungerecht.
Wirkliche Künstler haben darunter zu leiden: Künstler, die diejenige Art von
Musik machen, auf die sie gerade Lust haben; Künstler, die von ihrer Hörerschaft
Aufmerksamkeit fordern sowie die Fähigkeit, zu abstrahieren und zwischen den
Zeilen zu lesen; Künstler, die manchmal sogar die Pop-Musik, die sie selbst
produzieren, mit Humor und feinsinniger Ironie kritisieren. Und exakt solche
Künstler sind die SPARKS, das wohl skurrilste Brüderpaar der Musikgeschichte.
Fünf wirkliche Hits hatten sie - in mittlerweile 30 Jahren Karriere ist das
leider nicht die Quote, die eine Band in den Superstar-Status aufsteigen lässt.
Auch "When Do I Get To Sing 'My Way'?" ist schon wieder acht Jahre her und war
bereits 2000 quasi vergessen, als Ron und Russell Mael mit ihrem kommerziellen
Album-Flop "Balls" und einer katastrophal besuchten
Tournee ihre bis heute letzten Lebenszeichen in Deutschland von sich gaben.
Nun sind die beiden Veteranen zurück - und wie: So virtuos und schräg wie
höchstens auf ihrem 1974er-Werk "Kimono My House", mit dessen Single "This Town
Ain't Big Enough For Both Of Us" ihnen weiland der internationale Durchbruch
gelang. "Lil' Beethoven" heißt das neue SPARKS-Oeuvre, das mittlerweile 19.
Studio-Album ihrer Bandgeschichte. Wohl nicht zufällig findet man hier genau
neun Tracks - Meister Ludwig hatte schließlich einst ebenfalls neun Sinfonien
komponiert.
Hier in Deutschland ist das Album nicht leicht zu bekommen, höchstens die großen
Mailorders "amazon" und "jpc" haben es auf Lager; und wenn man sich diese
Scheibe einmal intensiv angehört hat, dann weiß man auch, warum keine deutsche
Plattenfirma sie anfassen wollte: Sie wird sich nie und nimmer kostendeckend
verkaufen. "Lil' Beethoven" ist einer der kompromisslosesten Tonträger, die
jemals erschienen sind. Diese CD ist anstrengend, tuntig und schrill, mag auf
viele unbedarfte Hörer sogar schlicht nervig wirken. Selbstverständlich gibt es
keinen Titel, der sich als Single, geschweige denn als Radio-Titel eignen würde.
Zwar schreiben die SPARKS nach wie vor großartige, zeitlose Popsongs, doch haben
sie diese auf ihrem neuen Werk in ein barockes, klassizistisches Gewand gesteckt
- also ebenfalls passend zum Titel. Vielleicht ist "Lil' Beethoven" sogar die
elektronischste Platte, die die Mael-Brüder je gemacht haben, doch findet man
auf ihr paradoxerweise keinen einzigen typischen Synthesizer-Sound: Fast das
gesamte Album ist mit Streicher- und Piano-Klängen, Orchester-Sounds und
zahlreichen Vokal-Samples instrumentiert, nur auf zwei Titeln gibt es überhaupt
Schlagzeug und Gitarre zu hören.
Doch die SPARKS wissen, was sie tun: Sie haben nicht nur die Strukturen der
Pop-Musik verstanden und geschickt aufgebrochen - nein, sie singen sogar
darüber: Schon der Opener "The Rhythm Thief" macht dem Hörer klar, warum es auf
"Lil' Beethoven" (fast) kein Schlagwerk gibt. Vielleicht schaffen es Ron und
Russell auf diese Weise ja tatsächlich in die seriöse "Carnegie Hall", in der
sie so gerne einmal auftreten würden - zu wünschen wäre es ihnen.
Wie immer bei den SPARKS sind auch auf "Lil' Beethoven" die Texte eine besondere
Erwähnung wert: "I Married Myself" ist eine wundervoll augenzwinkernde Ballade
über die Sehnsüchte des Alleinseins. Die längst fällige, pointierte Abrechnung
mit den Rotzlöffeln, die auf MTV vermeintlich authentische Grunge-Klischees
präsentieren und damit seit 15 Jahren eine ganze Generation verderben, folgt auf
dem Fuße: Eine so herrlich naive Frage wie "What Are All These Bands So Angry
About?" können einfach nur die SPARKS stellen. Wer seine Freundin an einen
hässlichen Zeitgenossen verlor, der findet in "Ugly Guys With Beautiful Girls",
das musikalisch den guten Momenten von FAITH NO MORE zur Ehre gereichen würde,
die Antwort auf die Frage nach dem Warum.
Virtuos kommt "Your Call's Very Important To Us. Please Hold." daher, das sich
auf Basis einer schlichten Ansage aus der Telefon-Warteschleife immer weiter
steigert und letztlich fast in eine Sinfonie mündet. Hier wird der Gedanke der
Minimal-Musik mit dem der "musique concrete" verwoben und so geschickt
überzeichnet, dass es eine wahre Freude ist - denn im Gegensatz zu den
klassischen Minimal-Akademikern hört man den SPARKS den Spaß an, den sie während
der Aufnahme gehabt haben müssen.
Einen ähnlichen Aufbau hat "My Baby's Taking Me Home", das in seiner schier
unendlichen, repetitiven Simplizität fast schon eine Kritik an Popmusik an sich
darstellt - großartig! Stereo- und Hall-Effekte werden hier mit bis zum Exzess
ausgereizten Filterspielchen zu einem hymnischen Opus aufgebauscht, das weltweit
seinesgleichen sucht. Und selbst in den nur zehn kurzen Textzeilen dieses Songs,
der inhaltlich einen romantischen, alkoholisierten Heimweg zu zweit beschreibt,
findet sich mit "A rainbow forms - but we're both colorblind" eines der
schönsten und humorvollsten lyrischen Bilder des Jahres.
Die SPARKS haben mit "Lil' Beethoven" ein absolut bemerkenswertes Alterswerk
vorgelegt: Sie haben sämtliche Spielarten der Popular-Musik verstanden und
karikieren diese auf grandios-augenzwinkernde Art und Weise. Immerhin haben sie
mit ihrem neuen Album auch ein vielleicht letztes Mal für ein richtiges Rauschen
im Blätterwald der internationalen Musikpresse gesorgt: Der "Record Collector"
nennt das Album ein "in sich schlüssiges Meisterwerk", "Time Out" bezeichnet die
CD stilecht als "eine perfekte Pop-Konfektion". Der "Daily Telegraph" nennt Ron
und Russell Mael in Anlehnung an FRANK ZAPPA gar die "Brothers Of Re-Invention",
"The Independent" lobt ihre neue Platte als ein "Epos des Nonkonformismus". Das
"Mojo Magazine" bezeichnet "Lil' Beethoven" als "das ureigene 'Kid A' der
SPARKS" und bescheinigt den Brüdern in humorvoller Manier, sie seien quasi wie
RADIOHEAD, sähen halt einfach nur besser aus.
Recht haben sie alle - doch ein so hoch gelobtes Album wie "Lil' Beethoven" kann
und wird sich nicht gut verkaufen. Leider, denn die Welt ist manchmal eben doch
verdammt ungerecht. "BBC.com" geht daher noch einen Schritt weiter: "In manchen
Fällen ist es an Ihnen, lieber Leser, in die Welt hinauszugehen und ihr zu
erzählen, was bisher gefeht hat. Das neue SPARKS-Album ist definitiv so ein
Fall."
Ich kann mich auch hier nur kommentarlos anschließen. Vom Humor, vom
Understatement, vom Stil, vom Können und von der Eigenständigkeit der SPARKS
düfen sich viele Bands getrost eine ganz, ganz dicke Scheibe abschneiden. Von
wie vielen Künstlern auf diesem Planeten darf man dies mit Fug und Recht
behaupten?
"Lil' Beethoven" sind 41 einzigartige Minuten Musik für eine gerechtere Welt.
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