Apoptygma Berzerk: "Harmonizer" CD

Cover: Apoptygma Berzerk: Harmonizer CD © 2002, Wea Records

Warum gibt es kein perfektes Auto?

Dance-Hammer

Er ist schon etwas Besonderes, dieser kleine Mann mit den Kornfeldkreise-Tattoos, der sich nun wieder Stephan Groth nennt, nachdem er jahrelang unter dem putzigen Pseudonym Grothesk firmierte. Etwas Besonderes, weil ihm im Laufe der Jahre zwei großartige Husarenstücke in der Szene gelungen sind.

Gleich zu Beginn seiner Karriere als Apoptygma Berzerk vereinte er ungeniert an Michael Jacksons "Thriller"-Ära gemahnenden Pop mit EBM zu einer treibenden Hymne namens "Spiritual Reality" und traf den Nerv der Szeneanhänger. Auch als er sich mehr und mehr dem Techno widmete, verlor er seine Gefolgschaft nicht.

Das war Anfang der 90er jedoch mehr als erstaunlich, denn jeder andere Künstler wäre des Verrats am Independent-Gedanken bezichtigt und fortan unter "Kommerz-Tekkno" eingeordnet worden. Nie werde ich das Konzert vergessen, auf dem nach Abfeiern der größten Apoptygma-Hits noch ein paar lupenreine Dancetracks des Nebenprojekts H2O zum Besten gegeben wurden und auch der schwärzeste Electrohead heftig am Raven war. Erst nach drei, vier Stücken realisierte die Masse den Stilbruch und nahm wieder szenegerechte Posen ein bzw. distanzierte sich von dem tekknoiden Treiben. Großartig!

Die Musik von Stephan Groth scheint eine ganz besondere Faszination auszustrahlen, die sogar Stilgrenzen zu sprengen in der Lage ist. Es ist sein glückliches Händchen, das ihn immer wieder kleine, zauberhafte Melodien schreiben läßt. Ein Talent, das 1996 in dem perfekten Popalbum "7" kulminierte.

Leider gefolgt von einem Bruch: Der Nachfolger "Welcome To Earth" erschien erst im Jahre 2000 und schrieb einen "neuen" Apoptygma-Sound fest: Techno/Dance/Pop mit deutlichem 80er Jahre- und EBM-Einfluß. Er glänzte mit jeder Menge wundervoller Popsongs, wirkte aber leider etwas fahrig produziert und schwach im Gesang.

Fehler, aus denen Stephan Groth offensichtlich gelernt hat. Die aktuelle CD "Harmonizer" klingt weitaus runder und professioneller. Das gilt vor allem für die großraumdiscotauglichen Knaller "More Serotonin ... Please / Suffer In Silence" und "Until The End Of The World" - zwei euphorische, helle Technonummern mit Mitsingcharakter.

Eher poppiger gelang die schöne Ballade "Unicorn", die neben einem Kraftwerk-Sound noch einen weiteren Hinweis auf Groths musikalische Wurzeln enthält. Denn sie ist ein Duett mit keiner Geringeren als der charismatischen Propaganda-Frontfrau Claudia Brücken (remember "Dr. Mabuse"?) Nur leider merkt man davon nicht sehr viel, da ihr Gesang derart mit Effekten zugeklebt wurde, daß man die harte, markante Stimme nicht einmal erkennt. Schade!

Doch damit der Referenzen an die 80er nicht genug. Der Schlußtitel "Something I Should Know" gleicht fast einer Parodie auf diese Epoche, ist aber in seiner Naivität, Echtheit und schwelgerischen Spielfreude ein weiteres Juwel dieser Platte.

Das waren dann aber auch schon die Highlights von "Harmonizer". Denn viele weitere Tracks scheinen mit der heißen Nadel gestrickt zu sein. So basieren "Rollergirl", "Spindizzy" und mit Abstrichen auch "Pikachu" zwar auf geradezu magisch anziehenden Ideen, hinterlassen als halbfertige, gestreckte Songs aber einen leicht bitteren Nachgeschmack. Von den inhaltsleeren, uninspiriert vor sich hinblubbernden Lückenfüllern "O.K. Amp - Let Me Out" und "Detroit Tickets" ganz zu schweigen.

Doch worüber rege ich mich eigentlich auf? In einem TV-Magazin über Autos wurde einmal philosphiert, warum die Hersteller kein perfektes Auto auf den Markt bringen. Die frappierend einfache Antwort war, daß sie ja sonst beim nächsten Modell nichts mehr zu verbessern hätten ...

So warte ich denn auf den Nachfolger von "Harmonizer". Vielleicht klappt's ja noch einmal mit dem perfekten Album und Apoptygma Berzerk erreichen ihre Form von "7" wieder. Die Hoffnung ist nicht unbegründet ...

Seit seinem Erscheinen konnte ich nicht genau sagen, was genau es war, dass mich am 2000er-APOPTYGMA BERZERK-Album "Welcome To Earth" störte. Mir gefiel die Platte einfach nicht - zumindest nicht so wie das 1996er-Electro-Meisterwerk "Seven". Als ich die brandneue CD "Harmonizer" einlegte, vergingen keine zwei Minuten, ehe es mir wie Schuppen von den Augen fiel: "Welcome To Earth" war unentschlossen und halbherzig; nicht mehr richtig Electro, schon gar nicht mehr EBM, aber auch noch nicht wirklich Dance. "Harmonizer" ist anders - es ist ein lupenreines Dance-Pop-Album. Und was für eines!

Auf "Harmonizer" schafft es Stephan Groth alias "Grothesk" alias APOPTYGMA BERZERK scheinbar spielend, modernste Sounds und Samples in treffende Kompositionen einzuflechten. Und damit ist dieses norwegische Projekt dem Großteil derer meilenweit voraus, die in stilistisch ähnlichen Gefilden schippern und dabei kompositorisch zumeist im Trüben fischen. Denn APOPTYGMA BERZERK können beides: Sie haben das Ohr am Puls der Zeit und vergessen dabei nicht, dass selbst die knackigsten Sounds unheimlich langweilig werden können, wenn das Songmaterial nicht vernünftig ausformuliert ist. Und obwohl sie sich nicht gängigen Trends verschließen, sind sie stets unverwechselbar sie selbst.

Was mich an "Harmonizer" am Meisten beeindruckt, ist die grenzenlose Leichtigkeit, mit der Stephan Groths Kompositionen daherkommen. Deren Eingängigkeit kann sich niemand ernsthaft erwehren. Gleich die ersten vier (!) wirklichen Songs "Suffer In Silence", "Unicorn" (im Duett mit der fast schon legendären ex-PROPAGANDA-Sängerin Claudia Brücken), "Until The End Of The World" (die Vorab-Single) und "Rollergirl" gehen allesamt schon nach dem ersten Durchlauf nicht mehr aus den Gehörgängen. Ich weiß nicht, welche Band vorher dieses Kunststück jemals fertig gebracht hat. Gleiches gilt für "Pikachu", "Spindizzy" und die wundervolle 80er-Jahre-Reminiszenz "Something I Should Know". Mittlerweile ertönt "Harmonizer" bei mir zum sechsten oder siebten Mal aus den Boxen und die Befürchtung, dass sich die Songs ähnlich schnell abnutzen wie sich sich ins Ohr geschlichen haben, bewahrheitet sich glücklicherweise nicht.

Eines sei allerdings noch klargestellt: Die neue APOPTYGMA BERZERK-Scheibe ist wirklich absolut kein "Schwarze Szene"-Album mehr. Im Gegenteil: Die Melodien klingen so schrecklich optimistisch und sonnendurchflutet, dass sie den zwar sehr reduzierten, aber manchmal schon noch melancholischen Texten entgegen stehen und stets das berühmte Licht am Ende des Tunnels sichtbar machen. Um die Lyrics ist es bei APOPTYGMA BERZERK allerdings nie wirklich gegangen, und das hat sich auch bei der neuen Scheibe nicht geändert. Die eher trancigen und instrumentalen Tracks "O.K. Amp - Let Me Out", "Detroit Tickets" oder "Photoshop Sucks" hätte man sich zwar sparen können, doch stören sie auch nicht wirklich.

Einziges kleines Manko ist nach wie vor der Gesang: Auch wenn er von Platte zu Platte besser wird, wird Stephan Groth niemals ein wirklich großer Sänger sein. Zwar ertönt er wiederum ein deutliches Stück selbstbewusster und natürlicher als noch auf den Frühwerken, auf denen er sein Organ auch gerne mal hinter klassischen EBM-Verzerr-Effekten verbarg. Dennoch ist Groth noch immer kein ausdrucksstarker Frontmann, dessen Stimme in der Lage wäre, auch schwächere Stücke zu tragen. Glücklicherweise hat er dies bei der Qualität der Songs auf "Harmonizer" allerdings auch gar nicht nötig.

Viele Sounds auf "Harmonizer" hätte man eher auf einer DJ SAMMY-CD oder auf einem BLANK & JONES-Album vermutet denn bei APOPTYGMA BERZERK. Uiuiui, das wird manch selbsternanntem Hardcore-Electro-Fan gar nicht schmecken. Trotzdem (oder wahrscheinlich gerade deswegen) funktioniert "Harmonizer". Und wenn das leidige Etikett "Future Pop" wirklich auf eine bestimmte Art von Musik passt, dann ist es die, die APOPTYGMA BERZERK hier darbieten.

Endlich mal wieder ein Album aus der Szene heraus, dass den Vergleich mit kommerziellen Dance-Acts handwerklich nicht scheuen muss. Kompositorisch sind APOPTYGMA BERZERK denjenigen "Musikern", die normalerweise auf N-Joy-Radio laufen, ohnehin meilenweit voraus. Für mich ist "Harmonizer" daher schon jetzt eine der Platten des noch jungen Jahres 2002. Perfekte Gute-Laune-Musik!

Lexis Wertung:

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7,5 von 10 Sternen

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Robertos Wertung:

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8,5 von 10 Sternen

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