Archive: "You All Look The Same To Me" CD

Cover: Archive: You All Look The Same To Me CD © 2002, East West

TripHop meets 70s

Ein pompöses Kid B

Na, da wagt sich doch glatt mal wieder eine Band an die 70er Jahre heran. Und damit meine ich nicht die Disco-70er mit JOHN TRAVOLTA, OLIVIA NEWTON-JOHN oder den BAY CITY ROLLERS; auch nicht den Glam-Rock von T.REX, GARY GLITTER oder SWEET. Nein, die Klänge, die uns die Briten ARCHIVE auf ihrem mittlerweile dritten Album "You All Look The Same To Me" präsentieren, haben ihre Wurzeln in den "Psychedelic 70s" - also einerseits in den Epen von PINK FLOYD oder JETHRO TULL, andererseits in der "Krautrock"-Ästhetik von NEU! oder den ganz frühen KRAFTWERK. Dies mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, doch den englischen Monumental-Rockern dieser Epoche war ebenso wie den teutonischen Minimalisten die Vorliebe für ausschweifende, repetitive Kompositionen gemein.

Auch ARCHIVE sind auf ihrer neuen Scheibe dann am Besten, wenn sie sich von allen Formaten und strukturellen Normen abkehren und sich einfach treiben lassen. Der 16minütige (!) Opener "Again" bildet dafür schon das Paradebeispiel: Über einen an PINK FLOYDs "Hey You" gemahnenden Gitarrenteppich legen sich nach und nach sphärische Flächen, ehe sich das Stück in einem E-Gitarren-Gewitter entlädt, das von seiner Atmosphäre und der gesanglichen Energieleistung her den DOORS zur Ehre gereicht hätte. Mehrfach wird die Struktur durchbrochen, immer wieder erstarrt die Dynamik, um kurz danach noch stärker als zuvor wieder loszubrechen - eine großartige Inszenierung!

Mein Favorit folgt direkt anschließend: Bei "Numb" werden den meisten Hörern mit dem Ohr am Puls der Zeit sofort Parallelen zu RADIOHEAD auffallen. Dies ist zweifelsohne korrekt, doch haben sowohl die Mannen um Thom Yorke als auch ARCHIVE exakt diese Art des Spannungsaufbaus sehr direkt von den deutschen NEU! übernommen. "Numb" klingt für mich daher eher wie ein modernes "Hallogallo" und ist trotz der überdeutlichen Reminiszenz an das Original zu einem Meisterstück des Psychedelic-Rock geworden.

Leider flaut "You All Look The Same To Me" danach erstmal merklich ab. Die musikalischen Masterminds Darius Keeler und Danny Griffith wenden sich mit "Meon" und "Now And Then" ihrer TripHop-Vorliebe zu, die sie schon auf ihrem stark von PORTISHEAD beeinflussten 97er-Debut "Londinium" auslebten. Sänger Craig Walker kommt erst wieder in "Goodbye" zu Worte, das trotz seiner ohrenscheinlichen Ähnlichkeit zu PROCUL HARUMs "A Whiter Shade Of Pale" eher gequält und ohne den rechten Drive daherkommt. Auf alle weiteren Songs könnte man mit einer Ausnhame ebenfalls verzichten - nett, aber nicht wirklich bahnbrechend. Einen wirklichen Höhepunkt allerdings stellt noch "Finding It So Hard" dar: Auch hier lassen ARCHIVE endlich wieder ihrer Spielfreude freien Lauf und steigern sich in ein 15minütiges, von Breakbeats getragenes, treibendes und wirklich mitreißendes Opus hinein.

Neben den drei genannten Highlights "Again", "Numb" und "Finding It So Hard" fasziniert mich besonders die Herangehensweise dieser Band: Scheinbar gibt es für ARCHIVE keinerlei stilistische Grenzen. Zwar wurden einige Passagen auf "You All Look The Same To Me" schon recht dreist bei diversen Klassikern der Musikgeschichte entliehen, doch die Mischung funktioniert. Man hat auch bei den kompositorisch weniger gelungenen Songs nie das Gefühl, dass die Band keine eigene Identität besitzt - und das ist allein schon deshalb bemerkenswert, weil es nur sehr wenige Formationen gibt, die TripHop und die Rockmusik der "Psychedelic 70s" zu vereinen versuchen; ARCHIVE verschmelzen das Beste aus diesen Welten allerdings scheinbar wie selbstverständlich.

Weil die Produktion wirklich erstklassig ausgefallen ist, kann man auch die schwächeren Titel bedenkenlos konsumieren. Zweifelsohne ist vom Songwriting her aber noch eine Steigerung möglich. Insgesamt stehen drei wirkliche Glanzlichter acht (incl. "Hidden Track") mehr oder minder durchschnittlichen Nummern gegenüber.

Hat man sowas schon einmal gesehen? Da erreichte mich im Frühling diesen Jahres eine Single (!) mit einem 16 Minuten langen Stück. Selbst der Edit war noch satte fünfeinhalb Minuten lang. Da mußte jemand ziemlich überzeugt von sich sein, wenn er mit sowas Radiostationen bemustert.

Zu Recht! Auch wenn das besagte Stück namens "Again" sämtliche Formate sprengte, wurde es von vielen Musikredakteuren eingesetzt, was nicht zuletzt in einer Nummer 1-Plazierung in den Deutschen College Radio Charts (DCRC) gipfelte.

Doch bis dahin war es ein langer, steiniger Weg. Bereits seit Beginn der 90er sind Danny Griffith und Darius Keeler musikalisch gemeinsam unterwegs. Zusammen mit Rapper Rosco John und Sängerin Roya Arab produzierten sie 1997 das Debut "Londinium" - eine TripHop-Pop-Platte, die nur teilweise überzeugen konnte. Neben einigen großartigen Songs wurde hier auch jede Menge handzahmes Füllmaterial angesammelt. Manche Zutat wirkte aufgesetzt und einfach nicht rund. Die Aufnahmen endeten denn auch in einem Fiasko als sich Rapper Rosco und Sängerin Roya zerstritten.

Auch um das Zweitwerk "Take My Head" war es anno 2000 nicht besser bestellt. Mit neuer Sängerin Suzanne Wooder und unter massivem Einfluß der Plattenfirma entwarfen Griffith und Keeler ein überproduziertes, lautes, auf Dauer einfach zu aufdringliches Album, dem auch der Einsatz des brachialen Orgelkrachers "You Make Me Feel" in einem Levis-Werbespot nicht zum kommerziellen Erfolg verhelfen konnte.

Bewundernswert, daß die beiden Herren hiernach noch den Mut zu einem dritten Anlauf fassen konnten. Und Gott sei Dank, daß ihnen in diesen Zeiten eine neue Plattenfirma noch eine Chance gab. Denn dieses mal haben Archive aus ihren Fehlern gelernt. Sie haben sich nicht mehr in ihre Musik hereinreden lassen und taten mit dem per Annonce angeworbenen Sänger Craig Walker einen absoluten Glücksgriff.

Archive sind im Jahre 2002 nach eigenen Angaben dort angelangt, wo sie schon immer hinwollten. Und das klingt nach einer Mixtur aus den epischen Pink Floyd und Supertramp sowie den experimentellen Radiohead zur "OK Computer"- und "Kid A"-Zeit. Dabei agieren sie gleichermaßen dreist wie geschickt:

Zwar lugen die genannten Bezugspunkte an allen Ecken und Kanten hervor, doch läßt sich ein direktes Plagiat ums Verrecken nicht nachweisen. Danny Griffith und Darius Keeler haben ihre Hausaufgaben mehr als gut gemacht, die Einflüsse in sich aufgesogen, verstanden und verarbeitet - sie so zu ihren eigenen Ausdruckmitteln werden lassen.

Nur aus diesem Grunde verkommt "Goodbye" nicht zu einem Radiohead-Abklatsch, hinterläßt keinen faden Nachgeschmack sondern gelingt ebenso wie das Floyd-geschwängerte "Meon".

Dreh- und Angelpunkt von "You All Look The Same To Me" sind aber die beiden über viertelstündigen Opern "Again" und "Finding It So Hard". Da werden Gefühle ausgebreitet und große Bögen gespannt. Orgeln, Streicher, Akustik- und E-Gitarren, Feedbacks, verzerrte Mundharmonikas, Synthesizer, verfremdetes Schlagzeug und bearbeitete Stimmen fahren gegeneinander und kulminieren in behutsam aufgeschichteten Höhepunkten, daß es eine Freude ist. Mehr als einmal entfährt dem Rezensenten ein altodisch-wunderliches "Das es sowas noch gibt..." (Und das paßt ja auch wieder zu den Bezügen auf alte Heroen wie Pink Floyd. ;-)

Dagegen muß eine Remineszenz an den Bristol-Sound a la Massive Attack oder Portishead wie in "Fool" einfach abfallen. Und so kann sich neben den vorgenannten Titeln einzig und allein das konsequent-experimentelle "Numb" im Kopf des Hörers festsetzen.

Das sind immerhin knapp 49 grandiose Minuten von insgesamt fast 72 (auf der limited Edition mit Bonustrack). Das ergibt gute sieben Punkte, die erste Patt-Situation in einem Duell mit Roberto sowie das markige Fazit, daß "You All Look The Same To Me" vielleicht das Missing Link zwischen den beiden epochalen Radiohead-Werken "OK Computer" und "Kid A" darstellt. Respekt!

Robertos Wertung:

* * * * * * * - - -

7 von 10 Sternen

Wer ist Roberto?

Lexis Wertung:

* * * * * * * - - -

7 von 10 Sternen

Wer ist Lexi?

 

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