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Man glaubt ja gar nicht, wie schnell die (Computer-) Zeit vergeht. Vor gerade einmal 15 Jahren war der "Amiga 500" aus dem Hause Commodore der neueste Stand der Technik. Im Gegensatz zum legendären "C=64" hatte er ein integriertes Laufwerk, in das die kleinen, stabileren 3,5-Zoll-Disketten passten, sah schon viel mehr nach Computer aus als der "Brotkasten" und verfügte vor allem über schier unglaubliche 4.096 Farben sowie einen für damalige Verhältnisse gigantischen 16-BIT-Prozessor.
Nach genau diesen 16 BIT benannten sich 1986 die Herren Michael Münzing und Luca Anzilotti. Diese beiden Frankfurter hatten kurz zuvor gemeinsam mit keinem Geringeren als dem damals noch völlig unbekannten SVEN VÄTH unter dem Projektnamen OFF firmiert und mit "Electrica Salsa" einen seltsamen, aber extrem erfolgreichen Titel veröffentlicht, der die Spitzenplätze der Charts in vielen europäischen Ländern erklomm. Die heutige Techno-Trance-DJ-Legende SVEN VÄTH steuerte auf dieser Single den nasalen Sprechgesang bei und war das "Gesicht" von OFF.
Eine solche Identifikationsfigur fehlte bei 16 BIT: Zwar war VÄTHs Stimme auch auf deren erster Single "Where Are You?", die Ende 1986 herauskam, zu hören, doch trat er hier in keinster Weise mehr optisch in Erscheinung. Auch Münzing und Anzilotti verschanzten sich hinter den Reglern, so dass bei 16 BIT nur noch ein Objekt im Mittelpunkt stand: Das Hauptinstrument "Amiga 500". So etwas hatte es noch nie vorher gegeben.
Natürlich, auch Künstler wie KRAFTWERK, DEPECHE MODE oder GARY NUMAN stilisierten und ästhetisierten von Anfang an die Wichtigkeit ihrer Klangmaschinen. Aber die Menschen gänzlich auszublenden und einzig einen Computer auf dem Schallplattencover abzubilden - das hatte bis dato niemand gewagt. Außerdem lag es 1987 noch weit außerhalb der Vorstellungskraft von 99 % der Bevölkerung, dass man mit einem Computer eine komplette Langspielplatte einspielen konnte.
Ob diesem Image nun eine ausgeklügelte Strategie, ein Sponsorenvertrag mit der Firma Commodore oder schlicht die bis heute anhaltende Pubklikumsscheue von Michael Münzing und Luca Anzilotti zugrunde lag, wird ein Rätsel bleiben. Fakt ist jedoch, dass dieses Konzept perfekt zu den Klängen passte, die die beiden ihrem Amiga entlockten und die sie auf ihre 16 BIT-Rillen pressten.
"Where Are You?" erreichte in Deutschland und Frankreich die Top 20 und war somit erfolgreich genug, um das Projekt fortzuführen. Kurz nach der zweiten Single "Changing Minds", die in der Bundesrepublik ebenfalls in die Top 20 vorstieß, erschien ein kompletter Longplayer mit dem ziemlich seltsamen Namen "Inaxycvgtgb". Dieser ist allerdings mit der ganz heißen Nadel gestrickt worden und besteht nach dem obligatorischen Auftakt mit "Where Are You?" aus allerhand Lückenbüßern, Single-B-Seiten und unfertigen Vorlagen für spätere Singles.
So findet sich das hinterher auf Maxi wirklich interessante "Too Fast To Live" hier lediglich in einer scheinbar sehr frühen Demo-Version; schnell dahingepfuschte Instrumentals wie "1x1=Won", "Mac's Flight", "Paris bei Nacht" oder "132 beats xycvgtgb" sind wirklich nicht mehr als Stückwerk. Einzig die Songs mit Gastsänger EDDIE HIND, dessen wanderpredigerartige Hippie-Stimme jedoch irgendwie nicht recht zur kühlen Computermusik passen will, sind schon fertig ausformuliert - darunter auch die obskure Coverversion des IRON BUTTERFLY-Klassikers "(Ina) Gadda Da Vida", die noch als vierte Single erschien.
Auch "Changing Minds" wirkt in der Album-Version deutlich schlapper als auf Maxi: Diese jedoch ist bis heute das definitive Highlight von 16 BIT, da sie vom Klang, vom Text und von der Covergestaltung her das Konzept dieses Projektes so exakt auf den Punkt bringt, dass man sich alle späteren Veröffentlichungen aus künstlerischer Sicht hätte sparen können - eine echte 10-Sterne-Platte. Den menschlichen Gesang hat man hier durch eine Computerstimme ersetzt, die mich schon beim ersten Hören derart faszinierte, dass ich diese Scheibe einfach haben musste. Die Hülle ist schlicht ein Werbeprospekt für Commodore, der darauf stilecht in "Basic" gedruckte Liedtext eine Ode an den "fantastic 8-megabyte-computer".
Auf manchen Betrachter mag dies alles heute unfreiwillig komisch wirken. Denjenigen aber, die sich mit ihren Bill Gates-Kisten heute so überlegen fühlen, sei hiermit prophezeit, dass sie in spätestens 15 weiteren Jahren mit Gewissheit das Gespött der nachfolgenden Generation abgeben werden. Die Produkte aus dem Hause Commodore jedenfalls waren bahnbrechend wie keine späteren Computer mehr. Sie entlockten ihren bescheidenen Systemvoraussetzungen ein aus heutiger Sicht utopisches Optimum an Leistung und setzten damit nie für möglich gehaltene Maßstäbe. Sie waren aufgrund ihrer Erschwinglichkeit die ersten wirklichen Heimcomputer und veränderten auf diese Weise in der Tat das Bewusstsein der Gesellschaft - der Titel "Changing Minds" ist bis heute Programm. Und wer darüber lacht, hat schlichtweg kein Geschichtsbewusstsein.
Genau diese Tatsache macht "Inaxycvgtgb" zu einem Klassiker in der Geschichte der Computermusik. In seiner Gesamtheit wirkt das Album jedoch unausgegoren, unentschlossen und an manchen Stellen aufgrund des schwachen Songmaterials schlichtweg langweilig. Neben den Singles sind eigentlich nur noch "Be Quiet" und "Raindance" positiv erwähnenswert. Trotzdem wird "Inaxycvgtgb" (besonders in der damals noch sehr begrenzten CD-Auflage) heute zu hohen Kursen gehandelt - 100 Euro kann man für den Silberling mittlerweile locker hinblättern. Daher mein Tipp: Besorgt Euch lieber die Maxis von "Where Are You?", "Too Fast To Live" und vor allem "Changing Minds". Die sind nämlich nicht nur zu deutlich günstigeren Konditionen auf Schallplattenbörsen zu bekommen, sondern auch musikalisch weitaus gehaltvoller.
Zwei Jahre nach "Inaxycvgtgb" veröffentlichten 16 BIT noch eine weitere Single namens "Hi-Score", die jedoch nichts als grottenschlechte Dance-Musik war und kommerziell so floppte, dass das Projekt endgültig an den Nagel gehängt wurde. Michael Münzing und Luca Anzilotti casteten sich daraufhin einen Rapper und eine Sängerin zusammen und wurden unter dem neuen Projektnamen SNAP! mit Hits wie "The Power", "Ooops Up", "Welcome To Tomorrow" oder "Rhythm Is A Dancer" zu den international erfolgreichsten deutschen Musikproduzenten der 90er Jahre.
Auf "Inaxycvgtgb" hört man, wie diese beiden Herren angefangen haben. Und für diese Scheibe gibt's von mir insgesamt (inclusive Nostalgie-Bonus) 5,5 von 10 Sternen. Mehr ist echt nicht drin bei so vielen Ausfällen.
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"Where Are You?", tönt es geheimnisvoll-verführerisch aus den Lautsprechern. Aber, moment mal, die Stimme kennt man doch? Ist das nicht? Nein, komisch, klingt wie ... mmhhm? Doch, kein Zweifel, er ist es: DJ-Urvater Sven Väth! Bevor der Turntable-Jetsetter aus Rödermark zur internationalen Karriere ansetzte, beglückte er in Kooperation mit dem Produzententeam Luca Anzilotti und Michael Münzing unter dem Kürzel OFF! die deutschen Fans mit cluborientierten Electro-Dance-Knallern wie "Electrica Salsa". Herrn Väths hessisch-englischer Kauderwelsch wurde schnell zum Markenzeichen.
Ein anderes Projekt jener Zeit trug den Namen 16 BIT, bei dem die beiden SNAP!-Erfinder allerdings mit wechselnden Interpreten zusammenarbeiteten. Das einzige Album (hier die CD) von ihnen mit dem unaussprechlichen Namen "Inaxycvgtgb" wurde mit dem Amiga gemacht. Mit 15 Tracks für heutige Verhältnisse prall gefüllt, inkl. Extended Edits sowie einem Bonus Track.
Das stark an die elektronischen Kraftwerk-Roots angelehnte "Where Are You?" entstand 1986 noch mit Sven Väth. Die Album Version ist allerdings ziemlich lahm und nicht repräsentativ. Das gilt übrigens für die meisten der auf dem Album befindlichen Singles! Unbedingt empfehlenswert sind dagegen die Maxi Singles, so auch bei "Where Are You?". Die Elektronik-Arrangements sind typisch für 16 BIT und wurden bei den nachfolgenden Single-Auskopplungen verfeinert. Der zweite Track, (Ina) Gadda-Da-Vida" (Club Mix) ist wahrlich keine Club- Nummer! Diese songorientierte Schnulze hat ganz versteckte Stärken. Tröpfelnde Synthie-Töne und weiche Elektronik-Schwaden verbinden sich gleichberechtigt mit der sehr emotionalen Stimme von Eddie Hind. Ein Highlight! Im Anschluss folgen "Be Quiet" und "Mac's Flight". Beides belangloses, instrumental gehaltenes Album-Füllmaterial. Dann wieder ein Hammer-Track! "Too Fast To Live" treibt mir Schweißperlen auf die Stirn. Ein wabernder Synthie-Generator sucht sich die Tonhöhe, tuckernder Rhythmus, Industrial-Donner gesellen sich hinzu. Die 16 BIT-Stimme stimmt sich fröstelnd, energisch, böse im Background ein, apathisch und elegisch schiebt diese dann den Track voran. "Raindance" (Feat. Eddie Hind) kann mich nicht überzeugen, daher geschwind weiter zum 16 BIT Klassiker schlechthin, "Changing Minds". Hart wird in 16 BIT-Manier diktiert, wie der Commodore AMIGA 500 zu bedienen ist: "learn to use this computer, don't try to lose control!" Flotte Synthie-Fanfaren, monotoner Beat, knappe Übergänge und die 16 BIT-Stimme in voller Bandbreite. Zweite Hit-Single. Die nachfolgenden vier Stücke sind nicht erwähnenswert. Einzig vielleicht "132 Beats xycvgtgb", ein mit deutschen Sprachfetzen angereichertes Instrumental. Nicht schön zu hören, aber ein interessanter Einblick in die musikalische Seele der beiden Produzenten.
Das Markenzeichen dieses Projekts waren Songs oder besser Disco Tracks, ohne wirkliche Strophen oder Refrains mit überlangen Intros und Fade Outs. 16 BIT arbeiteten viel mit gesprochenen Passagen, allerdings nicht gerappt, sondern im Sinne normaler Alltags-Kommunikation. Der typische 16 BIT-Sound enthielt immer diese zuckersüßen, knappen, verspielten Synthie-Melodien, die wohl mit dem AMIGA 500 erzeugt wurden.
1989 gaben 16 BIT mit der Single "Hi-Score" wieder ein kurzes Lebenszeichen von sich. 1989 war auch das Geburtsjahr von SNAP! Parallelen zum Sound und Beat sind unüberhörbar. Da allerdings SNAP! einen furioseren Start hinlegten, begrub man 16 BIT schnell wieder.
1995 und 1998 stellten 16 BIT die nach wie vor notorische Frage: "Where Are You?" nochmals. Neubearbeitete Clubnummern, teils angereichert mit dem Ariengesang eines richtigen Opernsängers.
Bis heute haben 16 BIT einen riesigen Stammplatz in meinem Fan-Herzen, aber ich rätsel bis heute, wieso prangt auf dem Album und einigen Singles das Commodore Logo? Verfügte die damalige Marketingabteilung des Amiga Konzerns über soviel Weitblick, schon damals einen Tonträger zu erstellen und zu sponsern? Muss 1987 allerdings ein Griff ins Klo gewesen sein, denn in diesem Fall hatten sie Pech mit dem Timing: zu früh gesponsert - wer zum Teufel ist Sven Väth? Oder total visionär - der Väth wird bestimmt noch ganz berühmt.
Wie dem auch sei, ich schätze mich glücklich eine seltene CD-Ausgabe von "Inaxycvgtgb" zu besitzen. Gekauft für 30 DM in einem Secondhand CD-, und Computer-Ramschladen, wird diese Rarität heute für weit mehr als 50 Euro gehandelt. Auch deshalb gibt es 8 Punkte.
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