Karl Bartos: "Communication" CD

Cover: Karl Bartos: Communication CD © 2003, Home Records/Sony

Anachronismus pur

1993 = 2003?

Es ist doch immer wieder bemerkenswert, welche Sogwirkung die eine oder andere Veröffentlichung auszuüben vermag: Anfang August brachten Kraftwerk nach langen Jahren der Abstinenz ihr Album "Tour De France Soundtracks" heraus - kaum einen Monat später folgt das ehemalige Bandmitglied Karl Bartos mit seiner neuen CD.

Bartos stand von 1974 bis 1991 zunächst als Live-Schlagzeuger in Diensten von Ralf Hütter und Florian Schneider, seit "Trans Europa Express" auch als derjenige Co-Komponist, dessen Einfluss besonders in den melodiösen, sonnendurchfluteten Kraftwerk-Tracks wie "Europa endlos" oder "Der Telefon-Anruf" hörbar wurde. Bartos war fast an allen wegweisenden Alben der Formation beteiligt, sein Name ist untrennbar mit Kraftwerk verbunden. Kurz nach Erscheinen der 1991er CD "The Mix" trennte er sich von Hütter und Schneider; als Begründung gab er neben den erkalteten menschlichen Beziehungen vor allem das langsame Arbeitstempo der Gruppe an.

Und während sich Kraftwerk nach "The Mix" fast eine Dekade lang in komplettes Schweigen hüllten, präsentierte Karl Bartos bereits 1993 - unterstützt von Ex-Rheingold-Sänger Lothar Manteuffel und Kraftwerk-Mentor Emil Schult - unter dem Namen Elektric Music sein Solo-Debut "Esperanto", mit dem er in Klang, Stil, Thematik und Artwork überdeutlich an die Kraftwerk-Alben "Radio-Aktivität", "Trans Europa Express" und "Computerwelt" anschloss. Auf jugendlich verspielte Weise verbreitete er seine Vision der technisierten globalen Kommunikation in Songs wie "TV", "Show Business" oder dem Titelstück "Esperanto" und bediente sich der bekannten Vocoder-Stimmen und ätherischen Synthesizer-Chöre. Auch in Bartos' Musik war die Symbiose von Mensch und Maschine zentrales Thema - bestens dokumentiert im von OMD-Frontmann Andy McCluskey intonierten "Kissing The Machine". In "Overdrive", "Lifestyle" und "Information" führte er die auf Kraftwerks "Electric Cafe" initiierte Idee der sich selbst sprechenden Computerstimmen weiter. Doch trotz dieser zahlreichen Parallelen und erheblicher Promotion blieb "Esperanto" kommerziell deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Ein gefrusteter Bartos tauchte ab, strich das charakteristische "k" aus seinem Projektnamen und kehrte 1996 als Electric Music mit einem halbherzigen Gitarren-Pop-Album zurück, für das er u.a. mit Johnny Marr (The Smiths) zusammengearbeitet hatte. Scheinbar wollte er krampfhaft beweisen, dass er auch anders kann - doch auch hier blieb der Verkaufserfolg aus. So daddelte sich Bartos durch die späten 90er, ehe er pünktlich zur "Expo 2000"-MCD seiner einstigen Weggefährten mit genau denjenigen Kraftwerk-Songs auf Solo-Tournee ging, an denen er einst als Co-Komponist beteiligt gewesen war. Paradoxerweise spielte Karl Bartos (und eben nicht Kraftwerk) auf der Weltausstellung in Hannover und versöhnte viele Fans, die mit den kühlen, digitalen Klängen ihrer alternden Heroen nichts mehr anfangen konnten.

Da wundert es kaum, dass Karl Bartos auch in 2003 die Chance nutzt, auf der Aufmerksamkeitswelle mitzuschwimmen, die seine ehemaligen Mitstreiter mit "Tour De France Soundtracks" aufgewühlt haben. Wie schon auf "Esperanto" versucht er, genau das zu fabrizieren, was Kraftwerk in den späten 70er und frühen 80er Jahren auszeichnete - melodiösen Elektro-Pop mit Vocoder-Gesang über technische Themen. Darüber, dass seine Herangehensweise dabei sogar noch anachronistischer ist als z.B. diejenige von Komputer, die bereits 1998 mit "The World Of Tomorrow" das definitive Kraftwerk-Tribut-Album herausgebracht haben, können auch das fette Mastering und die satten Drumsounds nicht hinwegtäuschen, die Bartos beidersamt offensichtlich seiner Zusammenarbeit mit dem Retro-Elektroniker Anthony Rother zu verdanken hat. Womit wir beim Kern der Sache angelangt wären: Karl Bartos zelebriert auf "Communication" mit gewohnt kindlicher Simplizität den Segen der globalen Vernetzung, lässt die Roboter-Stimme sprechen, die "Radio-Aktivität"-Chöre singen und spielt das Wellenklavier - was will das Herz des Kraftwerk-Nostalgikers mehr?

Einerseits lässt diese Herangehensweise "Communication" schon jetzt vollkommen altmodisch erscheinen - andererseits jedoch wird dieses Album gerade dadurch zu einem interessanten Kontrapunkt zu den nicht selten gar zu seelenlosen Veröffentlichungen gängiger Techno- oder Drum & Bass-Acts. Die Stärke der CD sind ganz deutlich die Songs mit den Bartos-typischen, optimistischen Melodielinien: "Life" bleibt sofort im Ohr, "Electronic Apeman" könnte gar direkt von den Spät-70er-Kraftwerk stammen. Diesem Song kommt zudem die Aufgabe zu, Bartos' Konzept ideologisch zu untermauern. Sehr direkt thematisiert er hier den Fortschrittsglauben, postuliert dabei jedoch, dass sich die Menschheit gerade erst im "electronic dawn", also in der Morgendämmerung der technischen Evolution befinde. Folgt man diesem Gedankengebilde, ist es nur folgerichtig, dass Bartos gar nicht erst versucht, zeitgemäß oder gar innovativ zu klingen, denn in ein paar Jahren hätte ihn die Zeit ohnehin wieder überholt. Dann also lieber kompromisslos "retro"...

Nicht allen Songs tut allerdings die stringente Simplizität wirklich gut: Der repetitiven Melodie von "Reality" hätten weitere Klangschichten zur Verstärkung ihres trance-artigen Charakters durchaus gut getan - in der jetzigen Form erscheint mir diese an sich wirklich gute Komposition leider nicht gänzlich zu Ende gedacht. Auch "Cyberspace" ist bei so wenig Ballast mit sechseinhalb Minuten Spielzeit schlichtweg zu lang ausgefallen. Der Rest der CD plätschert ohne nennenswerte Höhepunkte vor sich hin - da machen auch das bereits in 2000 als MCD veröffentlichte "15 Minutes Of Fame" und der klanglich satte, dafür melodisch zu bemüht wirkende Opener "The Camera" keine Ausnahme. Im Gegenzug wissen "Ultraviolet" und die Single "I'm The Message" gerade aufgrund ihrer Einfachheit zu überzeugen. Unter dem Strich bleiben vier bis fünf gute Songs, ein paar nette Sound- und Vocoderspielereien und die Gewissheit, dass man jeden Klang, den Karl Bartos hier benutzt, irgendwo schon einmal gehört hat - also doch irgendwie ein bißchen zu wenig.

Glücklicherweise ist "Communication" zusätzlich zur regulären Edition noch in einer limitierten Erstauflage erhältlich, die den Erwerb dann doch zur Pflicht macht: Neben der großartigen Verpackung im wertig bedruckten Digipak zum Auseinanderziehen bekommt der Käufer noch einen zusätzlichen Daten-Track geliefert, der zum exclusiven Download zweier Remix-Versionen von "I'm The Message" (von Orbital und Felix Da Housecat) berechtigt. Obendrauf gibt's das wahrlich großartige Video zu "I'm The Message" zu bestaunen, bei dem nun wirklich kein Wunsch mehr offen bleibt - genau so und nicht anders muss ein Clip zu dieser Art von Musik aussehen.

Das war ja irgendwie klar.

Kaum veröffentlichen die Urväter Kraftwerk nach jahrelanger Abstinenz ein neues Album, schon stehen auch ungeniert diverse Trittbrettfahrer in den Startlöchern, um ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Der einzige, dem man dies nicht übel nehmen kann, dürfte Karl Bartos sein - war er doch selbst 15 Jahre lang Mi(e)tmusiker bei den Elektro-Pionieren. Ein Fakt, dessen er sich durchaus bewusst ist.

Schon 1993 veröffentlichte er unter dem Projektnamen "Elektric Music" mit "Esperanto" exakt das Album, welches sich viele Kraftwerk-Fans von ihren alten Helden gewünscht hätten. Hemmungslos polierte er sämtliche Sounds des "Electric Cafe"-Albums von 1986 mit knackigen Beats und bewundernswert konsequenten Techno-Spielereien auf und strickte ein Konzept rund um die Themen Sprache und Kommunikation. Gelungen!

CD-Cover
Debut-Album "Esperanto"

1998 ließ er sich dann von der Britpop-Bewegung infizieren und erarbeitete zusammen mit Bernard Sumner und Johnny Marr die wohl erste vollelektronische Gitarrenplatte "Electric Music" (jetzt mit "c" geschrieben). Leider blieb bei diesen Experimenten (sämtliche Gitarrensounds waren gesampelt) aber die Musik und die Botschaft auf der Strecke. Das Werk floppte bei Kritikern wie Publikum. Emanzipation von seiner musikalischen Vergangenheit hin oder her: das interessierte wirklich niemanden.

Bartos zog den einzig logischen Schluss und kehrte zu seinen Leisten zurück. Die poppige 2000er Single "15 Minutes Of Fame" konnte trotz ihres strunzdummen Textes voll überzeugen. Das zugehörige Album sollte jedoch drei Jahre auf sich warten lassen.

Natürlich ist es "reiner Zufall", dass es auf einmal wenige Wochen nach der Kraftwerk-Veröffentlichung erscheint und hat damit rein "gar nichts zu tun".

"Communication" heißt das Werk und bietet genau das, was "15 Minutes Of Fame" versprach: sämtliche Sounds des "Electric Cafe"-Albums von Kraftwerk, aufpoliert mit knackigen Beats. Hatten wir schon mal? Richtig! "Communication" tut gerade so, als hätte es "Esperanto" nie gegeben. Und dieses Ausruhen auf den Lorbeeren der Vergangenheit ist es, was einem den Spaß an dieser Platte etwas verdirbt.

Die Songs sind durchschnittlich gut - nichts Besonderes. Allerorten furzt die Roboterstimme poesielose "as is"-Texte. Es wird beschrieben, was das Zeug hält und es bleibt wenig, ja zu wenig Platz für Tiefgang, künstlerische Verarbeitung oder gar schöne Sprachbilder. Bestenfalls führt die Reduktion zu einer gewissen Abstraktion. Denn ähnlich wie die Pictogramme im Booklet komprimieren die Texte die Sachverhalte. Das funktioniert an zwei Stellen sogar sehr gut:

So besteht "Reality" lediglich aus den vier Zeilen: "The image of the world we see - Turns into another reality - Can you feel it - Do you believe it". Der wunderschön entspannte Soundscape "Another Reality" reimt sogar noch kompakter: "Every second you can see - Twenty-four pictures of reality". Das ist fast schon genial und erübrigt eigentlich alle anderen bemühten Slogans zum Thema, die quer über die Platte verstreut sind.

So hätte sich "Communication" inhaltlich auch schon fast erschöpft, wenn sich Bartos nicht den Luxus einer ganz persönlichen Nummer geleistet hätte. "Life" fällt textlich wie musikalisch komplett aus dem Konzept. Oberflächlich gesehen, handelt es vom Ende einer Beziehung, dem Aufbruch in ein neues Leben und dem Blick zurück ohne Reue. Doch wer sagt, dass es hierbei nicht um die Beziehung zu den alten Kameraden von Kraftwerk geht...? Schade nur, dass der Song ansonsten so belanglos daherkommt.

"Communication" hat seine guten Momente auch eher in stringenten, harten Clubnummern wie "The Camera", "I'm The Message", "15 Minutes Of Fame" und allen voran "Ultraviolet". Sie alle funktionieren, weil sie den Körper sklavisch im Stakkato der Electrobeats zucken lassen. So kommen Fragen nach verborgenen Ebenen und Interpretationsmöglichkeiten gar nicht erst auf. Die nämlich sucht man auf dem neuen Bartos-Album vergeblich. Nicht eine Facette, nicht ein Sound, den man nicht schon beim ersten Durchlauf entdecken würde. Das macht mehrmaliges Hören zu einem gar fruchtlosen Unterfangen. "Communication" bietet einfach zu wenig Substanz und ist bei aller Gefälligkeit regelrecht zu Tode "minimalisiert".

Screenshot
Multimedia-Track auf der limited Edition.

Nachtrag: Wer der limitierten Ausgabe im Pappcover habhaft werden kann, sollte sofort zugreifen. Neben einem ausgeklügelten Schiebemechanismus (wenn man das Booklet auf der einen Seite herauszieht, schiebt sich auf der anderen Seite automatisch die CD heraus) bietet es nämlich noch das extrem gelungene Video zu "I'm The Message". Und das ist mit Verlaub das genialste Musikfilmchen seit Alex Gophers "The Child". Nur anhand von Icons wird hier die Geschichte eine Sportfotografen erzählt. So plastisch und direkt hat noch keiner Musik in Bilder umgesetzt! Dem Album selbst hilft das aber auch nicht...

Robertos Wertung:

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5,5 von 10 Sternen

Wer ist Roberto?

Lexis Wertung:

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7 von 10 Sternen

Wer ist Lexi?

 

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