New Model Army: Carnival CD
Genau meine Gedanken!
10 von 10 Sternen
©
2005,
Attack Attack (Rough Trade)
Seit nunmehr 25 Jahren sind New Model Army, die Band um Sänger und Hauptsongschreiber Justin Sullivan, im Geschäft. Auch wenn die großen Erfolge der Band mit Titeln wie "51st State", "Vagabonds", "Get Me Out" oder "Here Comes The War" schon einige Zeit zurückliegen, kann die Band aus Bradford (England) immer noch auf eine große und treue Fanbase bauen, die sich hierzulande mindestens einmal im Jahr zu einem Weihnachtskonzert, einer Art Familientreffen, zusammenfindet. Vor allem hat New Model Army jedoch den Ruf einer politischen Band. Dabei sind die Texte keineswegs als politische Manifeste zu verstehen, sondern vielmehr als kritisches, teilweise auch zynisches Statement zum Zeitgeschehen.
In diese Kerbe schlägt auch das 9. Album "Carnival", deren Texte eine paradoxe Glitzerwelt beschreiben, deren grellen Lichter die Wahrnehmung des allgegenwärtigen Leids trüben. Eine komplexe Thematik, die auch in der abermals von Joolz Denby gestalteten Coverabbildung dargestellt wird. Die kurzen Geschichten basieren immer wieder auf dem schwelenden Konflikt zwischen armen und reichen Nationen sowie der Bedrohung durch Terrorismus, dem man fast ohnmächtig und hilflos gegenübersieht. Die folgenden Textzeilen aus "Another Imperial Day" sind ebenso charakteristisch für große Teile des Albums wie aussagekräftig hinsichtlich der inhaltlichen Aktualität.
"Goods are free to move but not people
Oil is free to move but not people
Jobs are free to move but not people
Money is free to move but not people"
Auch die schmerzhafte Erfahrung des Verlusts eines nahe stehenden Weggefährten wurde textlich und musikalisch verarbeitet. Am 14.11.2004 erlag das langjährige Bandmitglied Robert Heaton einem Krebsleiden. Heaton, aus dessen Feder der NMA-Evergreen "Green & Grey" stammte, verließ 1998 nach den Aufnahmen zu "Strange Brotherhood" die Band. Im finalen Track "Fireworks Night" beschreibt Justin Sullivan die Bruderschaft zwischen Robert Heaton und ihm sowie seine Emotionen, als er vom Tod Robert Heatons Tod erfuhr.
Musikalisch ist "Carnival" von einer sehr düsteren, gedämpften Atmosphäre mit Einflüssen aus dem Blues- und Alternative Rock geprägt. Auffällig sind die überaus facettenreichen, packend-dynamischen Rhythmussektionen, die durch das energetische Getrommel Michael Deans vorangetrieben und von Nelsons quirligem Bassspiel begleitet werden. In sofern ist die Handschrift Deans, der sich verstärkt in das Songwriting integriert hat, deutlich spürbar. Sein rhythmisches Können hat er ja schon während Justin Sullivans Solotour zum Album "Navigating By The Stars", die er als Percussionist begleitete, bewiesen.
Der erste Höreindruck lässt dagegen die sonst so gewohnten und packenden Melodien mit Ohrwurmqualität vermissen. Diese erschließen sich aufgrund der stellenweise schwierig zu greifenden Songstrukturen und dem partiell etwas monotonem Gesangs erst bei mehrmaligem Hören. In diesem Zusammenhang fallen vor allem der Opener "Water" und "LS 43" ab. Stark sind dagegen das sich episch steigernde "Red Earth", "Another Imperial Day" und "Island", dem gleichwohl typischsten New Model Army-Track auf "Carnival". Gerade diese Lieder zeugen von der Reife der Band in Punkto Songwriting und Arrangements mit Streichern, Percussion-Elementen und für ein Rockalbum ungewöhnlichen Klängen, wie ein Glockenspiel.
Wie kaum einer Band ist es New Model Army bisher gelungen, jedem ihrer Alben einen unverwechselbaren Sound zu verleihen, nicht zuletzt auch durch den sehr charismatischen Gesang Sullivans und mit "Carnival" gelingt es ihnen ein weiteres Mal. Leider kommen mitreißende Melodien etwas zu kurz. Dafür ist dieses Werk gerade im rhythmischen Bereich überzeugend und man kann sich schon jetzt auf die emotionale und schweißtreibende Live-Umsetzung der neuen Tracks freuen. Nach 25 Jahren klingen New Model Army so frisch, wie lange nicht mehr.
Nach all den rockigen und lauten Klängen gehören die letzten Sekunden des Albums jedoch einem besonderen Freund der Band. Andächtig und herzzerreißend symbolisieren zarte Streicherklänge den Abschied von Robert Heaton.
8 von 10 Sternen
Genau meine Gedanken!
Vielen Dank für das Feedback.
cu in Cologne
aktualisiert am: 31.10.2005 / inhalt: kontrast / grafik: lexi
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