Nine Inch Nails: "With Teeth" CD

Cover: Nine Inch Nails: With Teeth CD © 2005, Interscope/Universal

Eigentlich war der Arbeitstitel dieser Rezension "6 Jahre - so alt wird kein Schwein". Immerhin dauerte es tatsächlich knappe 6 Jahre, ehe Trent Reznor mit "With Teeth" das vierte reguläre Studioalbum seines Projektes Nine Inch Nails veröffentlichte. Nach der Tour zum Vorgängeralbum "The Fragile" war Trent Reznor so ausgebrannt, dass ihn psychische Probleme und die Drogenabhängigkeit zu einer längeren Pause zwangen. In dieser Zeit war er, wie er mehrfach zu verstehen gab, mehr damit beschäftigt, am Leben zu bleiben, als an Musik zu denken.

Dennoch sind 6 Jahre gerade im Musik-Business eine sehr lange Zeit und auch für die Nine Inch Nails ein neuer Rekord. Und obwohl sich die Nine Inch Nails mit den Alben "Pretty Hate Machine" (1989), "The Downward Spiral" (1994) und "The Fragile" (1999) einen erstklassigen Ruf im Industrial-Genre erspielten, liefen sie doch Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Der Wendepunkt war dann im Oktober 2003, als das von Johnny Cash sehr emotional und eindrucksvoll interpretierte "Hurt" vom Album "The Downward Spiral" veröffentlicht wurde. Dadurch wurde nicht nur die Musiklandschaft wieder an die Nine Inch Nails erinnert, auch Trent Reznor bezeichnet diese Coverversion heute als eine Initialzündung, wieder Musik machen zu wollen.

Die Depressionen und der Selbstzerstörungsdrang sind seiner Musik jedoch nach wie vor deutlich anzumerken. Im Gegensatz zu früheren Werken scheint die Musik für ihn aber nun vordergründig kein Akt der Selbstzerstörung mehr zu sein. Vielmehr nutzt Trent Reznor seine Kunst nun zur Verarbeitung seiner Emotionen. So gewährt er beispielsweise im Song "Every Day Is Exactly The Same" tiefe Einblicke in seinen Gemütszustand:

"Every day is exactly the same
there is no love here and there is no pain...
I can feel their eyes are watching
In case I lose myself again
Sometimes I think I'm happy here
Sometimes I still pretend...
But I can tell you - exactly - how it will end..."

Dennoch sollte man die Text nicht auf eine Bedeutung beschränken. Häufig sind zwischen den Zeilen noch weitere Interpretationsmöglichkeiten versteckt. So kann zum Beispiel der Track "All The Love In The World" sowohl auf seinen eigenen Mikrokosmos bezogen als auch als eine Art Kopfschütteln über die militärische Vormachtstellung der USA und der zunehmenden Amerikanisierung der Welt gedeutet werden.

"Watching all the insects march along
Seem to know just right where they belong
Smears of face reflecting in the chrome
Hiding in the crowd I'm all alone?"

Musikalisch knüpfen die Nine Inch Nails an "The Fragile" an. In den rockigeren Stücken verbinden sie wummernde Bässe, kräftige Gitarren und elektronische Sounds zu einem bekannten Industrialsound. Auffällig sind dabei die vergleichsweise direkten Songstrukturen, wobei vor allem die erste Single-Auskopplung "The Hand That Feeds" mit einen hohen Abgehfaktor aufwarten kann und direkt ins Bein geht. Anders als auf dem Vorgängeralbum verzichtet Trent Reznor auf "With Teeth" jedoch vollständig auf Instrumentals. Dafür transportieren gerade die ruhigeren Momente in Tracks wie "Every Day Is Exactly The Same", "Beside You In Time" oder "Right Where It Belongs" durch dunkle Bassläufe, melancholische Keyboardsounds und das zarte Pianospiel eine fragile Schönheit und intensive, fast schon beklemmende Atmosphäre.

Leider entsteht beim Hören an mehr als einer Stelle der Eindruck, gewisse musikalische Elemente in älteren NIN-Tracks oder bei anderen Künstlern, wie Tool, A Perfect Circle, Limp Bizkit oder auch Gorillaz schon einmal in ähnlicher Form wahrgenommen zu haben. Das rhythmische Intro von "You Know What You Are?" erinnert beispielsweise stark an "Starfuckers Inc". Durch seine markanten Vocals und der leidenschaftlichen sowie emotionalen Musik gelingt es Trent Reznor jedoch, den neuen Tracks eine ausreichende Eigenständigkeit zu verleihen.

Mit "With Teeth" melden sich die Nine Inch Nails mit einem hörenswerten Album zurück. Basierend auf bekannten Sounds und Strukturen wurden 14 kraftvolle, emotionale Tracks in typischer NIN-Form und auf hohem Niveau kreiert. Vor allem die ruhigeren Tracks bieten unter die Haut gehende Emotionen. Leider bleiben jedoch die vielleicht erhofften kreativen Überraschungen aus. "With Teeth" ist weniger sperrig als "The Fragile", dennoch muss man es als Hörer schon ordentlich "durchkauen", um es in seiner komplexen Gesamtheit zu verdauen. Aber wozu haben wir schließlich Zähne?

Christians Wertung:

* * * * * * * */- - -

7,5 von 10 Sternen

Wer ist Christian?

 

Anderer Leute Wertungen:

Nine Inch Nails: "With Teeth" CD

3 Kommentare

Gudi sagte am 14.04.2006 um 23:25 Uhr:

Nine Inch Nails: With Teeth CD

With Teeth ist: Mehr klar herauszuhörende Instrumente, mehr Pop (->"Only"), weniger futuristische Soundeffekte (-> "Reptile", The Downward Spiral). Zwar erscheint das ganze Album im Gesamten ausgeglichener als seine Vorgänger, aber gerade dadurch verliert es an Biss. Trent R. findet seine Lebensfreude; Klingt blöd, lässt sich aber nicht anders ausdrücken: Schade.

5 von 10 Sternen

zitieren

Nebelgeist sagte am 16.04.2006 um 22:11 Uhr:

Nine Inch Nails: With Teeth CD

With Teeth ist: Mehr klar herauszuhörende Instrumente, mehr Pop (->"Only"), weniger futuristische Soundeffekte (-> "Reptile", The Downward Spiral). Zwar erscheint das ganze Album im Gesamten ausgeglichener als seine Vorgänger, aber gerade dadurch verliert es an Biss. Trent R. findet seine Lebensfreude; Klingt blöd, lässt sich aber nicht anders ausdrücken: Schade.

Ach, das alte Thema.
Gut, Trent Reznor hat seine Lebensfreude (oder besser: Den Ausweg aus den Drogen) gefunden-
aber darf man ein Album nach diesen Gesichtspunkten bewerten?
Würde man den bisherigen NIN Backkatalog als Metamorphose sehen, so bildet With Teeth doch sicherlich einen Abschluss eines Zyklus, wie ihn das Leben schreibt- und das ist immerhin insgemein ehrlicher, als ein Album zu machen, nur um die "Fans" zu halten, die NIN nur gehört haben, weils so dunkel und düster war.
Und das Album nur unter den gesichtpunkten zu bewerten, dass es Trent Reznor nun besser geht und dem Album nun die Kraft fehlt, finde ich ein wenig vorschnell geurteilt.
Denn was NIN vorher textlich hauptsächlich ausgemacht hat, ist die kritische Selbstreflextion Reznors, die immer noch vorhanden ist- nur diesmal aus einem weitaus nüchternen Blickwinkel.
Absoluter Meilenstein und Beweis dafür bildet allein "Right Where It Belongs", nach meiner Meinung einer besten Songs, die NIN je gemacht haben:

"What if everything around you
Isn't quite as it seems?
What if all the world you think you know
Is an elaborate dream?
And if you look at your reflection
Is it all you want it to be?
What if you could look right through the cracks?
Would you find yourself
Find yourself afraid to see?"

Ich für meinen Teil bin sehr gespannt auf das nächste Album, was dem Warten auf einen neuen Harry Potter Band gleicht- man will immer wissen, wie es weitergeht.

Und das, finde ich, ambitioniert sehr dazu, NIN treu zu bleiben.

8 von 10 Sternen

zitieren

Christian sagte am 23.04.2006 um 18:09 Uhr:

Nine Inch Nails: With Teeth CD

In welche Richtung hätte Trent Reznor sein Projekt entwickeln lassen sollen? 3 oder gar 4 CDs in eine Box packen, um damit "The Fragile" wenigstens in Punkto Quantität toppen zu können? Nach der langen Zeit war die Erwartungshaltung von Fans und Medien sehr hoch und ich denke auch, dass "With Teeth" in mehr als nur einem Moment nicht vollständig überzeugen kann. Eben auch, weil Mr. Reznor sich auf dem neuen Silberling nicht unbedingt als Soundtüftler präsentiert. Auf der anderen Seite ist er Songwriter und augenscheinlich auch als Mensch gefestigter, was man den aufgeräumten Kompositionen anhört.
In textlicher Hinsicht ist "With Teeth" meines Erachtens nach ein lyrischer Leckerbissen, wie man ihn als anspruchsvoller Hörer doch gerne zu sich nimmt.
Wie auch immer, pure Lebensfreude klingt doch anders. Trent Reznor setzt sich nur - wie Nebelgeist sehr schön formuliert hat - "nüchterner" mit sich und der Welt aus einander, aber immer noch mit ausreichend Biss.

7 von 10 Sternen

zitieren

 

Dein Kommentar:

 (Pflichtfeld)
 (Pflichtfeld, wird nicht angezeigt)
 (Pflichtfeld)
 (Pflichtfeld)
 
Text kann wie eine E-mail formatiert werden: *Hervorhebung*, > Zitat
 von 10 Sternen
Intelligenztest: Bitte trage in das folgende Feld ein Pluszeichen ein!
 (Pflichtfeld)

 

zurück Robotnik

zurück weitere Platte(n) Kommentare