And One: "Aggressor" CD

Cover: And One: Aggressor CD © 2003, Virgin/EMI

Iran Attacks!

Typisch!

EBM is dead und & 1 totally wasted? Mitnichten, ist doch Steve Naghavi samt Truppe mit "Aggressor" zurück und widerlegt gekonnt beide Aussagen. Härter und direkter als "Virgin Superstar" und nach dem Motto "Back to the Roots" ist es als Nachfolger der "I.S.T." (1994) angelegt. Die ersten Studioarbeiten für dieses Album haben schon im Jahre 2001 stattgefunden. Damals gabs auch noch ne Homepage von And One, auf der man sich den Titel "Amerika brennt" runterziehen konnte. Sehr umstritten dieses Stück, für mich aber eine gute Zusammenfassung des Fernsehpalavers des 11.09., wo Bush seine beiden Türme im Schachspiel "Welt" verloren hatte. "Aggressor", ein guter Name für ein Comeback-Album, passend zum Inhalt des Albums und damit auch zur derzeitigen Weltsituation. Außerdem ist es das erste Album das "Kein Anfang" und "Kein Ende" hat.

So nämlich lauten die Namen für In- und Outro. Nach den ersten paar Sekunden des Intros ist klar, dass es sich eindeutig um And One handelt und was man zu erwarten hat. Ungewöhnlich für And One ist allerdings, dass zum ersten Mal alle Texte auf Deutsch sind, was aber nicht bedeutet, dass sie einfach zu verstehen sind. Als gutes Beispiel dafür will ich hier mal "Schwarz" nehmen, nett und tanzbar, aber der eigentliche Sinn des Textes bleib mir schleierhaft, vielleicht ist es so (!), dass man es in Verbindung mit der aktuellen Single "Krieger" sehen muss, welche mit einem guten Übergang folgt. Darin geht es um den Kampf eines Paares gegen die Welt. Schön wie hier gekonnt mit Gegensätzen gespielt wird, gutes Beispiel:

"so stark wie die Schmerzen,
so schwach ist der Mann der sie fühlt"

Anscheinend ist Steve nicht Fan von den ganzen Castingshows und Starverarschungen, kritisiert er doch in "Sternradio" sowohl dieses Marionettentheater als auch die Verblödung der Radiosender. Mal ehrlich, das Radioprogramm wird auch immer schlechter, sowohl die Moderation als auch die Lieder, aber zu dem Thema gibt es ja schon Holgers Kommentar "Radiolandschaft in Niedersachsen". Erschwerend ist aber hinzugekommen, dass die ganze Bohlensche Dudelmusik gepaart mit diesen "Stars", die im Mittelalter wohl Karriere als Hofnarren und Hampelmänner hätten machen können, doch eine ziemliche arge Nervenbelastung darstellen. Auch so ein Thema, welches einen eigenen Artikel verdient hätte.

Booklet
Im Booklet: Grandiose Fotos und Artwork vom ehemaligen Labelchef, Produzenten und Ziehvater Jor Jenka.

Ein bisschen nach heile Welt klingt "Speicherbar", verbindet Steve doch diese Computerfähigkeit mit dem Leben und behauptet, dass in einem Jahr alle Träume wahr werden. In einem Jahr aber wird der Text immer noch derselbe sein, weshalb ich mich jetzt schon verarscht fühle. "Fehlschlag" ist ein Volltreffer in unser "friedliches" kapitalistisches System, welches Steve als "Westgeborgenheit" umschreibt und in dem kein Platz für Tugenden ist, da man mit "Grabmaschinen" mehr Geld verdienen kann. Für die Folgen fühlt sich ja niemand verantwortlich. Passend zum Wort "Westgeborgenheit" habe ich "Für immer" im Ohr. Ein Lied gegen die Scheuklappenmentalität unserer Gesellschaft.

Der Name "Einstieg" fürs das nächste Stück ist auch sehr passend gewählt, dient es doch als Intro zu "Strafbomber", sozusagen als Einstieg in den Strafbomber. Das wohl beste Lied auf der CD, verdeutlicht es doch den Hass auf den Hass bzw. die Aktionen der "Weltpolizei" USA, indem Mr. Naghavi sowohl die Rolle eines Führers (ich sach ma Bush) imitiert, als auch seine Sicht verdeutlicht, das beste Beispiel dafür, dass gute Witze sehr hintergrundig sein können:

"puh das war ein freches land
riecht ein wenig angebrannt"

Danach geht wieder ein bischen die Luft raus, handelt "Fernsehapparat" doch von dem Kampf eines TV-Junkies mit der Realität. Schmeisst doch dieser Junkie sein Weib raus, nur um in Ruhe fernsehen zu können. Nicht nur das Lied selbst klingt (gewollt?) wie DAF, auch Text und Gesang klingen ein wenig nach Gabi Delgado-Lopez. Beim (vor-)letzten Stück "Tote Tulpen" sind nicht nur die Blumen sondern auch die Beziehung verwelkt. Sie liebt ihn und er erwiedert nur "ich weiß!" und sagt ihr, was er nicht für sie holt, weil es einfach zu schade für sie ist. Deprimierend, dass sie trotzdem noch an ihm hängt.

Im Gegensatz zu älteren (und davon eher den neueren) Werken ein durchgehend gutes Album, welches Dank In- und Outro, Zwischenspiel und Übergängen nicht wie eine Ansammlung von Liedern klingt und zudem thematisch zusammenhängt. Zwar ein schönes Album, mein Lieblingsalbum von And One bleibt aber trotzdem "Flop!"

Was habe ich diese Band gehasst...

Anfang der 90er stolperten die zwei Berliner Kiddies namens Steve Naghavi und Chris Ruiz in die Szene und versuchten sich mit billigen wie dünnen Spielzeugkeyboard-Sounds, platten Songs und bemüht ironischen Texten an einer Art infantilen DAF-Kopie für Arme. Mit mir unverständlichem Erfolg.

Doch man kann nur hassen, was man irgendwo auch liebt. Bei And One waren es die beeindruckenden atmosphärischen Momente von Collagen wie "Menschen" oder in den Refrains von "Years" oder "Friend Of The Stars". Nur, was mich regelmäßig zur Weißglut trieb, war die Art, in der die Band die epische Weite, Erhabenheit und emotionale Tiefe ihrer Refrains in den Strophen mit stupiden Klimpersounds und abgehacktem Gesang zusammenbrechen lies und zerstörte.

Aber Bands entwickeln sich. Im Falle von And One brauchte es dazu tiefgreifender Veränderungen und Einschnitte im Leben von Frontmann Naghavi. Die Verarbeitung dieser lies den Sänger die bewegendsten Synthipop-Songs schreiben, die man sich nur vorstellen kann. Auf dem Album "I.S.T." beispielsweise präsentierte die Band mit "It Happened Last Night" die zu ehrlichen Tränen rührende Geschichte vom Krebstod einer nahe stehenden Verwandten, das desolate Stimmungsbild "Heart Of Stone" und das schwelgerische "Ghamma Voodoo".

Nach dem Crash ihrer Plattenfirma Machinery, die für And One beinahe das Aus bedeutet hätte, meldete sich die Band 1997 mit dem bislang stärksten Album "Nordhausen" zurück. Mit dem Umzug in die titelgebende Harzmetropole und der inzwischen festen Dreierformation um Keyboarder und Herzkasper Rick Schah, Stimmwunder Joke Jay und Mastermind Steve Naghavi schienen die ehemaligen Vorzeige-EBMer endlich erkannt zu haben, was sie am besten konnten: nämlich lupenreinen Pop! Allein schon die Vorab-Single "Sometimes" darf ohne Übertreibung zu einem der perfektesten Popsongs aller Zeiten gezählt werden. Mit der kleinen Popsinfonie "Mirror In Your Heart", dem mutmachenden "Uns gehts gut", dem gewitzten "Sweety Sweety", der geschickt zwischen Ernst und Ironie changierenden Abrechnung "Sitata Tirulala" sowie der kleinen Liebeserklärung "Nordhausen" loteten And One das Genre bis in alle Ecken aus und legten damit den Grundstein für alle nachfolgenden Veröffentlichungen. Mit Spaßnummern wie "Pimmelmann", aufrüttelnden Epen wie "Und wieder" und tief gehenden Balladen wie "Der erste Schritt" und "Mr. Jenka" gelang es zwar, einzelne Facetten des And One-Universums weiter auszureizen, die Geschlossenheit und Atmosphäre von "Nordhausen" sollten die Longplayer "9.9.99 9 Uhr" und das überhebliche "Virgin Superstar" nicht mehr erreichen.

Eine lange Vorgeschichte, gewiss. Doch nicht ohne Hintersinn. Denn all das Geschriebene gilt ohne Einschränkung auch für das neue Werk "Aggressor" - ein Album wie es And One-typischer nicht sein könnte.

Wieder einmal gab es große Veränderungen in Steve Naghavis Leben, die sich auch in der Musik niederschlugen: Die Scheidung von seiner Frau darf getrost für die persönlichen Texte in "Schwarz" und "Krieger" verantwortlich gemacht werden. Der Umzug nach Berlin und die erneute Zusammenarbeit mit Gründungsmitglied Chris Ruiz kann als Ursache für die Rückkehr zu härteren Sounds herhalten. Nicht zuletzt dürften aber auch der Krieg gegen den Irak und einschlägige Erfahrungen mit dem deutschen Verfassungsschutz für die nötige Wut im Bauch des Exil-Iraners Naghavi gesorgt haben.

Dem Thema Naher Osten sind dem entsprechend auch gleich zwei Songs gewidmet: Während der Frontmann in "Fehlschlag" Völkerhass und Krieg eher von der emotionalen Seite aus analysiert, macht er in "Strafbomber" seinem Ärger richtig Luft. Dass dabei die Musik wie eine direkte Kopie von Front 242s "Headhunter" und Das Ichs "Sodom und Gomorra" (man vergleiche die Strophen) anmutet, stört ob der puren Ausdruckskraft kaum. Der Song ist schlicht auf den Punkt geschrieben, umgesetzt und produziert.

Dabei bietet "Aggressor" neben solchen Kraftnummern aber vor allem eines: grandiose, unwiderstehliche Melodien und treffsichere deutsche Texte. Ob nun Trennung ("Schwarz"), tiefe Freundschaft ("Krieger"), philosophische Betrachtungen ("Speicherbar") oder Selbstreflexion ("Für immer") - stets trifft Naghavi mitten ins Herz des Hörers. Sein facettenreicher Gesang tut dabei sein Übriges. Man kommt nicht umhin zu konstatieren, dass er inzwischen zu einem der besten deutschen Songwriter, Texter und vor allem Sänger und Produzenten gereift ist.

Sicher ist "Aggressor" nicht neu. Das phantastische "Speicherbar" beispielsweise basiert auf den selben Harmonien wie "Mirror In Your Heart" und kopiert sehr direkt dessen Aufbau. Auch auf den anderen Tracks gibt es kaum einen Sound, den man nicht schon früher gehört hätte. Doch trotzdem und gerade deshalb ist "Aggressor" das definitive And One-Album. Nach Jahren des Forschens kann Naghavi nun endlich routiniert und sicher aus seinem Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten schöpfen und seine Botschaft in Wort, Noten, Klang, Gesang und Produktion auf maximale Wirkung hin optimieren, ohne dass dabei das Gefühl auf der Strecke bleibt.

Kaum einer anderen Szeneband gelingt es derzeit, auf so hohem Niveau zu agieren. Besser kann man das Konzept von And One nicht mehr formulieren.

Normans Wertung:

* * * * * * * * - -

8 von 10 Sternen

Wer ist Norman?

Lexis Wertung:

* * * * * * * * * */-

9,5 von 10 Sternen

Wer ist Lexi?

 

Anderer Leute Wertungen:

And One: "Aggressor" CD

3 Kommentare

Kathy sagte am 13.09.2005 um 22:07 Uhr:

And One: Aggressor CD

Das Album ist der absultue Hammer!
Besonders gefällt mir Krieger!
Sehr geiler song.
Weiter so,gruß,kathy (22)

10 von 10 Sternen

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Kathy sagte am 13.09.2005 um 22:09 Uhr:

Autogramm

Wäre es möglich mal ein autogramm von steve
zu bekommen?
Gibt es eine persönliche homepage von ihn??

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Lexi sagte am 13.09.2005 um 22:51 Uhr:

Autogramm

Hallo Kathy!

Wäre es möglich mal ein autogramm von steve zu bekommen?

Wir hier haben leider auch keinen Kontakt zum Schtief.

An den Mann ist recht schwer ranzukommen. Da er vor ein paar Jahren seinen Manager gefeuert hat, kannst Du nicht mal mehr über ihn gehen.

Vielleicht könntest Du es aber über die Plattenfirma versuchen.

Gibt es eine persönliche homepage von ihn??

Nicht dass ich wüsste. Von And One gibt es schon seit Jahren keine richtige Homepage mehr.

Trotzdem: Viel Glück bei der Autogramm-Jagd!

Lexi

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