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Jaja, der Herbie. Wenn man sich überlegt, wie plump er (z.B. mit "Kinder an die
Macht") zu Beginn der 80er Jahre mal angefangen hat, dann mag man kaum glauben,
dass ein Meisterwerk wie "Der Weg" knapp 20 Jahre später aus der Feder des
gleichen Künstlers stammt. Hätte mich Herr GRÖNEMEYER 1984 gefragt, ob er sich
eher der Schauspielerei oder der Musik widmen solle - ich hätte ihm ohne jeden
Zweifel die cineastische Karriere ans Herz gelegt. Schließlich machte er in
Wolfgang Petersens Klassiker "Das Boot" in der Rolle des Kriegsberichterstatters
Werner eine deutlich bessere Figur als auf seinen unbeholfenen frühen
Schallplatten.
Doch natürlich hat er mich nicht gefragt. Und kurz nach dieser Phase der
Unentschlossenheit, während der er künstlerisch auf zwei Hochzeiten tanzte,
sollte ihm mit seinem Album "4630 Bochum" und dem Hit "Männer" der große
musikalische Durchbruch gelingen. Zwar war diese LP schon ein deutlicher Schritt
nach vorn, doch klingt sie für mich an vielen Stellen zu bierernst und
musikalisch viel zu deutsch: Bis zum heutigen Tag sind GRÖNEMEYERs größtes
Problem seine rockigen Songs - stets hören sie sich an, als würde eine
mittelmäßige teutonische Schützenfest-Kapelle versuchen, so zu spielen wie ihre
großen amerikanischen Vorbilder. Auch auf HERBERTs neuem Album "Mensch" finden
sich mit "Neuland", "Viertel vor" und "Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht"
leider wieder drei solcher Ausreißer; hier fehlt es ihm und seinen
Begleitmusikern einfach an musikalischer Eleganz, Gewitztheit und handwerklicher
Fähigkeit.
Im Gegenzug hat GRÖNEMEYER immer dann seine stärksten Momente, wenn er sich auf
das Vortragen reduzierter, persönlicher Balladen spezialisiert: Nicht umsonst
nahm ich erstmals 1987 positive Notiz von ihm, als er mit "Halt' mich" ein zu
Tränen rührendes, fragiles Liebeslied darbot, das lediglich mit Klavierklängen
und sanften Streichern ausstaffiert war. Auch auf dem Nachfolgealbum "Luxus" gab
es mit dem zu Unrecht nie als Single veröffentlichten "Marie" ein ähnliches
Kleinod.
"Mensch", sein aktuelles Werk, schließt an vielen Stellen glücklicherweise
gerade an diese starken Traditionen an. Deutlich hörbar hat HERBERTs persönliche
Situation (der Tod seiner Frau und seines Bruders) einen großen Einfluss auf
sein Schaffen gehabt. Und je direkter und unverstellter er seinen Schmerz zum
Ausdruck bringt, desto großartiger ist das Ergebnis - selten habe ich ein
tragischeres Abschiednehmen hören dürfen als in "Der Weg":
"Bin viel zu träge um aufzugeben -
es wär' auch zu früh,
weil immer was geht..."
ist zweifelsohne eine
der resignierendsten und ehrlichsten Zeilen, die je geschrieben wurden.
"Ich geh' hier nicht weg,
hab' meine Frist verlängert -
habe Dich sicher in meiner Seele,
ich trag' Dich bei mir,
bis der Vorhang fällt"
formuliert
letztlich die Konklusion eines ergreifenden, lyrisch famosen ("...haben den
Regen gebogen...") Songs, der eindrucksvoll beweist, dass man bewegende Momente
tatsächlich in deutscher Sprache transportieren kann, ohne dabei in
peinlich-PURe Klischees abzudriften.
GRÖNEMEYERs hierzulande fast konkurrenzlose
Fähigkeit, auf bildhafte Art und Weise tiefe Emotionen herüber zu bringen, wird
auch in "Unbewohnt" deutlich, einer musikalisch recht elektronischen Ballade
über ungewollte Einsamkeit:
"Das Nichts steckt in jedem Detail -
in mir sind alle Zimmer frei."
Erstmals in der Geschichte GRÖNEMEYERs legt er mit "Mensch" ein überwiegend
elektronisches Album vor: Ist schon das sehr gute Titelstück eine clevere
Mischung aus einem groovenden Drumloop, auf dem die Gitarre gleichberechtigt
neben schwebenden Keyboardflächen zu hören ist, so macht insbesondere der zweite
Teil der CD deutlich, dass HERBERT die Studiotechnik mittlerweile (endlich) zur
Akzentuierung von Spannungen einzusetzen weiß - zweifelsohne der richtige Weg.
Der Telefon-Effekt auf seiner Stimme in "Dort und hier" ist dafür nur eines von
vielen Beispielen.
Auf Schlagzeugloops basieren auch "Blick zurück" und "Zum Meer", die ebenfalls
mit sanften Streichern angereichert sind und so eine filmische, fließende
Stimmung erzeugen. Das finale "Demo (Letzter Tag)" beginnt als ruhige
Pianoballade und entwickelt sich letztlich zu einem leichtläufigen, eleganten
Popsong - definitiv einer der Höhepunkte der CD.
Insgesamt ist "Mensch" ein Album, das alle Facetten des HERBERT GRÖNEMEYER
beleuchtet und (wie eigentlich fast immer) drei wirklich hervorragende Titel zu
bieten hat. Der Rest ist gehobener Durchschnitt, produktionstechnisch
mittlerweile auch international konkurrenzfähig - wären da nicht die oben
skizzierten, holprig-rockigen Versuche, die ihm wahrscheinlich niemals
überzeugend geraten werden. In der Garde der prominenten Deutsch-Rocker ist
GRÖNEMEYER jedoch ohnehin über jeden Zweifel erhaben - wenn man allerdings
bedenkt, was z.B. ein WESTERNHAGEN im Normalfall von sich gibt, dann liegt die
Messlatte hier auch nicht sonderlich hoch.
"Mensch" ist sicherlich in seiner Gänze kein Jahrhundertalbum, dafür aber
grundsolide gemacht und mit einigen wirklichen Highlights gespickt.
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Er war mein Feindbild, und was für eins! Keine Klassenfahrt verging, auf der ich nicht mehrmals am Tag mit den immergleichen Kassetten "Bochum", "Sprünge" und "Ö" malträtiert wurde. Noch schlimmer, ich musste auch noch ertragen, wie der östrogengeschwängerte Teil des Klassenkollektivs auf deutsch und die benachbarten Jugendherbergsbewohner auf sächsisch "Männer" zu intonieren versuchten.
Verantwortlich für dieses Trauma: der ausge"boot"ete Ex-Schauspieler Grönemeyer mit einer eher an Darmverstopfung denn an ausdrucksstarken Gesang erinnernden Press-Stimme. Dass ob der Nuschelei seine deutschen Texte kaum verständlich waren, mag wiederum als Vorteil gewertet werden. Denn hier ging es 80er Jahre-Deutschrock-typisch immer streng eindimensional, linear, politisch korrekt und betroffen zu. Lyrics mit eingebauter Lösung, die eigene Gedanken des Hörers gar nicht erst zulassen; wohlfeiles Konsensgelaber, tote Kunst.
Doch dann, 1990, die Wende - nicht die politische, sondern die des Herbert G. Plötzlich erschienen auf dem Album "Luxus" erste assoziative Texte, die es durchaus vertrugen und verdienten, von verschiedenen Seiten durchleuchtet und durchdacht zu werden. Überraschende Wortspiele begannen zu funkeln und Grönemeyer experientierte mit der deutschen Sprache ebenso wie mit aktuellen Musikströmungen. Eine Entwicklung, die in dem 98er Meilenstein "Bleibt alles anders" kulminieren und auch mich überzeugen sollte.
Damals, an diesem Höhepunkt, stellte sich die Frage, wie es nun weiter gehen sollte. Beantwortet wurde sie in einer an Tragik kaum zu überbietenden Dramatik. Ein halbes Jahr nach dem Erscheinen von "Bleibt alles anders" erlagen innerhalb nur einer Woche seine Frau und sein Bruder ihren langjährigen Krebsleiden. Es folgten Monate der Angst, über diesen Schmerz auch noch "die zweite Geliebte, die Musik zu verlieren", wie er es selbst glaubwürdig und treffend formulierte. Der Stärke seiner Tochter und seinem eigenen Mut ist es zu verdanken, dass er nicht nur die Kraft fand, wieder auf die Bühne zurückzukehren, sondern dass er anno 2002 auch wieder neues Songmaterial vorlegen konnte.
"Mensch" ist die Verarbeitung dieser Schicksalsschläge, aber auch das Aufzeigen von Wegen aus der Krise. Schon der vorab veröffentlichte Titelsong pendelt zwischen diesen beiden Polen:
"Es ist schon okay
Es tut gleichmäßig weh
Es ist Sonnenzeit
Ohne Plan ohne Geleit
Und der Mensch heisst Mensch
Weil er erinnert, weil er kämpft
Und weil er hofft und liebt
Weil er mitfühlt und vergibt
Und weil er lacht und weil er lebt
Du fehlst!"
Wann lagen Trost und Schmerz je so dicht beeinander?
Einzig und allein die musikalische Umsetzung fiel hier etwas unpassend durchschnittlich und massenkompatibel aus. Ein Versehen, das auf der Nachfolgesingle "Der Weg" korrigiert wurde. Kein Rhythmus, keine Band, nur ein zurückgenommenes Orgelspiel und dramaturgisch genauestens platzierte Streicherarrangements begleiten hier die intimen Gedanken, die Grönemeyer trocken, erstickt, direkt und unverhallt rezitiert. Die perfekte Umsetzung eines perfekten Textes, der nicht nur den Kopf erreicht, sondern ein ums andere Mal zu Herzen geht. Was für ein Kraftakt muss es gewesen, sein, diese fantastische Liebeserklärung, dieses letzte Geleit für seine geliebte Frau zu singen? Was für eine unmenschliche Anstrengung mag dahinterstecken, all seine Wunden zu öffnen und mit Worten zu beschreiben?
Wirklich jeder Satz ist ein poetisches Meisterwerk, faszinierende Bildersprache, die betört. "Wir ... haben den Regen gebogen" gehört vielleicht zu den schönsten Zeilen, die je ein Mensch für einen anderen gedichtet hat.
Ähnlich beklemmend und ergreifend geriet auch "Unbewohnt":
"Bin mein Radio, schalt mich aus
Würde mich gern verstehen,
Aber ich weiß nicht, wie das geht
Der Grundriss ist weg
Es tropft ins Herz
Der Kopf unmöbeliert und hohl
Keine Blumen im Fenster
Der Fernseher ohne Bild und Ton
Ich fühl mich unbewohnt"
Worte, wie man sie treffender nicht mehr formulieren kann! Text gewordende, übermannende Emotionen. Einmal mehr dominiert die nackte Stimme Grönemeyers. Das Arrangement ist dezent. Ungemein vielschichtige Streicherpassagen steigern die Dramatik, dass es einem die Kehle zuschnürt. Für mich zusammen mit "Der Weg" nicht nur einer der Höhepunkte des Albums sondern gleichsam des Jahres 2002!
Doch längst nicht alle Songs auf "Mensch" werden von dieser Trauer getragen. Der schmissige Mambo "Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht" scheint sich über allzu wehleidige Klagen gar lustig zu machen und gibt ein Patentrezept gegen den Blues des Alltags - eben "Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht!"
Auch die sehnsüchtigen Balladen "Dort und hier", "Blick zurück" und "Demo (Letzter Tag)" wirken nicht hoffnungslos sondern mutig und weise. "Zum Meer" schließlich ist der definitive Befreiungsschlag. Nach existenziellen Fragen und Zweifeln formuliert Grönemeyer die kraftspendende Durchhalteparole:
"Dreh Dich um, dreh Dich um
Dreh Dein Kreuz in den Sturm
Wirst Dich versöhnen, wirst gewähren
Selbst befreien für den Weg zum Meer"
Wie sehr er mit solchen Worten am Puls der Zeit liegt, zeigt nicht nur der immense Erfolg von Album und Single "Mensch", sondern auch "Neuland" - eine Bestandsaufnahme zur deutschen Befindlichkeit. Und hier darf er auch einmal politisch werden, wenn er so schöne Bilder findet wie diese:
"Komm in die Gänge, start den Motor im Kopf
Kein Gleichschritt, keine Zwänge
Beschleunige langsam hoch
Halte durch, du bist nicht mehr getrennt
Vergeude nicht dein Talent"
Leider vermag er dieses Niveau aber nicht aufrecht zu erhalten. Zeilen wie "ich mag dies Land, ich mag die Menschen, ich mag nicht den Staat" erinnern dann doch an bequeme Lichterketten und 80er Jahre-Betroffenheitslyrik.
Dennoch: Herbert Grönemeyer ist zurück, beeindruckend wie nie zuvor, unbesiegbar wie ein Lance Armstrong. Einer der besten deutschen Lyriker zurzeit!
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