2raumwohnung: "In wirklich" CD

Cover: 2raumwohnung: In wirklich CD © 2002, Goldrush/BMG

Halbe Miete!

Deutsche Grooveminister

Es schlug ein wie eine Bombe - erst in der Zigarettenreklame, dann im Radio, schließlich und endlich auch auf CD: "Wir trafen uns in einem Garten" - ein Titel, so unbekümmert wie der Text und die zugehörige Musik. Die Interpreten: 2raumwohnung a.k.a. Inga Humpe und Tommi Eckart, zwei alte Hasen, die sich ganz unprätentiös und ohne stilistische Grenzen daran machten, den Begriff Deutscher Pop neu zu erfinden. Wahrscheinlich ohne, daß sie das gewollt oder gar nötig gehabt hätten. Haben beide doch mehr als genug Verdienste auf ihrem musikalischen Kerbholz:

Inga Humpe päsentierte ihre markant-laszive Stimme schon Anfang der 80er bei den Neonbabies und DÖF ("Codo"), später dann zusammen mit ihrer Schwester Anete als Humpe und Humpe und ab 1990 auch solo, z.B. auf der von den Pet Shop Boys geschriebenen Single "Do I Have To". Tommi Eckart hingegen tritt erst Ende der 80er/Anfang der 90er als Mitkomponist und -produzent von Andreas Dorau sowie als Filmmusiker in Erscheinung.

Das erste gemeinsame Projekt des Pärchens namens i:O:l (Institute of Love) will 1997 mit dem sexy und tanzbar aufbereiteten Cover von Laurie Andersons "O Superman" unverständlicherweise noch nicht so recht zünden. Wahrscheinlich zu früh...

2001 schien die Zeit dann endlich reif: 2raumwohnung stürmten mit dem zur oben erwähnten Single gehörenden Album "Kommt zusammen" die Charts. Verführerisch, tanzbar, elektronisch präsentierten sie ihre launischen Alltagsbeobachtungen - mal knisternd voller Sex wie in "Sexy Girl" oder tief gehend wie in "Sie kann fliegen". Anfang 2002 wurde dann das recht gelungene "Kommt zusammen Remix Album" nachgeschoben.

In einem schon gnadenlos zu nennenden Timing folgte nun - nur wenige Monate später - das offizielle Zweitwerk "In wirklich". Und ich bin versucht, meinen obigen Satz noch einmal zu bemühen: Wahrscheinlich zu früh...

"In wirklich" ist - positiv ausgedrückt - geschlossener ausgefallen als der Vorgänger, negativ formuliert, liest sich das aber als "eintöniger". Auf der anderen Seite ist es dem Pärchen Eckart und Humpe aber gelungen, wieder einen neuen, völlig eigenen Sound zu definieren.

Die zwiespältige, stampfende Vorabsingle "Ich und Elaine" gibt noch wenig Hinweise darauf; vielmehr schon die Opener "Da sind wir" und "Ich weiß warum". 2raumwohnung klingen anno 2002 reduziert, detailbetont, beatlastig, dennoch ruhig und elegant. Das ist kein Gegensatz, das ist die Kunst. Und es führt eine deutlich bewußtere Arbeitsweise als noch bei "Kommt zusammen" vor Augen.

Genau das ist dann auch einer der Schwachpunkte des neuen Albums. Ausgelassene Partystimmung und unbekümmerte Texte sucht man vergebens. Songs wie "Wirklich sein" und "Freie Liebe" sind äußerst attraktiv, strapazieren in ihrer minimalen Konsequenz aber bald die Geduld des Hörers.

"Da stehst Du" und "Mathematik" sind - wie programmatisch - deutlich zu hart kalkuliert und durchgezirkelt. Es ist ein ständiger Balanceakt, ob es gelingt, den Konsumenten mit dezent plazierten Details wie einem Vocoder-Sample aus Kraftwerks "Ohm Sweet Ohm" ("Freie Liebe") oder einer Hommage an Herwig Mittereggers "Rudi" ("Da sind wir") auf seine Seite zu ziehen.

Am besten funktioniert die 2raumwohnung, wenn sie Geschichten erzählt: "Mädchen mit Plan" ist nicht nur das schmissige Pendant und die happy endende Erweiterung von "Sie kann fliegen" aus dem Debutwerk, sondern auch der absolute Höhepunkt. Textlich spinnt "Weil es Liebe ist" den Faden fort - eine smoothe, schwebende Schmusenummer - musikalisch die perfekte Umsetzung der Lyrics.

Nur wenige Minuten später scheitern Humpe und Eckart aber am gleichen Thema: "Die Schwere" kippt ins Öde. Und dem vordergründig-schwülstig inszenierten "Wir erinnern uns nicht" möchte man ein "Besser ist das!" entgegenschleudern.

Was bleibt, ist eine spartanisch eingerichtete 2raumwohnung mit teils geschmackvollem, teils langweiligem Mobiliar. Ausziehen mag ich nicht, aber ich verlange Mietminderung.

Edgar Froese ist einmal gefragt worden, warum sich seine Gruppe TANGERINE DREAM - ursprünglich als Rockband gegründet - irgendwann den improvisierten, sphärischen Klängen zuwandte, mit denen sie letztlich zu weltweitem Ruhm gelangen sollte. Seine Antwort war so simpel wie ehrlich: "Als Rockband waren wir einfach viel zu schlecht - wir hatten diesen deutschen Groove...und der war schrecklich."

Wahre Worte eines Elektro-Pioniers, denn wenn es überhaupt etwas in der Musik gibt, das die (insbesondere farbigen) Amerikaner den Deutschen stets voraus hatten, so war es das Gefühl für packende Rhythmen. Jahrzehntelang war "Funkiness" ein Rätsel, das die wenigsten teutonischen Kapellen zu lösen vermochten.

Doch die Zeiten ändern sich: 2RAUMWOHNUNG sind der lebende Beweis dafür. Inga Humpe (ex-NEONBABIES, ex-DÖF, ex-BAMBY) und ihr Mitstreiter Tommi Eckart offenbarten schon vor zwei Jahren mit ihrem außergewöhnlichen Debut "Kommt zusammen", dass sie zu großen Leistungen fähig sind. "Nimm mich mit" oder "Wir trafen uns in einem Garten" gehörten in vielerlei Hinsicht zu den besten deutschen Popsongs der letzten Dekade. Auf ihrem in 2001 veröffentlichten "Kommt zusammen Remix Album" betonten Humpe und Eckart noch deutlicher die Clubtauglichkeit ihrer Songs und legten ein extrem smoothes, dafür an einigen Stellen leider etwas zu klinisches Werk vor.

Soundtechnisch und atmosphärisch genau zwischen diesen beiden Polen ist "In wirklich" angesiedelt, das langerwartete und jüngst erschienene zweite Album von 2RAUMWOHNUNG. Vordergründig deutlich unspektakulärer und auf den ersten Hör weit weniger "catchy" als das Debut, entfaltet diese Platte erst nach und nach ihre Faszination - und die liegt zweifelsohne ganz besonders in den Grooves: Ich kann mich nicht erinnern, seit ARMAND VAN HELDENs "The Funk Phenomenon" oder DAFT PUNKs "Around The World" jemals wieder einen so einfachen und gleichwohl faszinierenden Rhythmus wie den in "Da stehst du" gehört zu haben. Wie wenig hier passiert, ist vom klassischen musikalischen Standpunkt her fast schon provokativ zu nennen, aber es funktioniert. Und wie! Über einem einzigen, völlig variationslosen Schlagzeugpattern schwebt nichts als eine ganz leise Fläche, wenige zurückgenommene elektronische Sprengsel und natürlich der unglaublich laszive Sprechgesang Inga Humpes. Dieses sechsminütige Meisterwerk ist der perfekte Anhörungsunterricht dafür, wie unendlich viel mehr wenig sein kann.

Womit wir zum zweiten Highlight kommen: Kaum zu glauben, aber wahr - Inga Humpe ist seit "Kommt zusammen" noch cooler geworden. Sie ist die stimmliche Inkarnation der Erotik, nicht von dieser Welt. Ihr knisternder Nichtgesang sucht weltweit seinesgleichen. Es gibt nirgends einen kreischig-rockigen Ausbruch, nur Atmosphäre. Und obwohl Inga so cool ist, als käme nichts und niemand je an sie heran, wirkt ihre Darbietung an jeder Stelle natürlich und unprätentiös, niemals aufgesetzt - selbst, wenn sie wie in der Vorabsingle "Ich und Elaine" Partystimmung versprüht. Ja, in dieser Hinsicht kann sich sogar Shirley Manson (GARBAGE) mittlerweile ein Scheibchen von ihr abschneiden.

Und da aller guten Dinge drei sind, sei mir noch gestattet, mich zu den Texten zu äußern: Insbesondere "Mädchen mit Plan" und das fantastische "Weil es Liebe ist" zeigen die großartige Fähigkeit von 2RAUMWOHNUNG, mit der deutschen Sprache auf ganz einfache Art und Weise tiefe Emotionen zu transportieren, ohne auch nur ansatzweise in ausgelutschte Klischees abzudriften:

"Sei still, lass uns einfach nur lauschen
lass uns viel ... vielsagende Blicke tauschen
lass uns Liebe versuchen
Du versuchst mich -
und ich versuche Dich
Es wurde Licht, seit wir uns in den Armen liegen
dieses Licht lass ich nie wieder nach Hause fliegen
Schlaf ruhig ein, ich schau Dir dabei zu
denn alles was ich will - alles das bist Du"

Lest diese behutsamen Zeilen gut, Ihr Hartmut Englers dieser Welt, und erkennt, welche Qualitäten Ihr niemals erreichen werdet!

Für "Ich und Elaine", "Da stehst Du", "Mädchen mit Plan" und "Weil es Liebe ist" gibt es ohne Bedenken satte 10 von 10 möglichen Sternen. Schade (aber nur natürlich), dass der Rest des Albums dieses Niveau nicht ganz halten kann. Das atmosphärisch dichte "Wir erinnern uns nicht" (übrigens mit der exakt gleichen Melodie wie PINK FLOYDs "Us And Them" ausgestattet) und der Opener "Da sind wir" fallen noch positiv auf, der Rest verliert sich dann doch ein wenig im Mittelmaß. Trotzdem ist "In wirklich" ein bemerkenswertes Album, das problemlos die Nachfolge von "Kommt zusammen" antreten kann - und dessen starke Songs bei jedem weiteren Hören noch stärker werden.

2RAUMWOHNUNG sind ein Geschenk des Himmels - und die perfekte Symbiose aus Atmosphäre, Clubtauglichkeit, Laszivität und Lyrik. "In wirklich" ist für mich daher definitiv schon jetzt eine der Platten des Jahres 2002.

Lexis Wertung:

* * * * * * */- - - -

6,5 von 10 Sternen

Wer ist Lexi?

Robertos Wertung:

* * * * * * * * * -

9 von 10 Sternen

Wer ist Roberto?

 

Anderer Leute Wertungen:

Zu diesem Thema existiert noch kein Eintrag. Deiner kann der erste sein!

 

Dein Kommentar:

 (Pflichtfeld)
 (Pflichtfeld, wird nicht angezeigt)
 (Pflichtfeld)
 (Pflichtfeld)
 
Text kann wie eine E-mail formatiert werden: *Hervorhebung*, > Zitat
 von 10 Sternen
Intelligenztest: Bitte trage in das folgende Feld ein Pluszeichen ein!
 (Pflichtfeld)

 

zurück Robotnik

zurück weitere Platte(n) Kommentare